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ARCHITECTS - Omnipresent Heartbeat

Schmerz, Kummer, Angst, das Gefühl, vollkommen allein zu sein. Verlust bringt vieles mit sich, ein Feuerwerk der Emotionen und keines der guten Art. Es prasselt hernieder, versetzt in Starre. Einen Notausgang gibt es nicht. Man kann sich einreden, darauf vorbereitet zu sein, doch schlussendlich ist man es doch nicht. Die Intensität lässt sich nicht vorhersagen, die Schwere der Trauer schon gar nicht. Drei Jahre lang litt Tom Searle an seiner Krebserkrankung, vor zwei Jahren erlag er dieser. Sein Zwillingsbruder und Bandkollege Dan befindet sich – verständlicherweise – deswegen noch immer in Therapie. Jetzt, kurz vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums ´Holy Hell´, sieht er sich plötzlich gezwungen, mit ihm gänzlich fremden Menschen über seinen verstorbenen Bruder zu reden.

Ich stelle es mir sehr schwierig vor, Fragen zu Tom zu beantworten, von Leuten, die nie etwas mit ihm als Person zu tun hatten. Leute, die ausschließlich seine Musik kennen.

„So ging es mir am Anfang. Ich wollte und konnte zunächst nur mit Menschen über ihn reden, die auch persönlichen Kontakt zu ihn gepflegt haben. Das habe ich mit der Zeit immer weiter ausgebaut und mich in Therapie begeben. Und jetzt sogar ein Album darüber geschrieben. Nach dem Tod von Chester Bennington von Linkin Park sagte Mike Shinoda, ein Teil des Selbst würde sich einfach ausschalten – und das stimmt. Heute ist es bei mir abhängig von meiner Tagesform.“

Dass sich sein Tod auf dich als seinen Zwillingsbruder ausgewirkt hat, ist nur natürlich. Ihr wart aber außerdem auch Teil derselben Band. Wie hat sich dein Musiker-Ich verändert?

„28 Jahre lang haben wir immer dasselbe gemacht: Wir hatten dieselben Freunde, haben zusammen eine Band gegründet und zusammen Songs geschrieben. Es war komisch, das auf einmal nicht mehr machen zu können. Ich habe seitdem aber viel gelernt: Über Songwriting, Melodien und Lyrics. Die Drums sind mir inzwischen nicht mehr so wichtig wie früher, ich schaue viel mehr auf den gesamten Song und finde es interessant, wie alles miteinander spielt und aufeinander aufbaut. Die größte Herausforderung war dabei allerdings, dass die Band bereits beliebt und erfolgreich war – wir mussten uns beweisen und das brachte eine Menge Arbeit mit sich. Ich habe in der Zeit viel über das Leben gelernt. Und über Musik.“

Josh Middleton, der auch schon früher bei Live-Shows ausgeholfen hat, ist mittlerweile offiziell Teil der Band geworden. Tom wurde von euren Fans geliebt, da muss es für Josh purer Stress sein, nun in solch große Fußstapfen treten zu müssen. Redet er mit euch darüber?

„Wir wissen, er spürt einen enormen Druck. Aber wir wollten ihn unbedingt dabeihaben, wir mussten nicht lange überlegen, es gab für uns da keine Alternative. Wir haben schon früher mit Josh gespielt und Songs aufgenommen. Er ist uns ein guter und enger Freund und hat sogar auf Toms Beerdigung gesprochen. Er passt zur Band und er wird seinen Platz finden, da bin ich mir sicher.“

´Doomsday´ erschien in der Originalversion, die es nun auch auf das Album geschafft hat, bereits vor einigen Monaten und vor Kurzem habt ihr das Lied außerdem als ruhige Piano-Abwandlung veröffentlicht. Welche Intention steckt dahinter?

„Wir hatten immer das Gefühl, mit der ersten Variante nicht alles ausgesagt zu haben. ´Doomsday´ ist ein trauriger Song, der zwar gut ist, in anderer Form aber noch besser sein kann – verstehst du? Durch das Klavier wird er in anders emotional. Obendrein wollten wir die Gelegenheit nutzen, zu zeigen, dass wir mehr sind als eine laute, aggressive Band. Wir können mehr als das!“

Du hast Tom mal als „the omnipresent heartbeat of the band” bezeichnet. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Band ohne ihren Herzschlag weiterhin besteht.

„Das stimmt. Aber für uns war es nie eine Option, nicht weiterzumachen. Es war immer klar, dass es weitergehen würde, wir mussten nur herausfinden, wie. Auch heute vergesse ich manchmal auf der Bühne, dass er nicht da ist und es wird mir erst dann wieder bewusst, wenn wir einen Song über ihn spielen. Dann trifft es mich mit aller Kraft. Es ist aber auch wichtig, zu weinen und verletzlich und emotional zu sein. Das sollte man nicht unterdrücken. Beim Schreiben haben wir immer wieder daran gedacht, was Tom wohl über unsere Songs denken würde. Wir wollten unbedingt ein Album machen, auf das er stolz wäre. Und wir wollten ihn zu einem Teil des Albums machen. Wir haben ihn und unsere Gefühle ihm gegenüber hineingeschrieben. So gesehen, ist „Holy Hell“ gar nicht das erste Album ohne Tom – weil er als Feature dabei ist.“

Der „omnipresent heartbeat“ schlägt nicht mehr. Er fehlt, ist aber in irgendeiner Weise doch noch da. In den Gedanken und Gefühlen der Architects-Mitglieder, als Geist während der Konzerte. Bestimmt sogar das Thema von ´Holy Hell´. Es sei ein Album über Trauer, fasst es Dan Searle kurz zusammen. Trauer in all ihren Formen und Facetten, ihren Höhen und Tiefen. Ein Album, welches beschreibe, welch schrecklichen Schmerz Trauer mit sich bringt, doch dass dieser auch notwendig sei und man aus ihm lernen könne.

´Holy Hell´ berührt. Es erinnert an die schlimmsten Zeiten, die man selber durchmachen musste. Es ist dabei kein Meisterwerk, nicht alles bleibt direkt unvergessen – wie könnte es auch? – doch seine Geschichte macht es zu etwas Großem, Bedeutendem. Schmerz, Kummer, Angst, das Gefühl, vollkommen allein zu sein: Architects fanden Inspiration im Schrecklichen und haben sie in etwas Positives verwandelt.

„´Holy Hell´ handelt davon, wie tief und weitreichend Trauer werden kann. Und dass wir uns alle mehr anstrengen sollten, bessere Leben zu leben – gerade dann, wenn es uns herunterzieht und niederdrückt.“

Aktuelles Album: Holy Hell (Epitaph / Indigo) Vö: 09.11.
© 02. November 2018  WESTZEIT ||| Text: Leonie Wiethaup ||| Foto: Ed Mason ||| Datenschutz
November 2018


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