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ANY GIVEN DAY - Nicht nur harte Riffs durchprügeln

Der Pott war immer schon ein guter Nährboden für Musiker, die der härteren Gangart frönen. Man denke dabei nur Miland ´Mille´ Petrozza und seine Band Kreator. Jetzt macht mit Any Given Day aus Gelsenkirchen eine neue harte Truppe von sich reden. Eine Band, die alles hat, um die Fahne des Metal in die Zukunft zu tragen. Wenn man gleich beim Debüt-Album, das übrigens ´My Longest Way Home´ betitelt ist, eine solche Aussage trifft, dann muss der Fünfer schon einiges zu bieten haben.

Wohl überlegt musikalische Akzente setzen

Das hat er. Und zwar auch deshalb, weil die Genre-Schublade Metal zwar passt und im gleichen Moment auch wieder nicht. Wenn man dann herausfindet, dass sie mit einer Coverversion von Rihannas ´Diamonds´ eine erste größere Aufmerksamkeit auf sich zogen, irritiert das auch. Was heißt größere Aufmerksamkeit? Mal eben mehr als 2,5 Millionen You Tube-Klicks. Wer sich so etwas traut und es zudem auch so aufregend umsetzt, wie Any Given Day es getan haben, der kann dies nur auf dem Hintergrund eines gerüttelt Maß an Musikalität tun. Da werden wohl überlegt musikalische Akzente gesetzt. Ganz egal, ob es die kompromisslose und energiegeladene Härte anbetrifft, oder die zupackenden melodischen Anteile der Stücke. Und da ist eine Stimme, die röcheln, heulen, kreischen, gurgeln aber auch säuseln kann. Da steht kein Liedteil neben dem anderen, alles ist Eins. Und da ließe sich nicht einmal Platz finden, um das denkbar dünnste Blatt Papier dazwischen zu schieben. Auch eine gewisse Selbstironie scheint immer durch.

„Die ‚Diamonds’-Nummer, die hat uns schon weit nach vorn katapultiert“, weiß Gitarrist Dennis ter Schmitten, „von knapp 600 sich langsam steigernden ‚Gefällt mir’-Angaben auf unserer Facebook-Seite, ausgehend, hatten wir plötzlich, fast aus dem Stand heraus sind mehr als 17.000. Plötzlich bekamen wir Anfragen, ob wir Konzerte geben wollen.“

Any Given Day sind in der Spur. Und die gedenken sie nicht mehr zu verlassen.



Hohe Musikalität und pure Leidenschaft

Da Musikalität nicht so vom Himmel fällt oder auf Bäumen wächst, haben Gitarrist Andy Posdziech, Sänger Dennis Diehl, Gitarrist Dennis Ter Schmitten, Bassist Michael Golinski und Schlagzeuger Raphael Altmann erstmal ein paar musikalische Lehr- und Wanderjahre eingelegt.

„Persönlich kennen wir uns über zehn Jahre und haben immer gegenseitig im Blick gehabt, was der jeweils andere da so kreativ gerade macht“, ergreift Michael Golinski das Wort. Doch solche Lehr- und Wanderjahre führen auch zu der Erkenntnis, was man musikalisch nicht will.

„Dazu gehörte unter anderem, dass wir harte Riffs nicht einfach so durchprügeln wollten“, fügt Dennis Ter Schmitten an, „und es fehlte uns in den anderen Bands auch immer an unbedingter Notwendigkeit und purer Leidenschaft. So saßen wir irgendwann im Herbst 2012 plötzlich in einem Boot und ruderten los.“

Die Leidenschaft ist eins, doch um Großes anzustoßen - ganz egal in welchem Genre -, bedarf es auch der bereits angesprochenen Musikalität. Und da hat es sicherlich nicht geschadet, dass beispielsweise Dennis ter Schmitten im Kindesalter mit der Blockflöte begann und sich in der Musikschule auch die Klarinette griff.

„Zur Gitarre kam ich erst relativ spät“, erinnert er sich, „es war die akustische Gitarre meines Vaters. Elektrisch musste dann werden, als ich Metallicas ‚S&M’, also ‚Symphony and Metallica’ hörte.“



Disziplin und harte Arbeit

Doch unter Zeitdruck lassen sich Any Given Day bei ihrer weiteren Arbeit nicht setzen.

„Was soll denn auch dabei rauskommen, wenn du, bloß weil es einen kleinen Erfolg gibt, das Denken einstellst?“, fragt Michael Golinski, „es gibt vielleicht das eine oder andere Stück, dass sich mehr oder weniger von selber schreibt. Die Regel ist das aber nicht. Auch Metal erfordert Disziplin und harte Arbeit. Kreativität lässt sich eben nicht erzwingen.“

Die Stücke von Any Given Day entstehen zunächst nicht im Proberaum, sondern am Rechner im Wohnzimmer des Gitarristen. Auch eher ungewöhnlich für eine Metalband. Ungewöhnlich ist noch eine weitere Tatsache, die nämlich, dass auch der Sänger, Dennis Diehl nicht alle Texte schreibt.

„Im Textbereich sind alle aktiv“, ergänzt Andy Posdziech. Im Proberaum schlägt dann die Stunde der Wahrheit. Dort wird gemeinsam an den Vorlagen gearbeitet.

„Wir handeln dabei alle nach der Prämisse, jedes gute Stück kann man auch noch besser machen“, fährt Dennis ter Schmitten fort, „und zwar solange, wie du ihm durch zu viel Nachdenken nicht das gerade eingeflößte brachiale Leben wieder raubst.“

Wer mann sich die Lieder auf dem Debüt-Album einfach mal durchhört, angefangen bei ´Darkness Within´ und aufgehört mit ´Possession´, muss gesagt werden, diese Balance zwischen Nachdenken und im richtigen Zeitpunkt aufzuhören nachzudenken, die ist Any Given day formvollendet gelungen.



Und dieses Durchhören bereitet eine diebische Freude, die auch Nicht-Metall-Fanatiker haben werden. Bei Any Given Day paaren sich so viel gute Eigenschaften in einer Band. Dazu gehören nicht nur die bereits angesprochenen, Leidenschaft, Musikalität und Selbstironie. Dazu gehört auch tiefes Gefühl, das sich in der einzigen Ballade des Albums ´Dead Forever´ massiv Bahn bricht. Zur Klarheit und der Transparenz der Stücke hat sicherlich auch Mischer Aljoscha Sieg einen nicht unerklecklichen Anteil beigetragen.

Aktuelles Album: My Longest Way Home (Redfield Records / Alive) Vö: 05.09.
© 02. August 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Mirko Witzki
August 2014

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