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Yin Xiuzhen - Kunsthalle Düsseldorf

Im „Contemporary Art Museum“ in Peking installierte Yin Xiuzhen 1995 eine raumgroße Installation, die sich auf dem Fußboden ausbreitete: „Dress Box“ nannte sie diese Arbeit, die überwiegend aus von ihr selbst getragenen Kleidungsstücken der letzten drei Jahrzehnte bestand. Fernseher, ein selbst gezimmerter Koffer und Zement produzierten einen erhabenen, würdevollen Raum, der durch die strenge Anordnung der Gegenstände eine fast sakrale Gestaltung erhielt. Hier deutete sich bereits an, daß die chinesische Künstlerin sich auch in Zukunft mit Kleidung, mit Wolle und anderem Basismaterial für Kleidung beschäftigen wird.

Oben: Unbearable Warmth, 2008, 1000 Schals / Scarves, 365 cm Durchmesser, 25 cm Höhe, Courtesy of The Pace Gallery, Peking

Unten: Bookshelf No. 1, 2009, Kleidung, Holz, Bücherregal, 226 x 126 x 43 cm, Courtesy of The Pace Gallery, Peking

Mit fortschreitender Zeit vergrößerten sich die Installationen und Aktionen der Künstlerin, zunehmend verlagerten sie sich in den öffentlichen Raum. Die Stadt im Koffer, Peking oder Paris im fluffigen Kleinformat für unterwegs, die fremde Stadt in der fremden Stadt – der Behälter für persönliche Reiseutensilien verwandelte sich ebenfalls in einen öffentlichen Raum, der als Reisebegleiter die Welt, in der Yin Xiuzhen unterwegs war, im Koffer transportierte Yin Xiuzhen formte aus getragenen Kleidungsstücken ausstaffierte Koffer, die, mit Stadtplan, Licht und Ton bestückt, in dreidimensionaler Form markante Gebäude und Stadtteile weltweiter Großstädte um den Erdball beförderten. Die bei Bewohnern der jeweiligen Städte gesammelten und später in groben Stichen zusammen genähte Architektur aus Polohemden, Blusen, Reißverschlüssen und Jeanshosen umfasst neben New York und Shenzhen auch die chinesische Hauptstadt Peking. Sie wirkt mehr abstrakt als konkret, mittels einer Lupe ist durch ein Loch in dieser „Portable City“ genannten Serie der alte Stadtplan Pekings erkennbar. Auch für die Ausstellung in Düsseldorf zweckentfremdete Yin Xiuzhen einen Koffer und bestückte ihn mit markanten Gebäuden der Landeshauptstadt wie dem Fernsehturm, der Tonhalle und Kunstsammlung NRW. Für die zuvor in Groningen gezeigten Werke schuf die 19634 in Peking geborene Künstlerin ebenfalls einen Stadtkoffer.

In den 1990er Jahren entstanden stark politisch motivierte Arbeiten wie die Aktion „Washing River“, die die Folgen von Industrialisierung und Naturzerstörung thematisierte. Gezielt setzte Yin Xiuzhen die tatkräftige Unterstützung der Bevölkerung ein, um sinnbildlich und künstlerisch verfremdet einen verunreinigten Fluss zu reinigen. Zehn Kubikmeter dreckiges Wasser wurde in einer Eisfabrik zu einem rechteckigen Eisblock eingefroren. Anschließend bearbeiteten Passanten den Eisblock solange mit Bürsten und Wasser, bis das Eis geschmolzen war und wieder zurück in den Fluss gelangte.
Yin Xiuzhen schuf auch eine neue Form der Land Art, in dem sie nicht nur mit in der Natur vorgefundenem Material operiert sondern Gegenstände aus der Zivilisation in die Landschaft versetzt. Mit Butter gefüllte Schuhpaare drapiert sie um einen Tümpel in karger Naturumgebung („Shoes with Butter“), das in vielen Sprachen gesammelte Wort „Wasser“ schrieb sie auf eine transparente Kunststofffolie und legte sie auf einen schmalen Fluss. Neben der Natur spielen technische Geräte und Maschinen in Yin Xiuzhens Werk eine herausragende Rolle. Dem chinesischen, „Brötchen“ genannten Kleinbus setzte sie in überhöhter und deutlich verlängerter Form ein Denkmal für das Volk. Sie baute den Bus zu einer überdimensionalen Raupe aus, in dem sie zwischen Vorder- und Hinterteil des Fahrzeugs durch Stoffreste ein mehr als vierzehn Meter langes Vehikel baute, in dem Menschen sitzen, den alten Hit „Beijing Beijing“ hören und Gespräche führen können.
Wuchtig und filigran, ironisch und ernst zeigt sich in der Kunsthalle Düsseldorf eine Künstlerin, die sowohl die Globalisierung wie auch das Innere Chinas, seine Menschen und seine Gesellschaft als Thema entdeckt hat. Von haushoch bis koffergeeignet verfremdet und verzerrt Yin Xiuzhen das Private in der Welt und die Welt im Privaten.

Yin Xiuzhen (-10.03.2013)
Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4
Tel.: 0211-89 96 243, mail: mail@kunsthalle-duesseldorf.de
Di-So 11-18 Uhr, Eintritt: 5,50/3,50 Euro
Katalog: 39,99 Euro in der Ausstellung, 49,99 Euro im Handel
Weitere Infos: www.kunsthalle-duesseldorf.de
Weitere Infos: www.kunsthalle-duesseldorf.de
© 01. Februar 2013  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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