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HANS NIESWANDT - Auflegen statt aufgeben

So lange ich denken kann, war Arafat der Präsident der Palästinenser. Und so lange ich mich für House interessiere, war Hans Nieswandt ein treuer Begleiter. Sei es als Teil des Hit-Trios Whirlpool Productions oder solo, als DJ, als Journalist oder auch als Schriftsteller. Seit jeher steht er für einen deepen Sound und einen pointiert reflektierten Umgang mit dem Phänomen DJ Culture. So wurde er mit seinem ersten Buch „Plusminus 8“ (Kiwi 2002) zum besseren von Stuckrad-Barre, denn für diesen hörte die Welt ja bekanntermaßen bei den DJ-Kicks von Kruder & Dorfmeister auf.

Und was hat das alles nun mit Arafat zu tun? Zugegeben eher wenig. Nur ziert Hans Nieswandts neues Album ein Foto eines Musikalienhandels in Ramallah. Und er ist natürlich auch nicht gerade abgetreten, sondern vielmehr erneut angetreten. Fünf Jahre nach seinem Solodebüt „Lazer Muzik“ auf Ladomat und vier Jahre nach dem letzten Whirlpool Productions Album meldet sich der Wahlkölner mit einem neuen Werk zurück.

In der schnelllebigen Welt der elektronischen Musik ist eine vierjährige Abstinenz eine Ewigkeit und wenn man kein absoluter Superstar ist, kann man sich eine derartige Abwesenheit aus dem stets sich drehenden Veröffentlichungskarussell kaum leisten. Es sei denn, man gehört zu den wenigen Integrationsfiguren der deutschen House-Szene und hat somit einen schon fast zeitlosen Status erreicht. Zu diesem Kreis kann man Hans Nieswandt durchaus zählen. Denn er war zusammen mit seinen ehemaligen Mitstreitern Justus Köhncke und Eric D. Clark auf allen Ebenen des Musikzirkus zugegen. Mit ihren ersten Tracks als Whirlpool Productions auf Ladomat, mit ihrem Überraschungshit „From: Disko To Disko“ als Nummer-Eins-Act in Italien bei Tim Renners Motor und schließlich als Opfer des übermäßigen Erfolgsdrucks mit dem sperrigen Abschiedsalbum „Lifechange“ bei WEA. Somit hat er alle klassischen Stufen des Popstardaseins durchlebt und kann sich mit seinen 40 Jahren entspannt zurücklehnen.
Die widersinnigen Gesetzmäßigkeiten des Music Biz sind ihm ausreichend bekannt und deshalb ist es ihm auch wichtig, keine Musik mehr unter Druck zu veröffentlichen. Vor zwei Jahren hatte er nach dem Projekt Schriftsteller wieder angefangen, auf Mathias Schaffhäusers Label Ware neue Stücke rauszubringen. Als private Geste, um nicht aus der Übung zu kommen. Daraus wurde dann bald ein ganzes Album. Doch die neuen Tracks unterschieden sich vom bekannten Nieswandt. Hier war mittlerweile ein Connaisseur am Werk, der – nach eigener Aussage auch durch die genaue Inspektion als Schriftsteller geschult – immer größeren Wert auf Feinheiten legt. Es bot sich das Bild eines Ganzen, dem man nur in einem größeren Rahmen gerecht werden konnte. Da passte es natürlich perfekt, dass man sich bei Ladomat/Mute der Sache annahm.
Und Ramallah?
Auch das ist ein Teil des umtriebigen Künstlers. Denn Hans Nieswandt hat das große Glück, zu den DJs und Musikern zu gehören, die das Goethe Institut für so sendungsbewusst hält, dass man diese in der ganzen Welt herumschickt, um Eindrücke deutscher Kultur zu vermitteln. Eine solche Reise führte ihn auch in den Nahen Osten, wo er mit DJ Workshops House Partys dem bedrohlichen Alltag in diesen Krisengebieten etwas geradezu Banales entgegensetzen wollte. Denn natürlich existiert dort auch der ganz normale Alltag, den man sich – hauptsächlich als Mann allerdings – auch gerne mal mit ein bisschen Musik verschönen möchte. Leider wurde Nieswandts Auftritt in Ramallah kurzfristig wegen eines Attentats abgesagt, denn die Befehlshaber fanden es nicht an der Zeit, zu tanzen.

Aktuelles Album: True Sound Center (Ware(Ladomat/Mute/EMI)
Weitere Infos: www.hansnieswandt.de
© 01. Dezember 2004  WESTZEIT ||| Text: Dennis Behle
Dezember 2004

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