| Dolorès, die Tochter des Malers Joan Miró, stützt sich, in ein gestreiftes, kniekurzes Kleid gesteckt, auf Bein und Arm ihres auf einem Stuhl sitzenden Vaters ab. Beide gucken starren Blickes gerade aus – wie in das Objekt eines Fotoapparates. Direkt in das Gesicht des Malers. Die Szene, die der französische Künstler Balthus, dessen korrekter Name Balthasar Klossowski (1908-2001) lautet, in einem Ölgemälde von 1937-38 festgehalten hat, wirkt irgendwie leblos, irreal, ins Traumhafte versunken. Aber eines ist sie nicht: ein Produkt surrealistischer Phantasie. Balthus selbst nannte seine Kunst „zeitloser Realismus“, ein Etikett, das nahezu alle seine Werke kennzeichnet. |
Breitbeinig stützt die junge Frau ihr rechtes Knie auf einem Polsterschemel ab, der vor einem biedermeiertypischen Schreibtisch steht. Ihr Oberkörper ist über dem Schreibtisch gebeugt, sie schaut leicht von unten den Bildbetrachter an. Das von Balthus 1943 im Gemälde „Die Patience“ vorweggenommene spätere Lolita-Thema in Literatur und Film hätte auch zu den großen Aufregern seiner ersten Ausstellung 1934 in der Galerie Pierre in Paris zählen können. Dort zeigte der Sohn schlesischer Eltern auf den ersten Blick unverfängliche, klassische Motive, in denen sich bei näherem Hinsehen eine geheimnisvolle, provozierende Erotik offenbarte.
Balthus' Eltern und sein Bruder Pierre arbeiteten als Maler, seine Mutter Elizabeth Dorothea wandte sich nach der Trennung von ihrem Mann Eric Klossowski dem Dichter Rainer Maria Rilke zu. Der verpasste dem jungen Balthasar den Künstlernamen "Baltusz". Der französische Sohn schlesischer Eltern selbst pflegte in Deutschland familiäre und freundschaftliche Beziehungen Trotzdem finden sich in Deutschland keine Balthus-Werke in öffentlichen Sammlungen, und noch nie war hier eine Einzelausstellung des Malers zu sehen.
Während eines Sommeraufenthaltes 1926 in Italien kopierte Balthus zur künstlerischen Einübung Fresken und Tafelbilder von Piero della Francesca, Masaccio und Masolino da Panicale. In eigenen Werken verließ Balthus diesen religiösen Hintergrund und provozierte nach eigenen Angaben bewusst durch Motive am Rande der Tabuzone. Diese künstlerische Gratwanderung zwischen sinnlichen Mädchenbildern und unverfänglicheren Inszenierungen einer figurativen Malerei beschwor so manchen Skandal herauf. Damals behauptete sich noch ein sittliches Empfinden, das die Öffentlichkeit strikt respektierte. Der Übergang vom Kindheits- ins Erwachsenenalter kommentierte Balthus trotzdem mit konsequenten künstlerischem Ausdruck – vornehmlich in Gestalt junger Mädchen, die er meistens in nahem Kontakt zu Erwachsenen malte ("La Rue [Die Straße]", "La Montagne [Der Berg]").
Balthus’ Werke ordnete sich mit seiner Malerei nicht in die abstrakte und surrealistische Kunstauffassung ein. Er war vom französischen Klassizismus und dem italienischen Quattrocento geprägt und hantierte mit altmeisterlicher Maltechnik. Das Museum Ludwig zeigt etwa siebzig Gemälde und Zeichnungen der Jahre 1932 bis 1960 in der Reihe monographischer Ausstellungen bedeutender Maler des 20. Jahrhunderts, die mit Edward Hopper und Salvador Dali begonnen wurde.
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 bis 04. November 2007
Museum Ludwig, Am Dom/Hbf, Bischofsgartenstr. 1, 50667 Köln
Tel.: 0221-221 26165
Öffnungszeiten: di – so + feiertage 10-18 Uhr, jeden 1. Freitag im Monat 10-22 Uhr, montags geschlossen
Ticket: Erwachsene 7,50 Euro, ermäßigt 5,50 euro |
| © 01. September 2007 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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