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TEHO TEARDO / BLIXA BARGELD - Über den Dächern von Rom

Zwei große Männer der experimentellen Musik haben sich vor einigen Jahren bei einem Theaterprojekt in Mailand kennengelernt, zu dem Teardo die Musik beisteuerte und Blixa als Schauspieler agierte. Man beschloss, irgendwann mal ein gemeinsames Projekt zu machen. Nun ist es soweit - die gerade auf Teardos eigenem, sonst vor allem seinen Theater- und Filmmusiken gewidmeten Label erschienene Platte heißt "Still Smiling" und beginnt mit einem großen "Mi Scusi".

Blixa, du entschuldigst dich gleich zu Beginn für den starken Akzent?

BB: Ich hielt es strategisch für eine gute Idee. Nach "Entschuldigen Sie mein schlechtes Italienisch!" kann man alles tun (lacht).

Von wem stammen die musikalischen Entwürfe?

TT: Ich begann mit ein paar sehr schlichten Ideen, ein paar Gitarren, etwas Fender Rhodes für die Grundlinien. Nur einige knappe Ideen.

BB: Du solltest das nicht kleinreden - einiges war komplett fertig!

Manches erinnert mich an Tehos Arbeit mit Eric Friedlander (eine Größe in John Zorns "down-town"-Szene und Masada-sideman) - dieser Cello-Klang, die Streicher überhaupt.

TT: Eric ist seit langem ein sehr guter Freund von mir. Er hat mir den Weg von der Gitarre hin zu etwas anderem gezeigt. Die beiden (schaut zu BB) haben sich nie getroffen, trotzdem ist da eine starke Verbindung.

BB: Auf diesem Album gibt es kaum percussion. "It's Kammermusik". Das gab auch eine Richtung für die Texte vor. Der Zugang zu den Texten ist sehr "1. Person Singular" und es ist immer irgendwie "Italien" in den Stücken. Ich zitiere Giorgio Agamben, mache Kommentare zu Berlusconi, trotzdem ist es nicht ÜBER Italien.

Wie nehmen Italiener den deutschen Akzent wahr?

TT: Das machte die Sache interessant.

Nicht etwas lächerlich?

BB: Hej, ich hatte einen professionellen Sprachtrainer (lacht).

TT: Wir hatten einen deutschen Papst, der Italienisch sprach. Dessen Akzent war so lächerlich, ein permanenter Witz.

BB: In den deutschen Nachrichten sah es immer so aus, als spräche der Mann perfekt Italienisch.

TT: Sein Akzent war schrecklich! Das typische deutsche Klischee.

BB: Die Kalligrafien im artwork hat übrigens die offizielle Schreiberin des Papstes gemacht hat. Wir wollten keine normale Schrifttype verwenden. Ich fing erst selbst mit etwas Kalligrafie an, parallel dazu kam Teho mit dieser Frau in Rom in Kontakt.

TT: Ja, ich war bei ihr und sah einen Stapel Papiere auf ihrem Schreibtisch liegen. Ich fragte: Was ist das? - Ach, das ist für den Papst. Wirklich "strange".

Und was sind das für seltsame Hüte, die ihr auf den Fotos tragt? Pesthüte?

BB: Das artwork sollte s/w sein, nach ganz früher Fotografie aussehen. Wir haben diesen "old style" imitiert, dieses Okulte, Geisterfotografie. Und eines Morgens hatte ich diese Idee mit den spitzen Hüten. Ich ging zu einem Laden am Moritzplatz - die hatten welche: Schultüten (lacht)!

War es musikalisch denn ein Zusammenspielen oder "filesharing"?

BB: Nein, kein filesharing. Es ist ist komisch - jeder, der so lange Musik macht wie ich, hat Equipment zu Hause, ich nicht. Ich habe natürlich einige Instrumente, aber keine Aufnahmetechnik. Mein Kommunikationsmittel ist das Klavier. Ich habe es nicht gelernt, kann aber gut genug spielen, um Ideen zu formulieren und niederzuschreiben.

TT: Immer, wenn ich mit anderen Musikern arbeite, wollen die von mir gar keine Noten. "Gib mir eine Idee, wie es klingen soll - spiel es auf der Gitarre an!" Das gibt ihnen eine größere Freiheit.

BB: Ich habe im alten Neubauten-Studio den Gesang aufgenommen, dann bin ich nach Rom geflogen, wo Teho im "Vorführhäuschen" eines alten Kinos sein Studio hat. Eine wirklich bizarre Szenerie, dort im "Mercato Esquilino" hinter dem Hauptbahnhof. Teho nahm hauptsächlich die Streicher auf und spielte Baritongitarre. Ich habe vor allem Hammondorgel gespielt, etwas Clavichord und ganz wenig Gitarre.

In den Texten sprechen geht es viel um Sprache.

BB: Die Texte sind von mir, aber meine Italienisch-Kenntnisse reichen natürlich nicht aus. Ich wusste in welche Richtung ich jeweils wollte und konnte mit einem Übersetzer nach neuen Bildern suchen. Z.B. "ich habe weiche Knie", das gibt im Italienischen überhaupt keinen Sinn: "Meine Knochen sagen 'giacomo giacomo' ". So ergibt sich eine ganz altertümliche Sprache, die sonst keiner mehr benutzt. Vieles hat mehrere Perspektiven und Hintergründe. Die Umgebung meines Hotels im "Mercato Esquilino" ist von chinesischen und indischen Unternehmen geprägt - so eine Art "Textilgroßhandelszentrale". Da war eine Konfuzius-Staute, palästinensische Protestbanner und "una foresta di antenna" für diese Masse an TV-Kanälen. Während wir in Sardinien waren, sind Leute durch ein ganz kleines Fenster in Tehos Appartment eingebrochen, ein weiteres Motiv. Am Ende war ich bei Steinfiguren, die auf den Dächern stehen und die Dinge in "a Mae-West-fashion" kommentieren: die kleinen Einbrecher mit den großen Kanonen in den Hosentaschen. Oder das berühmte "Economist"-Titelbild: "Berlusconi - the man who screwed an entire country". Eigentlich schade, dass ich das hier jetzt alles entzaubert habe.

Doch keine Angst, "Still Smiling" bietet trotzdem nicht nur prächtige Klangkulissen für Blixas Worte, sondern noch immer viele entdeckenswerte Geheimnisse.

Aktuelles Album: Still Smiling (Specula Records / RTD)
© 01. Juli 2013  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla ||| Foto: Thomas Rabsch
Juli 2013

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