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TORRES - Der Erfolg, den keiner mitbekam

In England und ihrer amerikanischen Heimat ist sie längst keine Unbekannte mehr. Mackenzie Scott, Jahrgang 1991 und Alleininhaberin des Projekt Torres. Mit dem gleichnamigen Debüt konnte sie vor zwei Jahren jede Menge Kritikerlob einheimsen, nur hierzulande scheint der Erfolg auf sich warten zu lassen. Ihr neues, zweites Album ´Sprinter´ könnte dies ändern.

Dabei zeigt sich die aus Nashville angereiste Songwriterin realistisch genug und weiß, dass Musik Zeit braucht: „Ich versuche alles hineinzupacken, was mir auf der Seele brennt und kann verstehen, dass dies nicht sofort bei jedem auf offene Ohren stößt – manchmal zwei Anläufe benötigt“, resümiert das ehemalige Nirvana-Fangirl und scheint die Hausaufgaben gemacht zu haben. Vom Himmel gefallen ist aber bekanntlich noch kein Meister – wie der Volksmund sagt.

Der Jetlag von mehreren Stunden macht Mackenzie Scott am Interviewtag weniger zu schaffen, als die immer gleichen Fragen nach den Einflüssen für ihr Projekt Torres:

„Es ist komisch, in England spielt das gar keine Rolle mehr und bei euch kommt es mir vor, als sei ´Sprinter´ fälschlicherweise mein erstes Album.“

Eine Irritation, die zuallererst darin begründet liegt, dass 2013 die Musiklandschaft nicht weltweit Aufmerksamkeit für das gleichnamige Torres-Debüt aufbrachte. Während die bereits erwähnten Indie-Medien à la Pitchfork oder NME jubelten, konnten sich deutsche Magazine nicht sofort einnehmen lassen.

Trotzdem zog es Torres für die Produktion des Nachfolgers direkt nach Europa. Zusammen mit ihrer Begleitband verschanzte sie sich ins Studio von niemand geringerem als Portishead-Produzent Adrian Utley – um dort ungestört an den neuen Sachen arbeiten zu können.

„Das ist kein Anbiederungsversuch“, stellt Scott sofort klar, „vielmehr war es der beste Weg ohne irgendwelche Ablenkungen an ‚Sprinter’ zu arbeiten. Zuhause geht das nicht ohne weiteres, da habe ich mein Umfeld und bin leider jemand, der sich leicht anderen Dingen zuwendet.“

Was dem Ergebnis nicht anzuhören ist. Auf den Punkt genau beginnt ´Sprinter´ zunächst wuchtig im Indierock, verzieht sich mit anhaltender Spieldauer aber mehr und mehr in die hinteren Ecken der Gefühlswelten. Wird ganz am Ende gar derart minimal, dass man versucht ist zu glauben, es handle sich um eine Art Konzeptalbum.

Eine Einschätzung im Sinne der Erfinderin?

„Falsch auf jeden Fall nicht“, gibt Torres zu und betont, dass ihr die nachlassende Geschwindigkeit der Songs während der Sessions schnell auffiel und es irgendwann logisch war, ein Album daraus zu formen, das diesen Aspekt aufgreift.

„Letztens fragte mich ein englischer Journalist, wie ich meiner besten Freundin den Klang der Platte erklären würde und mir gingen zwei Dinge durch den Kopf: ‚Out of Space’ und ‚Cowboy’. Das sind zwar keine Genreschubbladen, aber eben meine persönliche Einschätzungen.“

Obschon Cowboy ein gutes Stichwort ist, denn letztlich erinnert der gerne mit PJ Harvey verglichene Sound erstaunlich wenig an Torres’ Wahlheimat Nashville und an die dort u.a. überlebensgroßen Helden wie Johnny Cash oder Steve Earle. Trägt die Stadt den Titel ´Music City´ etwa umsonst?

„Dort hinzuziehen war keine Entscheidung, die ich traf, sondern die meiner Eltern und das aus rein beruflichen Gründen. Ich mag Nashville allerdings und die Stadt ist wirklich voller Musik. Auf Konzerte gehe ich trotzdem selten. Verglichen mit einigen Freunden, die sich jeden Abend in Kneipen Gigs anschauen.“

Die Konzentration auf das eigene Songwriting hat für Meckanzie Scott absoluten Vorrang. Sogar ein Studium nahm sie dafür auf sich.

„Ich habe Kurse an der Uni besucht“, lacht sie und erwähnt, wie schrecklich das war, „du arbeitest quasi nach Schema F. Wie bei Malen nach Zahlen wird dir alles beigebracht.“

Was darin endete, dass ihr Professor der Meinung anheimfiel, seine Studentin solle lieber Richtung Country gehen, sonst wird das nichts mit der Musikkarriere. Torres lächelt heute darüber und wird abschließend noch einmal ernst:

„Ich wünsche mir, dass ‚Sprinter’ bei euch ein paar Anhänger findet“, stapelt sie tief und schaut auf den großen Tisch vor ihr. Sollte machbar sein, denn natürlich hat die Platte ganze Stadien voller Support verdient.

Aktuelles Album: Sprinter (Partisan / PIAS / Rough Trade)
© 01. Juni 2015  WESTZEIT ||| Text: Marcus Willfroth ||| Foto: Shawn Brackbill
Juni 2015

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