| Es sieht aus wie ein Straßen- oder U-Bahn-Billet, ist in kyrillischer Sprache verfasst und klebt auf einer Zeichnung, die noch mehr skurrile Eigenheiten aufzeigt. Präzise beschreibt die Bildlegende die Arbeit des Zeichners Saul Steinberg: „Untitled (Pineapple), ca. 1970, Pencil, colored pencil, collage, watercolor, ink, and Rubber stamps on lithographically imprinted paper“. Erklären kann der knappe Text den Inhalt und den philosophischen Hintergrund jedoch nicht. |
Was als unleserlicher Hyroglyphenträger aussieht, ist in Wahrheit eine Theaterkarte, die Steinberg 1956 aus der UdSSR mitbrachte. Die Deutungshoheit der ungezählten, mit Blei- und Buntstift, Wasserfarben, Tinte, Filzstift und Kreide ausgeführten Zeichnungen beherrschen sie selbst. Eine riesige Ananas lässt die Pyramide bis zum kleinwüchsigen Bauwerk schrumpfen, die von einem cowboyartigen Lanzenkrieger angegriffen wird. In dem Steinberg das Don Quijote-Motiv variiert, karikiert er die für sich schon ironische Gestalt des Mannes, der gegen Windmühlen kämpfte. Anonym dargestellte schwarze Gestalten beobachten die surreale Szenerie. Von erstaunlicher innerer Klarheit dagegen die Zeichnung „Twenty Americans” (1975), in der Saul Steinberg, Erfinder der „One-Line-Cartoons“ und selbst Emigrant, zwei Hände voller “typisch amerikanischer” Physiognomien porträtier und sie als migrationshintergründige Karikaturen darstellt: von Uncle Sam bis Santa Claus, vom moslemischen Einwanderer bis zur mondänen Diva.
Saul Steinberg wurde 1914 in Râmnicul Sǎrat (Rumänien) geboren, wird als Jude verfolgt und flieht über Mailand und Lissabon in die Dominikanische Republik und kommt schließlich im Juni 1942 in New York an. Neun Monate vorher erschien sein erstes Cartoon in der Zeitschrift "New Yorker", für die er als regelmäßiger Cover-Künstler arbeitet. Im Mai 1999 stirbt er in New York City an Bauchspeicheldrüsenkrebs. |
ein bekanntestes Bild ist zweifellos die großformatige Zeichnung "Die Welt von der 9th Avenue aus gesehen", die im März 1976 das Titelblatt des "New Yorker" zierte. Es zeigt den Blick durch New Yorks Häuserschluchten auf die winzig kleine Restwelt, die jenseits des Hudson Rivers für den hypercoolen Einwohner des Big Apple nicht von Bedeutung ist. Dieses Motiv förderte viele Nachahmer und wurde zum Reißer der Werbe- und Touristikbranche. Steinbergs Kunst beschränkte sich aber nicht auf Zeichnung und Cartoon. Auch die Skulptur, die Collage, die Fotografie waren sein Metier, er fertigte Postkarten und Papiermasken. Im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe sind 150 Exponaten ausgestellt, davon etwa 100 der wichtigsten und schönsten Zeichnungen. Ein kompletter Raum widmet sich dem Magazin „The New Yorker". Saul Steinberg betätigte sich als scharfer Beobachter seiner Zeit und betrachtete die Welt nicht nur mit satirischen, sondern auch mit skeptischen Augen.
“I Am” bildet die Basis, die grüne Lebensgrundlage für Saul Steinbergs Existenz- und Kunstentwurf, auf dieser zutiefst menschlichen Grundlage bauen sich die weiteren unentbehrlichen Obsessionen des Individuums auf: „I Have, I Do“. Das „O“ von „Do“ wirkt wie eine Sonne, dieses unverzichtbare Elixier jeden Lebens. Insofern und nahezu ausschließlich ist die Kunst des Saul Steinberg eine höchst menschliche, die sich im Charakter der Dargestellten verliert und trotzdem nicht die Richtung aufgibt. Das Ziel für Steinberg ist immer die Befriedigung eines Bedürfnisses, das mit dem Wort „Wissen“ nur unzureichend bezeichnet ist. „Ich zeichne, weil ich mir selber etwas, das ich gesehen habe, erklären will… Zeichnen ist eine Form des Nachdenkens auf dem Papier…“ In der Schlichtheit dieser Gedanken liegt das Geheimnis des Saul Steinberg. Näheres dazu ist in seinen zahlreichen Arbeiten versteckt. Man muss es nur sehen...-
Saul Steinberg "Illuminations" (13.03.-01.06.2009)
Museum für Kunstgewerbe, Steintorplatz, 20099 Hamburg
Geöffnet: di - so 11 – 18 Uhr, mi und do 11 – 21 Uhr, Gründonnerstag bis Ostermontag 11 - 18 Uhr, Pfingstsonntag und Pfingstmontag 11 – 18 Uhr
Eintritt: 8/5 €, mittwochs und donnerstags ab 17 Uhr 5 €, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre frei
Katalog: 58 Euro (Hatje Cantz Verlag, Ostfildern) |
| © 01. März 2009 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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