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MARK STEWART - Unruhig, rastlos, verrückt

Wer eine Band The Pop Group nennt und dann Pop zu Gunsten von brachialen Funkelementen und kantig, rohen und schrill, kreischenden kakophonischen Lauten, Tönen und Geräuschen, zurückdrängt, der zwingt zum Aufhorchen. Auch textlich. Tragen die Stücke doch Titel, wie ´For How Much Longer Do We Tolerate Mass Murder?´ Mark Stewart, einer der fünf Bandgründer aus der radikal linken Szene Bristols war damals längst schon in der Zukunft unterwegs, während sich andere noch mit der Vergangenheit beschäftigten.

Ihm wird attestiert, dass seine Gedanken in einer Geschwindigkeit durch seine Hirnwindungen rasen, dass kaum jemand mehr mitkommt. Doch The Pop Group zerfällt und Mark Stewart wechselt zu den New Age Steppers, die im Heimathafen des On-U-Labels, unter der kreativen Intendanz von Adrian Sherwood, vor Anker liegen. In diesem musikalischen Universum tummeln sich schwere, mitunter chaotische Dubklänge, die durch Bass und eine gehörige Portion Samples angefettet werden. Auch dies ist lediglich ein Durchlauferhitzer. Für Mark Stewart & The Maffia. Dabei geht es auch nicht weniger laut und heftig zur Sache.



Revolutionskinder

Dort führt Mark Stewart seine energetische Präsenz zu neuer Blüte. Die Botschaft in den Stücken bleibt hochpolitisch.

„Nicht in der Art, dass ich analysierend durch die Gegend laufe“, betont er, „ich stelle Fragen aus einer verrückten Perspektive aus. Mache Anmerkungen. Öffne Blickwinkel. Die Antworten aber bleibe ich schuldig. Auch Schlussfolgerungen ziehe ich nicht.“

Gäbe es für jemanden, der so tickt eine bessere Zeit, eine neue Platte zu veröffentlichen, als die jetzige: Finanzkrise europäisch und weltweit, Aufstände in den britischen Vorstädten, Ratlosigkeit in Afghanistan und im Nahen Osten, gleich daneben der arabische Frühling und fehlende Zukunftsentwürfe politisch und auch kulturell.

Doch Mark Stewart macht auf dem Weg zur neuen Platte ´The Politics Of Envy´ einen Zwischenschritt. Er greift sich die T.Rex-Komposition ´Children Of The Revolution´, macht daraus eine gewaltvolle und geräuschintensive Hymne, welche die Unruhe und die Rastlosigkeit der Straßen der Welt einfängt. Von London bis nach Tripolis, von Johannisburg nach New York und von Tokio nach São Paulo. Für die folgende Platte greift er die bereits angesprochene Sichtweise des Verrücktseins wieder auf.

„In dieser hypernervösen Zeit kannst du kreativ nur etwas Ernsthaftes sagen, wenn du verrückt bist“, erklärt Mark Stewart, „wie damals bei The Pop Group, wo wir zwischen Genie und Wahnsinn hin und her pendelten. Ich bin nach wie vor, das naive Kind aus Bristol, das nicht alles glauben will, was ihm so aufgetischt wird.“



Punkhaltung

So umfassend, wie diese Pendelbewegung ist auch die Bandbreite von Mark Stewarts aktuellem Album ´The Politics Of Envy´. Breitwandmusik mit einer Armada von Gastmusikern. Mit von der Partie sind: Original Clash/PiL Gitarrist Keith Levene; Richard Hell, der Punk-Erneuerer aus New York; Lee ‘Scratch’ Perry; The Raincoats schicken Sängerin und Bassistin Gina Birch; Slits ihre Bassistin Tessa Pollitt: auch Jesus And Mary Chain-Bassist Douglas Hart ist dabei; ebenso das Post-Industrial Trio Factory Floor, Daddy G von Massive Attack und alle Musiker von Primal Scream.

„Die Liste umfasst einfach eine Reihe der Mitreisenden durch meine Zeitreise“, erklärt Mark Stewart, „dahinter stand nicht wirklich ein Plan. Eher die alte Punkhaltung, die da besagt, wenn du etwas machen willst, dann mach es.“

Er hat es einfach gemacht.

„Die Musiker wurden aufgenommen und oft habe ich dann Samples daraus gemacht und diese weiterverwendet“, fügt er an. Wieder hat er viel mit Funkklängen und Reggaetönen gespielt. Hat Dub und Electronica dazugepackt. Ganz so, wie es ihm gefällt.

Das seine Zeit gekommen scheint, beweist das Stück ´Automania´, das mit Bobby Gillespie von Primal Scream eingespielt wurde und den Tod des Anti-G8-Demonstranten Carlo Guilliani in Genua zum Thema hat. Es klopfte kurz nach der Veröffentlichung an die Türen der britischen Hitparaden. Mark Stewart läuft bei ´The Politics Of Envy´ als Kauz, Philosoph und Grantler zu Höchstform auf. Einer der zwar den Zeigefinger in der Luft hat, aber nicht den der Besserwisserei, sondern den der auf die nächste Frage deutet

Aktuelles Album: The Politics Of Envy (Future Noise Music / RTD)
© 01. April 2012  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
April 2012

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