
Becca Harvey hat sich durchgebissen: Aus dem Scherbenhaufen einer gescheiterten Beziehung hat die aus Atlanta, Georgia, stammende 26-jährige Sängerin und Songwriterin das mit Alternative-Pop-Hooks und echten Gefühlen vollgestopfte zweite Girlpuppy-Album geformt. Mit ´Sweetness´ schlägt sie nicht nur persönlich, sondern auch klanglich ein spannendes neues Kapitel auf, wenn sie oft schonungslos offen ihren Selbstvorwürfen und Zweifeln den Kampf ansagt und das Verspielte mit dem Zerstörerischen vermengt, um rohe Kreativität in kraftvolle Songs zu verwandeln, die ihr erstarktes Selbstvertrauen widerspiegeln.
Der Traum, Musikerin zu sein, begleitet Becca Harvey schon seit Kindertagen, doch weil sie kein Instrument beherrscht, schien er lange nicht wirklich greifbar. Dann kam die Pandemie und sorgte dafür, dass sie plötzlich die Gelegenheit hatte, aus ihren über Jahre beim Tagebuchschreiben festgehaltenen Ideen für potenzielle Songs tatsächlich echte Lieder zu machen. Weil ihr damaliger Freund auch als Produzent arbeitete, nutzten die beiden den Lockdown, den ersten Girlpuppy-Song ´For You´ zu produzieren und zu veröffentlichen, und schon bald ging alles wie von selbst. Das positive Echo auf das Debüt machte den Weg frei für den vielbeachteten 2022er-LP-Erstling ´When I’m Alone´, in dessen melancholischen Indie-Folk-Songs Harvey auf den Spuren von Grizzly Bear, The Shins und Bon Iver wandelte und ihre federleichte, immer etwas verträumt wirkende Stimme richtig aufblühen konnte."Ich denke, auf der ersten Platte war mein Songwriting viel introspektiver", sagt sie rückblickend im WESTZEIT-Interview. "Ich schrieb mehr über mich, meine Freunde oder sogar meinen Bruder. Jetzt habe ich die Perspektive gewechselt, und die Songs sind nicht mehr so ‚sweet‘, was natürlich ein bisschen ironisch ist, wenn man bedenkt, dass die Platte ´Sweetness´ heißt. Die Songs klingen ziemlich bitter, weil es nun mal eine Trennungsplatte ist."
Tatsächlich folgte dem rasanten Aufstieg nicht lange nach der Veröffentlichung der ersten LP ein dramatischer Einschnitt: eine Trennung mit Folgen. Mit dem Ende ihrer Romanze verlor Harvey auch ihren wichtigsten musikalischen Verbündeten und musste sich persönlich wie musikalisch erst einmal neu sortieren. Anfang 2023 begann sie, ihre Trauer und Verwirrung in neuen Songs festzuhalten. Doch auch wenn sich auf ´Sweetness´ Lieder finden, mit denen Harvey ihr Publikum beeindruckend ungefiltert und echt an den verschiedenen Stufen der Verarbeitung ihres Liebeskummers teilhaben lässt: Inzwischen ist Harvey ein anderer Mensch.
"Es ist definitiv toll, mir jetzt die Songs in einer völlig anderen mentalen Verfassung anzuhören", gesteht sie. "Es gibt so viele Lieder auf dem Album, zu denen ich gar keinen Bezug mehr habe, was vollkommen okay ist, denn genau das bedeutet, dass ich das Geschehene überwunden habe und mir jetzt, da ich in einer neuen gesunden, glücklichen Beziehung bin, diese Songs anhören kann, die ich geschrieben habe, als ich total niedergeschlagen wegen der Trennung war. Trotzdem ist es schön, gewissermaßen eine Zeitkapsel meiner damaligen Gefühle zu haben."
Fragt man Harvey, welche Lektionen sie aus dieser Erfahrung gelernt, hat, muss sie nicht lange überlegen.
"Ich habe ohne Zweifel gelernt, für mich selbst einzustehen und mehr Selbstachtung zu haben", sagt sie. "Dass ich in der Lage war, die neuen Songs auch ohne meinen Ex-Partner zu schreiben, aufzunehmen und zu veröffentlichen, war eine sehr wichtige Lektion für mich, dieses: Ich kann die Dinge selbst in die Hand nehmen und brauche niemand sonst."
Stattdessen stand ihr für ´Sweetness´ neben ihren Bandkollegen Tom Sinclair und Holden Fincher Produzent Alex Farrar zur Seite, der in der jüngsten Vergangenheit für herrlich urgewaltige, naturbelassene Platten von Squirrel Flower und MJ Lenderman verantwortlich gezeichnet hatte.
"Ich liebe MJ Lenderman und bin auch ein großer Fan von Wednesday, und eine meiner liebsten Platten der letzten Jahre ist ´Valentine´ von Snail Mail, und Alex hat auch daran als Tontechniker mitgewirkt. Er war von Beginn an mein Traumproduzent", verrät Harvey, und ist immer noch ganz begeistert davon, wie schnell Farrar selbst nur vage artikulierten Ideen der Sängerin in die richtigen Töne übersetzte und aus ihren A-Cappella-Voice-Memos die Songs formte.
"Es war so, als würde er mir die Melodien praktisch aus dem Gehirn ziehen", erinnert sie sich lachend.
Mit neuen Liedern lässt Harvey die Girlpuppy-Vergangenheit auch klanglich oft ein Stück hinter sich. Ohne ihre Wurzeln vollends zu vergessen, widmet sie sich stattdessen auf ´Sweetness´ ungeniert ihrem Faible für den Sound von Shoegaze, Dream-Pop und Indierock der Jahrtausendwende, das sie gleich zu Beginn des Albums mit ´I Just Do´ und ´Champ´ zu wuchtigen, wie für die Live-Bühne gemachten Bangern führt, die zuvor undenkbar gewesen wären.
"Ich glaube, was mich an der Musik von damals reizt, ist, dass ich das Gefühl habe, dass alle wirklich die Musik geliebt haben", sagt sie. "Sie hatten keine anderen Absichten, als die Musik zu machen, die sie lieben. Das kann man auf den Platten hören, und das mag ich so an dieser Ära. Vielleicht bin ich naiv, aber ich glaube wirklich, dass es damals einfach eine Lust und Liebe zur Musik gab, die wir heute vielleicht ein bisschen verloren haben."
Trotzdem ging es ihr bei ´Sweetness´ nicht darum, in Nostalgie zu baden, denn natürlich macht sie am Ende doch Musik für das Hier und Jetzt und hat dabei das Besondere stets im Blick – kleine Easter Eggs wie einen Verweis auf The Waterboys in ´I Was Her Too´, ein augenzwinkernd eingebautes Fleetwood-Mac-Zitat in ´Windows´ oder einen Callback zu ihrem allerersten Song in ´For You Two´ inklusive.
"Ich denke, ich suche immer nach etwas Einzigartigem, vor allem, weil wir in Zeiten eines ständigen Musik-Revivals leben", sagt sie abschließend. "Die Leute kehren zu Indie-Sleaze oder Twee-Pop zurück, ich dagegen suche immer nach etwas Einmaligem. Wenn wir in zehn Jahren auf die Musik von heute zurückblicken, sollte es möglich sein, den Sound von 2025 zu identifizieren!"
Aktuelles Album: Sweetness (Captured Tracks / Cargo)
Weitere Infos: www.girlpuppymusic.com Foto: Label