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FEEDER - Sensibilisierung der Sinne

In Hamburg regnet es. Oft. Lichter blitzen über nasse Straßen. Der antike Schriftzug des Spiegel-Magazins thront über diesem Szenario. Die Waterkant, unheimlich und faszinierend zugleich. Kein Steinwurf entfernt, in einem kleinen Büro, sitzt Grant Nicholas. Seine Musik ist ebenso melancholisch-schön wie das hanseatische Ouvre. Die Cover der Alben seiner Band Feeder zieren zumeist traurige Gesichter mit überdimensionalen Augen. Herzschmerz allerorten. Doch zugleich steckt in all dem der Wille, die Kraft, der Optimismus, nie aufzugeben.

Nicholas sitzt am Fenster. Fast sieht er aus wie die junge, schlanke Reinkarnation von Gérard Depardieu. Seine Heimat Wales verließ er 1989, um für ungefähr zwei Jahre in Londoner Aufnahmestudios zu arbeiten. Nun arbeitet er bereits über 10 Jahre an seiner eigenen Karriere, singt, spielt Keyboards und Gitarre, füttert seine Band mit Ideen. So erarbeiteten Feeder das Mini-Album „Swim“ (1996), die Longplayer „Polythene“ (1997), „Yesterday Went Too Soon“ (1999) und „Echo Park“ (2001). „Echo Park“ schaffte in England die Top 5-Chartposition und enthielt die Punk-Pop-Single-Hymne „Buck Rogers“ (ebenfalls Top 5). Es war das wohl `Primal Scream-eske´ Werk der Formation. „Ja, wahrscheinlich war es das. `Echo Park´ war ein Erfolg für uns. Aber gleichzeitig ist es das Feeder-Album, dass ich am wenigsten mag. Es enthielt einige Hit-Singles. Dadurch veränderte sich das Erscheinungsbild. Schon die Aufnahme war sehr schwierig für mich. Die Produktion ist zu sauber. Okay, es befinden sich gute Songs auf der CD, und es brachte die Band in kommerzieller Hinsicht ein großes Stück voran. Für mich persönlich, als Komponist, muß ich jedoch sagen, ich habe bereits besseres geschrieben!“ Dieses Album wurde gleichzeitig das Vermächtnis des Original-Feeder-Drummers Jon Lee. Er beging am 07.01.2002 Selbstmord. Seither erscheinen alle Feeder-Songs durchdrungen von der melodischen Suche nach dem, was es heißt, am Leben zu sein.
„Comfort In Sound“ folgte 2002. Obwohl im Booklet lediglich Nicholas und Basser Taka Hirose abgebildet waren, hatte der Ex-Skunk Anansie-Drummer Mark Richardson bereits die Drumparts übernommen. „Es war nach Jon´s Tod einfach noch zu früh für uns, Mark als Mitglied zu integrieren. Und für ihn war der Skunk Anansie-Split noch zu frisch. Er wollte jedoch gerne fest dabei sein, nun ist er es. Ich kann nicht arbeiten, wenn ich nicht weiß, ob jemand dazu gehört, oder nicht. Feeder-Musik unterscheidet sich natürlich vom Skunk Anansie-Sound. Aber unsere alten Stücke kommen dem manchmal doch recht nah. Ich liebe Rock, ich liebe Riffs...unser erstes Album vor fast zehn Jahren war ja auch recht hart!“
Die harten Elemente verwandelten sich in schnörkellose, melodieverliebte Power-Pop-Sounds, unverkennbar `british style´. „Pushing The Senses“ war geboren. Ein Statement neuer Melancholie eines nun älteren Musikers? „Ja, könnte sein. Man mag sich schließlich nicht wiederholen, strebt nach Weiterentwicklung. Obwohl...ich kann nicht ausschließen, dass eins der nächsten Alben nicht doch wieder heavier sein wird.“ Der Titelsong erinnert programmatisch stark an das englische `Snub TV´der Endachtziger... „Ja, `Pushing The Senses´ beinhaltet irgendwie dieses Indie-Ding. Es hat diesen 80er-Jahre-Gitarrensound, ist ein kraftvoller Rocksong. Trotzdem distanziert er sich klar von einem Skateboard-Rocksong!“
Skateboards haben zwar Räder, sind aber nicht das bevorzugte Fortbewegungsmittel des Grant Nicholas. Er liebt alte Fahrzeuge nahezu aller Fabrikate. „Ein Citroén, wie er auf dem Cover von `Yesterday...´ gezeigt wird, ist einer meiner absoluten Favoriten. Ich liebe dieses Auto, würde mir sehr gerne ein solches kaufen. Aber, gut erhalten, sind sie sehr schwer zu finden.“ Eine Fachsimpelei, wie sie wohl nur Männer untereinander führen können, begann. Märkte wurden abgesteckt, nicht nur die Blechkarossen betreffend, auch musikalisch. „Ich bin derzeit permanent unterwegs. Österrreich, Wien. Belgien, Brüssel. Köln, Hamburg, anschließend geht es für eine Woche nach Japan. Das unser Bassist japanischer Herkunft ist, ergibt noch keine Garantie für den Erfolg dort, aber es ist schon hilfreich. Wir haben in Japan bereits viele Festivals gespielt, dort getourt. Taka´s Landsmann Naohiro Takahara spielt hier in Hamburg Fußball, oder?“ Persönlichkeiten werden diskutiert. „Ich würde gerne einmal mit Brian Eno zusammenarbeiten. Ihn habe ich vor drei, vier Jahren einmal bei der Verleihung der Q-Awards getroffen. Er ist ein wirklich cooler Producer, ich habe ihm bereits einige Tracks zugeschickt.“ Kolleg(inn)en finden ebenso Erwähnung. „Ich liebe das Zeugs von PJ Harvey. Großartig. Mit ihr würde ich gerne einen Song aufnehmen. Leider konnte ich ihr bisher nur einmal kurz `hallo´sagen, als wir in Irland zusammen auf einem Festival spielten. Sie war fantastisch, sah soooo cool aus...“ Erinnerungen werden herausgekramt. „Muse kennen wir sehr gut. Wir gaben ihnen eine ihrer ersten Möglichkeiten, in England als Tour-Support unterzukommen, als sie noch eine `kleine´ Band waren. In Europa sind Muse mittlerweile viel bekannter als wir. So kam es, dass wir schließlich zum Muse-Support wurden. Wir begleiteten sie in Europa, Australien und Amerika.“
Derzeit sind Feeder gerade in Deutschland unterwegs, diesmal als Headliner. Support: Swan Lee. Entstehen hier gerade die Geschichten für zukünftige Stories?

Aktuelles Album: Pushing The Senses (Echo / PIAS).
Weitere Infos: www.feederweb.com
© 03. März 2005  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe
März 2005

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