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MASHA QRELLA

Mitten aus dem Leben

MASHA QRELLA

Deutschlands faszinierendste Indie-Pop-Künstlerin wagt den Blick zurück nach vorn. Auf dem just veröffentlichten ´Songbook´ sorgt die seit jeher betont eigene Handschrift von Masha Qrella dafür, dass sich die Berliner Musikerin mühelos Lieder, die auf den ersten Blick Welten (und bisweilen Jahrzehnte) zu trennen scheinen, einmal mehr erstaunlich mühelos zu eigen macht. Was die Songs eint, ist, dass sie alle mitten aus Mashas Leben als Musikerin abseits des Mainstreams stammen.

Als "Wundertüte" ist Masha Qrellas neues Album an anderer Stelle bereits beschrieben worden, und da ist durchaus etwas dran. Auf der LP finden sich fast 20 Jahre alte verworfene Stücke aus dem nie veröffentlichten dritten Solowerk der heute 49-jährigen Künstlerin genauso wie fantasievolle Coverversionen, die uns von Whitney Houstons ´I Wanna Dance With Somebody´ über Saint Etiennes ´Heart Failed´ zu Queens ´I Want To Break Free´ führen und erst bei der Manfred-Krug-Hommage ´Um die weite Welt zu sehen´ enden, bevor mit der gleichen Selbstverständlichkeit auch noch Vertonungen von Texten aus der Feder von Novalis oder Alexander Osang auftauchen. Alt oder neu, fremd oder eigen, Auftragsarbeit oder Herzensangelegenheit – am Ende werden sie alle zu Masha-Songs und das ´Songbook´ zum Zeugnis einer umfassenderen Sinnsuche.

Stand zu Beginn ihrer inzwischen rund drei Jahrzehnte umfassenden Karriere ihre eigene Musik im Mittelpunkt, ist Masha inzwischen in den verschiedensten kreativen Kontexten unterwegs – eine Neuvertonung der Bremer Stadtmusikanten, Film- und Theatermusik und Hörspiel-Produktionen inklusive. Doch inwieweit befruchten diese Auftragsarbeiten eigentlich ihre eigene Musik?

"Sie geben dem Ganzen einen größeren Rahmen", erklärt Masha im Westzeit-Interview. "Das ist für mich tatsächlich auch die Chance gewesen, Teil eines Diskurses zu werden und meine eigenen Sachen auch in anderen Zusammenhängen zu sehen. Dafür habe ich lange gebraucht."

Nachdem sie zuletzt mit ihren viel beachteten Thomas-Brasch-Vertonungen auf dem 2021 erschienenen Album ´Woanders´ nicht nur erstmals an einer kompletten Platte mit deutschen Texten, sondern auch innerhalb eines klar abgesteckten konzeptionellen Rahmens gearbeitet hatte, war die Herangehensweise an das ´Songbook´ deutlich freier.

"Es war klar, dass ich keine Platte machen würde, die so wie ´Woanders´ einem Konzept folgt, das eine bestimmte Sprache spricht, sondern etwas, das einen Einblick geben will in die Lebensumstände und tatsächlichen Realitäten einer Musikerin, wie ich nun mal eine bin. Das ist ja nicht so: Platte, Tour abgespielt und dann hat man Zeit, um neue Sachen zu schreiben. Man muss ständig andere Jobs machen und andere Projekte, und trotzdem muss irgendwann wieder eine neue Platte her, damit man überhaupt auf Tour gehen kann. Das ist ja eine Realität, die tatsächlich selten beschrieben wird, und es ist auch immer weniger glamourös, als man denkt."

Vor diesem Hintergrund war es Masha ein Anliegen, sich für ihr ´Songbook´ auf die Lieder zu konzentrieren, die ihrem derzeitigen Lebensgefühl am meisten entsprechen. Deshalb verwarf sie auch ihren ursprünglichen Plan, auf deutlich mehr Theater-Songs zurückzugreifen.

Sie erklärt: "Dass nur ein Song davon übriggeblieben ist, liegt nicht daran, dass ich sie nicht mochte, sondern eher daran, dass ich gemerkt habe, dass dort die Sprache wirklich eine andere ist, und mir bewusst wurde, dass das auf einem Masha-Album nicht viel verloren hat."

Stattdessen rückte sie eine betont persönliche Note in den Mittelpunkt, oder wie sie es selbst ausdrückt:

"Während des Prozesses des Kompilierens hat sich herauskristallisiert, was ich erzählen möchte und welche Einblicke ich geben möchte. Da spielt mein Verhältnis zu Berlin und die Zeit, die ich in dieser Stadt verbracht habe, ebenso eine große Rolle wie biografische Momente. Ich bin einfach dem gefolgt, was ich auch mir selbst gerne erzählen möchte."

Besonders deutlich wird der Berlin-Bezug natürlich mit dem verträumt anmutenden Trip-Hop-Track ´Wut und Glück´, zu dem der polnische Musiker Kuba Galinsky die Musik und Alexander Osang den Text voller ambivalenter Gefühle über die Veränderungen in der Hauptstadt beisteuerten, während Masha bei ´Crooked Dreams Pt. 2´ nicht nur vom "verrückten" Sounddesigns der Aufnahme überrascht war, sondern auch davon, wie sich ihre in dem Song beschriebenen Gefühle für ihre Heimatstadt über die Jahre bestätigt und sogar noch intensiviert haben.

Im Mai und Oktober geht Masha, mit Andreas Bonkowski und Andi Haberl an ihrer Seite, endlich auch wieder in ganz Deutschland auf Tour. Anders als zuletzt, als neben den Songs von ´Woanders´ wenig Raum für alte Songs blieb, schwebt ihr dieses Mal eine Setlist mit Liedern aus allen Phasen ihrer Karriere vor. Wer nun glaubt, dass Masha sich durch ihre alten Alben hören muss, um sich inspirieren zu lassen, liegt allerdings falsch.

"Mir die Platten noch einmal anzuhören, habe ich bisher noch nicht gemacht – ich habe die ja alle noch im Kopf", verrät sie. "Ich habe allerdings vor, ein paar alte Sachen rauszukramen, auf die ich jetzt richtig Lust habe."

Im Sinn hat sie dabei sogar Lieder von ´Unsolved Remained´, die sie seit Jahren nicht mehr gespielt hat. "Das hängt auch noch ein bisschen davon ab, was bei den Proben entsteht", gesteht sie, bevor sie lachend hinzufügt: "Ich habe schon eine ewig lange Setlist gemacht, aber davon können wir gar nicht alles spielen!"

Aktuelles Album: Songbook (Staatsakt / Bertus)


Weitere Infos: mashaqrella.de Foto: Diana Näcke

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