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Rock My Religion/Religion My Rock - Interview mit den Kuratoren Marijke Cieraad und Theo Lenders

Der vierteilige Kunstevent Rock My Religion, benannt nach dem Film von Dan Graham, lockte schon in der ersten Woche hunderte, auch deutsche Besucher ins nordlimburgische Venray. Sie pilgerten vom Skulpturenpark ‚Odapark’ zum Gelände der Psychiatrie St. Anna, um mehr über moderne Ersatzreligionen zu erfahren und vielleicht die eigene Religionsidee zu überdenken. Auf der etwa dreistündigen ‚Wallfahrt’ begegnet man etwa 30 Arbeiten internationaler zeitgenössischer Künstler an meist außergewöhnlichen, oft religiös geladenen und auch mal unheimlichen Orten des Stadtgebietes. Westzeit sprach mit den Kuratoren Marijke Cieraad und Theo Lenders über eine bisweilen irritierende Kunstaktion.

Was war eure Motivation für Rock My Religion?

„Dass wir was mit Religion in diesem Umfeld machen müssten, mit Bezug zu zeitgenössischer Kunst, stand schon vor vier Jahren fest. Da meinten schon der Vorstand und die ehrenamtlichen Mitarbeiter, ja, da müssen wir was mit machen! Ja, die ganzen Kapellen und die Kirchen... das Thema Religion war schon von Anfang an klar.
Welchen Anforderungen musste ein Kandidat genügen?
Marijke: „Sehr verschieden. Weil wir ja bei RMR sowohl Kunst im Öffentlichen Raum wie auch ortsgebundene Arbeiten haben. Und auch im Odapark selbst sollte ja was Interessantes zu sehen sein. Man hat also verschiedene Einstiege. Und allmählich wurde klar, dass es ein großer Unterschied ist, ob Künstler im Öffentlichen Raum oder in Innenräumen arbeiten. Eine ziemlich komplexe Angelegenheit.“
Theo: „Es ist eine eigene Disziplin im Öffentlichen Raum. Du kannst eine kuratierte Schau machen, dann arbeitest du anders als wenn du Künstler aufforderst, sich Konzepte auszudenken. Dann ist es für den Kurator gut, wenn er sich bescheidet und dem Künstler einfach den Raum gibt: hier ist das Konzept, gib dich daran. Was rauskommt, muss dann natürlich nachjustiert werden und man muss mit dem Künstler kommunizieren. Aber im Prinzip überlässt man dem Künstler die Endverantwortlichkeit - auch wie er das Konzept interpretiert. Das ist ein anderer Ansatz, als wenn im Odapark Shutov steht. Das ist einfach sehr stark ausgesucht. Die Arbeit muss da stehen. Shutov macht da nichts dran. Die Arbeit steht da. Und Marijke sagte es ja schon, dass die Künstler sehr verschieden arbeiten. Und Kunst im Öffentlichen Raum ist einfach sehr schwierige in dem Sinne, dass da mehr zu gehört als die sicheren Mauern des ‚White Cube'.
Aber der Musiktitel ist doch nur ein Vehikel um Sinngebung und Religion zu thematisieren, oder?
„Dan Graham behauptete, dass die Rockmusik der Achtziger ein Religionsersatz für war. Gerhard Richter sagt, dass Kunst der Ersatz für Religion sei. Das ist sie aber nicht im volkstümlichen Sinne. Unsere Arbeit richtet sich viel mehr auf die Frage nach der Bedeutung von Kunst in dieser so um sich schlagenden Gesellschaft. Die Menschen hauen sich die Köpfe ein wegen Religion und das wollen wir gerne sondieren. Und den Titel, den Graham uns geschenkt hat, haben wir dann umgedreht in Religion My Rock... Musik ist zwar wichtig, aber kein Bezugspunkt in der Kunstaktion.“
Deshalb die zweite Hälfte der Frage: Welche Rolle spielt die Musik im Rahmen von RMR und wie übersetzt ihr den Titel zu Thematik? Was könnte da der „Twist“ sein?
Marijke: „Wir haben immer im Blick, dass wir aus der Bildenden Kunst kommen. Ich merke, dass Musik bei einigen Künstlern eine wichtige Rolle spielt. Dass der Titel, besonders aus der Richtung des Rock, schon eine Roter Faden war.
