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ANTON TSCHECHOW/FRANK CASTORF "DAS DUELL" - 27.03. Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin

Doch, Theater gehört durchaus zur Popkultur. Zumindest, wenn Castorf an seinem Panzerkreuzer die Klassiker atomisiert. Das war in den 90ern ein großer Spaß, den auch das Feuilleton ganz nett fand und noch immer strömen die (vergleichsweise jungen) Zuschauer in Scharen zur Volksbühne. Aber was sich zuletzt schon andeutete, wird bei dieser Dramatisierung eines Kurzromans des derzeit (möglicherweise auch als Kontrast zu seiner bevorstehenden Wagnerei in Bayreuth) offenbar im Zentrum von Castorfs stofflichen Interessen stehenden elegischen Russen quälende Gewissheit: Der Meister hat sich verrannt, ist erstickt im Videorausch (inzwischen wird ein gutes Drittel der Handlung aus dem Bühneninneren auf Screens (oder Betttücher) projiziert) und hat seinen Assoziationskosmos komplett vom Zuschauerverständnis entkoppelt. Wer sich nicht vorher die Handlung anliest oder recherchiert, dass Castorf z.B. die Idee für eine (bis auf Hermann Beyer als wunderbare Ausnahme) durchweg weibliche Besetzung einem dystopischen tschechischen Experimentalfilm von 1967 entlehnte, wird 4 Stunden lang NICHTS verstehen. In diesem Fall bliebe dann Zeit für Meditationen über das großartige Bühnenbild (ein qualmender Kohlehaufen hinter einem Holz(bauern)haus), schöne sinnentleerte Sätze wie "Die Suppe schmeckt nach Lakritz" oder die Metaphysik des bunten Dixiklos. Wo Castorf vor 15 Jahren etwa in der Figur des zynischen Sozialdarwinisten von Koren noch genüsslich den ExzeßKapitalisten im Kleinbürger vorgeführt hätte, lösen sich heute die Geschlechtergrenzen im Wodkarausch auf: Karpatengender. Doch einige schöne Bilder bleiben hängen: der Tanz mit Länderfahnen (das USA-Banner wird da gleich wieder weggelegt) oder das Kuscheln unter der Folie im Theaterregen, an diesen Stellen wird der Text nachrangig und die Inszenierung groß. Die Schauspieler sind über jeden Zweifel erhaben: Kathi Angerer glänzt mit einem sinnfrei-welterklärenden, dadaistisch-kenntnisreichen, mit kunstvollen Versprechern gespickten Schlußmonolog; die großartige, stets reduziert-wirkungsmächtig als teilnehmende Beobachterin agierende Silvia Rieger verdoppelte ihre Rolle mal eben um die ihrer 5 Tage vor der Premiere ausgefallenen Kollegin Spassova und Sophie Rois ist sowieso (auch hier) unvergleichlich. Das Duell selbst findet übrigens zweimal (bzw. gar nicht statt): gleich zu Beginn als Rois Amok läuft und kurz vor Schluß, als Beyer heroisch-motivationsfrei Suizid begeht.


Weitere Infos: www.volksbuehne-berlin.de
© 01. Mai 2013  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla
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