interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
JOHNOSSI - Trio mit vier Fäusten

Die großen Duos der Rock- und Popgeschichte waren zweigeschlechtlich: Ike und Tina, Sonny und Cher, Roxette, von den Euro-Dancefloor-Klonen der Neunziger mal ganz zu schweigen. Tegan & Sara halten dieser Tage die feminine Flagge hoch. Aber zwei Männer? Die Pet Shop Boys und Erasure zählen nicht, beides Sonderfälle. Tears For Fears? Simon & Garfunkel?
Vorhang auf für John Engelbert und Oskar „Ossi“ Bonde aus Stockholm. Zusammen und mittlerweile in ihrer zweiten Runde: Johnossi. Die klingen nur dem Namen nach wie Privatfernsehen-Standup und versuchen sich auch auf „All They Ever Wanted“ lieber an der Anatomie des Rocks - sie sezieren ihn bis auf seine Hauptschlagadern: John spielt Gitarre und Effektbrett, Ossi haut die Drums. „Die Leute fragen immer, warum wir keinen Bassisten haben“, echauffiert sich John. „Wir kennen uns seit zwölf Jahren und verstehen, vertrauen und ergänzen uns blind. Schick mir einen Bassisten, mit dem wir diese Chemie haben, und wir hätten einen Bassisten. Aber wir brauchen keinen.“
Gut, John und Ossi sind nicht die ersten, die die klassische Rockmusik ins neue Jahrtausend tragen. The White Stripes praktizieren das basslose Blues-Rock-Modell schon seit einer Dekade mit Erfolg. The Black Keys eifern, wie schon Wolfmother im größeren Stil, unmissverständlich ihren Helden der psychedelischen Siebziger nach. Aus Schweden selbst begeisterten zuletzt Friska Viljör mit ihrer Version von besoffenem, energiegeladenem und infektiösem Rumpelrock. Aber in ihrem kratzbürstigen Seefahrer-Charme gesellt sich John Engelberts aufgeladene Stimme nur noch zu den nicht minder zerschossenen Two Gallants an Bord. John, wie Ossi an diesem Morgen nicht ganz so temperamentvoll wie Johnossis launige Songs, hat diese Vergleiche schon öfter gehört: „Die White Stripes-Frage kam anfangs andauernd. Nach einer Weile aber haben die Leute gemerkt, dass wir unser Ding durchziehen.“
Der Opener „18 Karat Gold“ versinnbildlicht stellvertretend die Marschrichtung der zehn neuen Baucheskapaden: Mehr Rock, mehr Johnossi, mehr Schliff, mehr Wut – Musik als Ausgleichsventil. In ihrer vorgetäuschten Unfertigkeit kratzen Johnossi-Songs in den Gehörgängen wie eine moderne Rockproduktion auf einem geerbten Plattenspieler für Bastler. „Party with my pain“ heißt die erste Single und ist bei weitem nicht der beste Song unter seines gleichen, aber auch der verrät im Titel die Eckpfeiler von Johnossis musikalischem Fundament: Party und Schmerz. Wo fußt so eine unberechenbare Energie?

„Bevor wir zu spielen anfingen, schrie ich andauernd durch die Gegend,“ erinnert sich John an seine Jugend, der er mit seinen 25 Jahren vorgestern erst entkommen ist. „Ich redete laut und war auch auf Parties immer der lauteste. Ich habe viel dummes Zeug getan. Diese Energie stecke ich jetzt in die Musik. Ich habe diesen Druck in mir, der raus muss. So kam es, dass Musik der beste Weg wurde, all das raus zu lassen. Spielen und touren hält mich ruhig.“

Ein Bündel Energie und Adrenalin war schon ihr ungestümes, juveniles Schnellschuss-Debüt „Johnossi“ und erntete ob seines daraus resultierenden Coolness-Faktors Lorbeeren und spätes Airplay. „All They Ever Wanted“ darf laut Ossi als großes „Fuck You!“ gegen die ganze Welt und ihre ewige Konsumgeilheit verstanden werden. Vor allem aber dürfte es dafür sorgen, dass die beliebtesten Schweden-Exporte Mando Diao, The Soundtrack Of Our Lives oder The Hives auch über die Indieclub-Wände hinaus hochkarätige Gesellschaft bekommen. Johnossi haben ihren Sound ausgebaut, poltern großspuriger und immer noch von Melodien infiziert aus den Boxen und über die Bühne und erwecken nur fast den Eindruck, als hätten sie auf ihrer Tour mit den Sportfreunden abgeguckt: „Nein, wir benutzen immer noch keine Keyboards oder ähnliches - alles meine Gitarren. Und nach diesem Album werden wir noch größer klingen.“ Und das nicht wegen widererwarteter personeller Verstärkung, sondern „weil ich einen neuen Verstärker habe!“, erklärt John ganz rational und grinst endlich. Auf 11 damit!
Aktuelles Album: „All They Ever Wanted“ (Universal)
Weitere Infos: http://www.johnossi.com
© 01. Mai 2008  WESTZEIT ||| Text: Fabian Soethof
Mai 2008

Links

suche