
Gefühlschaos in Tönen: Auf ihrer ersten Tournee als Headliner stürzten sich Momma vor drei Jahren so sorglos in das hedonistische Rock'n'Roll-Leben, dass am Ende nichts mehr so war wie zuvor. Auf ihrem neuen Album ´Welcome To My Blue Sky´ dokumentieren Allegra Weingarten und Etta Friedman nun die lebensverändernden Umwälzungen ungeschönt und betont persönlich in zwölf bemerkenswerten Indierock-Songs, mit denen die amerikanische Band auch klanglich neue Wege geht.
Allegra Weingarten und Etta Friedman sind gerade einmal Mitte 20, dennoch sind Momma alles andere als Newcomer. Bereits vor zehn Jahren in Los Angeles gegründet, nahmen die zwei noch als Teenager ihr erstes Album auf – auch wenn sie sich heute wünschten, dass sie damals etwas mehr Geduld aufgebracht hätten."Wir waren zu Beginn total versessen darauf, unsere Musik so schnell wie möglich zu veröffentlichen, weil wir sie unbedingt teilen wollten", erinnert sich Friedman beim Videochat mit der Westzeit. "Inzwischen haben wir unsere Lektion gelernt, denn rückblickend sind wir nicht mehr so glücklich mit dem Sound dieser Songs, weil wir seitdem natürlich gewachsen sind und uns weiterentwickelt haben. Wenn wir damals nur einen Monat länger gewartet hätten oder zumindest jemanden für einen besseren Mix hätten sorgen lassen, würden wir heute vielleicht anders über diese Lieder denken."
Wie es besser geht, bewies die Band wenige Jahre später: Mit ´Household Name´, einer LP, die augenzwinkernd mit den Klischees des Rockstar-Daseins spielte und vollgestopft war mit wuchtigen 90er-Jahre-Indierock-Hymnen, deren dezente Slacker-Vibes zu Vergleichen mit The Breeders oder Veruca Salt einluden, gelang Momma 2022 der Durchbruch in ihrer Heimat, bevor die anschließende Tournee alles auf den Kopf stellte. Untreue, Einsamkeit, übermäßiger Alkoholkonsum und der Beginn einer neuen Liebe ließen die turbulente Konzertreise für Weingarten und Friedman zur emotionalen Achterbahnfahrt werden, versorgten die zwei Masterminds von Momma auch mit reichlich Stoff für ihr inzwischen viertes Album. Die beiden beendeten langjährige Beziehungen, suchten sich neue Wohnungen in Brooklyn und widmeten sich neuen Romanzen, und genau davon handeln nun die Songs ´Welcome To My Blue Sky´.
In ´I Want You (Fever)´ sprechen die zwei ungeniert aus, was sie wollen – und lassen sich auch nicht davon abhalten, dass die Objekte der Begierde vielleicht schon vergeben sind. "Pick up and leave her, I want you, fever", heißt es kurz und knackig im unwiderstehlich eingängigen Refrain, und tatsächlich war es dieser mitreißende Power-Song, der den Weg für den Rest der Platte vorzeichnete und für eine ganze Reihe weiterer herrlich lebendiger, spürbar rastloser Lieder sorgte, mit denen Momma klanglich fantasievoll und abwechslungsreich neue Türen aufstoßen. Dagegen zeigt ´Rodeo´, dass Weingarten und Friedman nicht nur ein Faible für ungewohnte Songwriting-Perspektiven haben, sondern sich durchaus bewusst sind, was sie ihren Verflossenen mit ihrem Verhalten angetan haben.
"Der Song ist aus der Perspektive der zwei Menschen geschrieben, die wir in einer romantischen Beziehung zurückgelassen haben", erklärt Weingarten. "Es ist unser Versuch, ihre Geschichten zu ehren, indem wir das Gefühl, durch jemand anderen ersetzt zu werden, aufgreifen."
Tatsächlich nutzen Momma ihr Songwriting auf der neuen Platte mehr denn je dazu, in ihrem Leben aufzuräumen und sich ihrer wahren Gefühle bewusst zu werden.
"Die Musik ist ohne Frage eine Form der Therapie für uns, sie ist unser Tagebuch", gesteht Weingarten. "Jedes Mal, wenn du etwas durchmachst und du nicht weißt, wie du es in Worte fassen sollst oder deinem Umfeld erklären sollst, hilft es, einen Song zu schreiben, um diese Emotionen zu verarbeiten und diese Gefühle in einem neuen Licht zu sehen."
Dass der Songwriting-Prozess dieses Mal ein völlig anderer war als noch beim Vorgänger, ist trotzdem kein Widerspruch.
"Im Moment ist es mir wichtig, dass ich zu den Texten eine enge persönliche Bindung habe, da unser Songwriting gerade sehr autobiografisch geprägt ist", sagt Weingarten, und Friedman nickt zustimmend. "Ich persönlich brauche nichts besonders Kompliziertes, ich brauche nichts Übertriebenes, ich brauche nichts Durchdachtes, das über die Unmittelbarkeit einer guten Idee hinausgeht. Ich mag einfaches Songwriting, und wenn das bedeutet, dass es immer wieder dieselbe Akkordfolge gibt, die den Song aber nach vorn bringt, dann bin ich völlig zufrieden."
Friedman ergänzt: "Wir haben schon immer Wortspiele gemocht, aber es ist unglaublich schwierig, einen Weg zu finden, deine Wahrheit poetisch auszusprechen, ohne kitschig zu klingen. Deshalb schauen wir zu den Songwritern auf, bei denen du beim Hören denkst: Ich wäre nie darauf gekommen, es so auszudrücken, aber ich weiß genau, was du meinst. Auf unserer neuen Platte gibt es nun auch ein paar Zeilen, bei denen ich mir denke: Ja, das ist genau das, was ich ausdrücken wollte!"
Das gilt aber nicht nur für die Texte, denn auch klanglich kommen Momma ihren Vorstellungen auf ´Welcome To My Blue Sky´ so nah wie nie zuvor. Dass sie dabei mehr als einmal überraschen können, wenn beispielsweise gleich der Opener ´Singerl´ eine luftig-leichte Akustiknummer ist und auch eine Reihe weiterer Stücke abseits altbewährter Rock-Wucht begeistern, ist natürlich Konzept.
"Es lang uns am Herzen, etwas zu tun, das ein bisschen unerwartet ist", erklärt Weingarten "Wir wollten vermeiden, dass die Leute auf 'Play' drücken und das Gefühl haben, sie hätten jeden Song oder jeden Gitarrensound voraussagen können. Es war uns wichtig, Momente auf der Platte zu haben, die die Leute innehalten lassen: 'Warte mal, das ist ein Momma-Song? Der hat ja gar keine Stromgitarren. Das ist cool!'"
Gemeinsam mit Bassist und Produzent Aron Kobayashi Ritsch sowie Drummer Preston Folks größtenteils live im Studio eingespielt, unterstreichen diese zwölf frisch und aufregend klingenden Songs eindrucksvoll: Wenn es darum geht, die Tugenden des 90er-Jahre-Indierocks ohne Berührungsängste oder Tabus mit dem Alternative-Pop-Zeitgeist der Gegenwart zu verbinden, macht Momma so schnell niemand etwas vor!
Aktuelles Album: Welcome To My Blue Sky (Lucky Number / Rough Trade)
Weitere Infos: www.mommaband.com Foto: Jaxon Whittington