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NICOFFEINE - Fehler sind willkommen

Irgendwie hat man den Eindruck, dass sich seit Langem in Deutschland nicht viel tut. Und zwar nicht nur politisch. Die deutsche Musikszene langweilt mittlerweile amtlich mit gähnendem Deutschrock und frisiertem Fashion Punk für Beamte. Richtig spannende Alben sind absolute Mangelware. Umso erfreulicher ist es, dass die Koblenzer Band Nicoffeine via „Admiring Those Artholes“ einem akustisch mal ordentlich was um die Löffel knallt. Dabei handelt es sich bei dem Trio wahrlich nicht um Newcomer. Ganz im Gegenteil: Seit nunmehr 10 Jahren wird in regelmäßigen Abständen qualitativ hochwertige und sehr eigenwillige Tonkunst veröffentlicht. Dabei wurde der Sound konsequent weiterentwickelt und findet auf dem aktuellen Longplayer seinen bisherigen Höhepunkt.

Noise-Rock, Indie-Lärm, Krach mit Anspruch oder wie man es auch immer nennen mag. Nicoffeine sind konsequent in ihrem Sound und haben nach wie vor großen Spaß daran. Dabei sah es vor ein paar Monaten gar nicht so gut aus, wie Mastermind und Gitarrist/Sänger Soheyl Nassary zu berichten weiß:

„Nachdem wir die neue Scheibe eingespielt hatten, musste unser alter Schlagzeuger Norman aus beruflichen Gründen die Band verlassen. Und da wir nicht gerade eine besonders konventionelle Band sind, die klassisches Songwriting betreibt, war uns klar, dass wir schon sehr viel Glück haben müssen, um den Richtigen zu finden. Zudem ist es wichtig, unseren Sound und unsere Herangehensweise, Musik zu machen, zu verstehen. Mal abgesehen von dem Zwischenmenschlichen und dem spieltechnischen Können. Doch mit Jörg A. Schneider (Tarngo, ex LQWE, Sun, Gaffa) haben wir nun genau den, den wir brauchen.“

Wie ist es denn zu dem Kontakt gekommen?

„Als ich 2005 den Blunoise Film (Blunoise Records - Portrait Of An Independent Music Lable) gedreht habe. Zudem kenne und schätze ich seine musikalische Arbeit seit vielen Jahren. Seine alte Band ‚Les Hommes Qui Wear Espadrillos’ hat mich damals sehr beeindruckt und stark inspiriert.“

Wie genau sieht denn das Musikmachen bzw. Alben aufnehmen bei Nicoffein aus?

“Grundsätzlich entstehen die Songs aus einer Jam heraus. Es wird einer Idee nachgegangen und die natürlich weiterverfolgt. Quasi aus dem Spiel heraus entsteht ein Track. Für das Album haben wir ca. ein Jahr gebraucht. Dabei ist Vanity ‘Dear Rarity’, ein fast 20 Minuten Song und das Herzstück der Platte, recht schnell entstanden, im Gegensatz zu den kürzeren, für die wir wesentlich mehr Zeit benötigten. Die Aufnahmen selbst sind innerhalb von drei Tagen entstanden. Alles wurde live und in einem Raum recorded. Nachträglich wurde beim Mix und in Sachen Overdubbing kaum etwas verbessert oder verändert.“

Somit ward und seid ihr mit der Platte rundherum zufrieden?

„Die Scheibe klingt so, wie sie klingt. Und sie klingt dreckig! Mir war wichtig, dass wir alle in einem Raum einspielen, alle Feedbacks auf alle Mikros und den Moment und das Feeling authentisch einfangen werden. Das ist gelungen und, wie ich finde, kann man das auch gut heraushören. Zudem würden nachträglich separat aufgenommene Rückkoppelungen und Gitarrenkrachmomente unseren Sound töten. Das klingt zu steril und unorganisch. Außerdem soll während der Aufnahmen keine Feinarbeit geleistet werden. Fehler sind willkommen! Die Grundstimmung muss stimmen. Ist diese gut, wird das Album auch gut. Es gibt nichts Schlimmeres, als völlig verkopft im Studio zu arbeiten“

Wie viel Verkopftheit steckt denn in “Admiring Those Artholes”?

„Das ist schwierig zu sagen. Es ist eine Mischung aus Verkopftheit und ‚Eiern’. Beides ist wichtig. Man muss ja irgendwie auch die Ideen, das Feeling strukturieren. Und trotz aller Freiräume im Songwriting, haben wir schon eine genaue Vorstellung von der Soundästhetik. Das Livegefühl gehört mit zum Konzept. Dementsprechend systematisch und verkopft ist es. Aber wenn man dieses Konzept lebt, vergisst man das System.“

Wenn du schon das ‚Livegefühl“ erwähnst, wird es dieses Jahr noch Liveaktivitäten auf einer Bühne geben?

„Das will ich hoffen. Jedoch sind alle Bandmitglieder außerhalb von Nicoffeine noch mit anderen Dingen beschäftigt. Zum einen spielen Christian und Jörg noch in anderen Bands (Corova, Tarngo), und auch ich habe noch ein Soloprojekt namens Polychronoise, zum anderen arbeiten Christian und ich hauptberuflich in einem Kommunikationsbüro (www.Eyetm.com). Doch sieht man davon einmal ab, gibt es noch das Problem, dass wir mit unserem Sound nicht überall spielen können bzw. dürfen. Anscheinend sind wir für viele Clubs bzw. Veranstalter zu extrem. Zumindest in Deutschland.“

Da haben wir es wieder: selbst im Bereich Konzertveranstaltungen liegt Deutschland wohl weit hinten, biedert so vor sich hin und versperrt Bands wie Nicoffeine Liveevents.

„Deshalb planen wir für Herbst/Winter auch eine U.S. Tour.“

Ich drücke die Daumen und sehe euch dann in Baltimore!

Aktuelles Album: Admiring Those Artholes (BluNoise / Alive)
© 01. Mai 2008  WESTZEIT ||| Text: Marco Schardinel
Mai 2008

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