interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
'68 Brennpunkt Berlin - Amerika Haus Berlin

Eine der schillerndsten Identifikationsfiguren im deutschen 68er- Frühjahr/Sommer/Herbst war ein Argentinier: Ernesto 'Che' Guevara und sein markantes Konterfei zierte nicht nur Plakate und Flugblätter bei studentischen Protestaktionen und Demonstrationen im damaligen Berlin (West). Es schickte auch in manchen westdeutschen Wohnzimmern revolutionäre Grüße an Bewohner und Gäste. Im Amerika Haus in Berlin läuft noch bis Ende Mai eine sehenswerte Ausstellung, die das Lebens- und Rebellionsgefühl, seine Entstehung und seinen Untergang in zeitgenössischen Ton- und Bildmaterialien und Originalobjekte veranschaulichen die Studentenaktionen gegen den US-Imperialismus in Vietnam oder der (aussichtslose, wie sich zeigte) Kulturkampf gegen die BILD-Zeitung.

Mehr noch: merkwürdige Fahrzeuge wie Wasserwerfer zählten im Berliner Straßen- gewissermaßen zum Alltagsbild. Und ohne Megaphon konnte sich kaum jemand Gehör verschaffen, es diente Professoren und Studenten gleichermaßen als Sprachrohr für Thesen und Antithesen. Den Muff aus tausend Jahren aus den Talaren entfernen - ein Unterfangen, das die Studenten in West-Berlin auf die Straße trieb und die überwiegende Mehrzahl der Einwohner gegen sich aufbrachte. Über langhaarige Affen in Menschengestalt war das Urteil schnell gesprochen: Geht doch nach drüben, riefen entrüstete Wohlstandsbürger und verdeckte Nazi-Aufrechterhalter.

1968 ging als das Jahr in die Geschichte der alten Bundesrepublik Deutschland ein, das einen tiefen Einschnitt in politische, gesellschaftliche und moralische Denkweisen und Lebensanschauungen vollführte. Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, gegen die vermufften Gesellschaftsverhältnisse und gegen das Diktat der Springer-Presse, Forderungen nach einem neuen Demokratieverständnis und Bildung für alle, freie Liebe und die Entfernung verklemmter Sexualität aus den Köpfen und Betten der Deutschen: die Palette der Veränderungswünsche war riesengroß. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) hatte seine Finger überall drin, denn es ging nicht mehr nur um eine Reform der Studiengänge sondern auch um die außerparlamentarische Opposition. Besonders das Feindbild Axel Springer

Der Fotograf Günter Zint war mit der Kamera immer dabei, immer mittendrin, und wurde zum Chronisten eines sehr bewegten Jahres. Er fotografierte ganz vorne, wo die Köpfe der Wortführer wie Rudi Dutschke, Bernd Rabehl und Dieter Kunzelmann die Massen anführten und die Polizei die Gummiknüppel als Staatsgewaltsymbol nicht nur zeigte sondern auch einsetzte. Die im Amerika Haus in Berlin von der Bundeszentrale für politische Bildung eingerichtete Ausstellung zeigt über die bundesrepublikanische Wirklichkeit hinaus auch die Protestwellen in Rom und Paris, in Amsterdam und New York. Stichworte wie Prager Frühling, Ermordung von Martin Luther King und Robert Kennedy, Flowerpower und beginnende Frauenemanzipationsbewegung verweisen auf eine weltweite Veränderungslage.

Das Amerika Haus selbst - seit 1957 Kultur- und Informationszentrum - war während der '68er-Revolte oft Ziel der Protestzüge, verkörperte es doch für die Studenten das Symbol des US-Imperialismus. Polizeilich stark gesichert, versuchten die Demonstranten öfter, das Haus zu stürmen.

Was so friedlich begann und im Grunde zunächst einmal gegen die Elterngeneration und ihre Verstrickung in das Nazi-Regime gerichtet war, entwickelte sich zu einer Protestwelle, die gegen Sachen gewalttätig wurde (Blockade des Springer-Gebäudekomplexes an der Kochstraße) und manchmal gegen Menschen. Bei allem Ernst kam bei den Studenten und ihren Sympathisanten der Humor nicht zu kurz. Wann danach haben ähnliche Spaßanarchisten wie weiland Fritz Teufel und Rainer Langhans die bundesrepublikanisch-berlinische Justiz auf der Gerechtigkeitswaage flach gelegt? Der struppbärtige Dieter Kunzelmann war einer der ersten, der die "Kommune I" bevölkerte und der als stadtbekannter politischer Aktivist den praxisorientierten Spruch prägte: "Was geht mich der Vietnamkrieg an, wenn ich Orgasmusschwierigkeiten habe."
Bis 31.05.2008 - Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin-Charlottenburg
Geöffnet täglich 10-20 Uhr bei freiem Eintritt.
Weitere Infos: www.bpb.de/1968
© 01. April 2008  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

Links

suche