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GILBERT & GEORGE - Jack Freak Pictures - Deichtorhallen Hamburg

Sich selbst inszenieren – wer tut das nicht gerne. Schick und adrett für die After-Work-Party, lässig-cool für den Dancehall-Abend, schrill-schräg für den Maskenball. Gerne schlüpfen wir dann in eine andere Haut, wenigstens aber in anderer Kleider und identifizieren uns mit denen, die sich als Original ebenso inszenieren. Das italienisch-englische Künstlerpaar Gilbert & George, zwei keineiige Zwillinge, wie es scheint, stilisieren nur sich selbst und zelebrieren ihr Image als konservative Dandys und farbig-poppige Ikonen einer sehr britischen Kunst.

Auf dem Soundtrack-Album „The Kids Are Alright“ (1979) liegen The Who schlafend unter einer großen Union-Jack-Flagge. Who-Gitarrist Pete Townshend trug bereits in den sechziger Jahren ein aus der britischen Flagge geschneidertes Jackett. Die schrill-bunten Fashion-Jahre in den Sixties, deren Hauptquartier in der Londoner Carnaby Street lag, und die gleichzeitig stark werdenden Kunstrichtung Pop-Art stilisierten Alltagszubehör, daß immer häufiger aus den profanen Lebensbereichen entnommen und ikonografisch überhöht als Kult(ur)beigaben genutzt wurde, zum unverzichtbaren Bestandteil der Jugendkultur. Was Pete Townshend für die Rockmusik verkörperte, taten ihm das Künstlerpaar Gilbert & George (*1943/1942), die als lebende Skulpturen den Personenkult in der Kunst personifizierten, in der Kunstszene gleich.

Seit 1967 ist das Künstlerpaar Gilbert (Proesch) und George (Passmore) ein Paar. Sie lernten sich in London in der St. Martin's School Of Art kennen und arbeiten und leben seit dem zusammen. Das unzertrennliche Nichtzwillingspaar blickt inzwischen auf zahllose Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen zurück, immer gemeinsam, immer unzertrennlich. Es fällt schwer, die Künstler mit markanten Werken in Verbindung zu bringen, ihre Biografie anhand von unverkennbaren künstlerischen Paukenschlägen zu identifizieren. Was vielmehr im Auge haftend bleibt ist die Inszenierung zweier Personen als Kunstwerk, die sich als lebende Skulptur begreifen und als solche den Kunstbetrieb einnehmen. Sie führen sich vor, sie stellen sich dem Publikum als sozialisierte Individuen, denen nichts näher liegt als ihre eigene Person. Ihr stilisiert wirkenden Performances wirken statisch-leblos, sie greifen sich gegenseitig mit dem Finger in den Mund, präsentieren sich als drehende, singende Skulpturen – immer adrett gekleidet, immer up to date, immer auf Etikette bedacht, immer mit der Distanz zum Betrachter.

Einen der neuesten, umfangreichsten Werkkomplexe zeigen die Deichtorhallen in Hamburg in einer großen Ausstellung mit nahezu einhundertzwanzig Arbeiten des Künstlerpaares. Im Zentrum steht der Union Jack, den Gilbert & Georges als Bindeglied ihres mehr als vierzigjährigen Engagements um ihre künstlerischen Themen und Emotionen gewickelt haben. Die Flagge als sinnbildliche Darstellung des Nationalstolzes und als Symbol einer britischen Popkultur, die sich im Underground manifestierte, kombinieren die Künstler mit Medaillen und Amuletten, die den Sportsgeist der Briten symbolisieren. Die Montage „Street Party“ etwa zeigt das Künstlerpaar auf einer mit dem Union Jack ausgelegten Straße in London, gekleidet in mit Medaillen bedruckten Anzügen, ihr erstarrter Blick hypnotisiert den Betrachter förmlich und zwingt ihn, den schematisch-poppigen Charakter des Bildes zu akzeptieren. An den Rändern des Bildes zeigen die Medaillen sportliche Szenen und symbolisieren olympische Siegerauszeichnungen.

Der Union Jack als nationales, symbolträchtiges Zeichen erhält bei Gilbert & George die Rolle des werkverbindenden Ausrufezeichens. Die am Computer bearbeiteten und montierten großformatigen Bilder lassen erkennen, daß das Künstlerpaar nicht als individuelle Zeitgenossen dargestellt sind sondern das sie mit allen ihren menschlichen Eigenschaften ein Teil der Moderne sind. Manchmal schafft es erst der zweite Blick, die humoristisch gefärbten Nuancen der Inszenierung zu erkennen. Gilbert & George, deren monumentale Bilder manchmal an effektiv gestaltete Kirchenfenster erinnern, verfolgen als Konzeptkünstler ein simples Konzept: das Leben ist eine Collage aus vielen kleinen Details, die Kunst des Lebens und die Kunst der Kunst ergänzen sich durch diese Details in sinnbildliche Vereinfachung.
Gilbert & George - Jack Freak Pictures (-22.05.2011)
Deichtorhallen Hamburg, Deichtorstraße 1-2
Tel: 040-32103-0
Di-So, feiertags 11-18 Uhr, 1. Donnerstag im Monat 11-21 Uhr
Eintritt: 9/6 Euro (Halle für aktuelle Kunst)
Weitere Infos: www.deichtorhallen.de
Weitere Infos: www.deichtorhallen.de
© 01. April 2011  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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