Theo: „Wenn man sieht, was Leute mit dem Konzept machen... die populäre Musik aus den Achtzigern war mehr oder weniger auch Avantgarde. Patti Smith, worauf sich Dan Graham bezieht, ist da der wirkliche Ersatz für Religion... Oder die zeitgenössische Shakira, das ist doch wirklich Kitsch, und ein wirklicher Religionsersatz für die Jugend. Für die meisten Künstler ist der Konsumwahn der Religionsersatz. Viele Skulpturen im Öffentlichen Raum von Venray setzen sich kritisch mit dem Konsumwahn auseinander. Und zugleich sagen die Künstler auch: ‘Ich kritisiere, wie wir jeden Tag alles in uns hineinfressen und damit in der Gesellschaft alles mögliche Negative auslösen. Und machen dabei vergnügt mit.
Welche Rollen spielen eure Co-Kuratoren?
Theo: “Twan van Els als Historiker weiß wahnsinnig viel über Venray. Wir baten ihn darüber etwas während dem Spaziergang von „Oda nach Anna“ zu erzählen. Adriaan Nette arbeitet als Bildender Künstler sehr viel mit Menschen, ja er braucht sie sogar für seine Arbeit und versteht es sie zu motivieren sich damit zu befassen. Die Kombination aus Zeitgenössischem und Vergangenheit ist unserer Meinung nach eine gute Mischung.
Als Community Artist hat Nette hat eine enorme kommunikative Kraft nicht nur ein Objekt in den Öffentlichen Raum zu stellen, sondern auch die Menschen zu involvieren und teilhaben zu lassen. Wir hatten das Problem, dass wir durch die Stadtteile mussten. Also nicht nur Arbeiten in den Öffentlichen Raum interferieren zu lassen, sondern die Route zu beseelen oder ein Konzept zu ersinnen, damit es mehr wird als eine traditionelle Kunstroute. Nette löste z.B. das Problem, dass in der Moschee keine Bilder erlaubt sind in dem er als Kunstaktion Obst in der Moschee verteilen lässt. Das ist natürlich genial.
Eine andere Herausforderung liegt z.B. im ‚Freulekeshuus', einem kleinen Lokalmuseum mit einer Sammlung alter Heiligenfiguren und auch archäologischem Kram in einem alten Gebäude im Zentrum. Die beiden Engländer Shaun Doyle & Mally Mallyson haben ihre zeitgenössischen Arbeiten dazwischen gestellt. Und sieh da, sofort haben wir einen Besucherstrom, der normalerweise nie mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert würde.“
Was hat es mit der Wohnwagenprozession auf sich?
Marijke: “Es ist in erster Linie gedacht für die nordlimburgischen Schulen, aber wir würden das Projekt auch gerne am Niederrhein lancieren. Weil es ein Teil der Kunstaktion ist, müssten die Leute aber auch den Spaziergang machen oder sich eine Ausstellung ansehen. Das ist ja gerade der Mehrwert.”
Theo: “Die mobile Ausstellung ist kunstpädagogisches Projekt und autonome Arbeit. Hatten wir vorher bei ‘De Waan’ amerikanische Alu-Caravans mit sieben internationalen Künstlern, die darin ihre Arbeiten präsentierten, so ließen wir diesmal zwei junge Gestalter einen Entwurf zu diesem Konzept machen. Wir zeigen in den Caravans Videos. Zum Beispiel wurden nach einer süßlichen Werbung für den Buddhismus von den Taliban zerstörte Buddhastatuen in Afghanistan montiert. Der Caravan ‚Afterlife' und handelt vom Himmel und dem Jenseits. Eine Sängerin tritt in einem Fragment aus Eraserhead vom Himmel regnendes Sperma kaputt und singt ‚In heaven everything is alright'. Das ist also eine autonome Sache, die ein Teil ist der Route und wenn das dann in den Schulen steht, erzählen die fünf Caravans der Jugend die Geschichte von Rock My Religion und setzen eine Diskussion in Gang.
Marijke: „Das pädagogische Projekt gibt nicht einfach Erklärungen, sondern stellt auch Fragen. Wenn es die Schulen bereist, dann immer mit einem ganzen Unterrichtsprogramm, bei dem es um zeitgenössischer Kunst und Religion geht. Aber eigentlich müssten die Schüler auch hierhin kommen, um es komplett zu machen.“
Und eine deutsche Klasse wird auch auf Deutsch empfangen?
Theo: „Wir haben in der Tat Leute, die die Klassen auf Deutsch empfangen.“
Wird denn auch der Film Rock My Religion gezeigt?
Theo: „Wir haben ihn.“
© 01. Oktober 2007  WESTZEIT ||| Text: Wolfgang Linneweber
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