
Der Name Bria Salmena ist hierzulande sicherlich noch nicht allzu bekannt – was aber hauptsächlich daran liegt, dass die kanadische Songwriterin diesen Namen erstmals für ihr Solo-Debüt „Big Dog“ verwendet. Neu im Geschäft ist Bria Salmena nämlich keineswegs. Seit 2014 ist Bria als Frontfrau der kanadischen Post-Punk Band Frigs tätig, mit der zusammen sie 2018 das Album „Basic Behaviour“ veröffentlichte. Parallel dazu agieren Bria und ihre Frigs-Kollegen seit 2019 als Band des südafrikanischen Weirdmasters Oriville Peck, der mit seinem psychedelisch verdrehten Country-Psychedelia eine deutlich andere stilistische Richtung einschlägt. 2021 und 2023 wandelte Bria Salmena – zusammen mit ihrem Frigs-Kollegen und musikalischen Partner Duncan Hay Jennings – mit dem zweiteiligen Pandemie-Projekt „Cuntry Covers Vol I und II“ erstmals auf Solo-Pfaden (damals noch ohne den Nachnamen Salmena). Hier handelte es sich dann um eine Sammlung von Cover-Versionen, die trotz des anzüglichen Titels eigentlich nur wenig mit dem klassischen Country-Genre zu tun haben, gleichwohl eine feministische Sichtweise auf das klassische Genre zum Ausdruck bringen sollten. Und dann gibt es da noch das Projekt God's Mom mit dem Bria Salmena und ihr Kollege Andrew Matthews mittels italienisch-sprachigen Techno-Tracks auf Bria's familiäre kalabrische Roots eingehen. Was das nun vorliegende Debüt-Album „Big Dog“ von all diesen Projekten abhebt, ist der Umstand, dass es musikalisch mit all dem vorgenannten nichts zu tun haben sollte – wie uns Bria Salmena erklärt.
„Ja, es sollte möglichst unklar sein, woher was unsere Inspirationsquellen gewesen waren“, berichtet Bria, die die Songs zusammen mit ihrem Partner Duncan Hay Jennings realisierte und von Graham Walsh und Meg Remy von U.S. Girls produktionstechnisch betreuen ließ, „das Projekt Frigs ist ja als Postpunk-Band klar definiert – und man arbeitet dann mit anderen Musikern, die auch alle schreiben, auf natürliche Weise in einem bestimmten, engen Rahmengeflecht. Bei diesem Projekt sollten die Parameter – die zuvor ja nicht existierten - aber extrem weit gefasst sein. Und das war eine aufregende Art zu arbeiten.“Wie entwickelte sich denn das Thema des Albums? Es scheint so, als erzähle Bria in dem Songreigen eine Art emotionalen Reisebericht?
„Oh – cool, das finde ich toll“, meint Bria, „die Songs entstanden über einen Zeitraum von vier Jahren – da ist natürlich viel passiert und wir sind auch vier gereist. Ich referenziere da definitiv Erlebnisse, die ich durchlebt habe und das hast Du schon recht mit Deiner Interpretation, denn das ist quasi ein Reisebericht über die letzten vier Jahre meines Bullshit-Lebens.“
Das ist insofern eine eher überraschende Eingeständnis, als dass sich das aus dem Sound und der kontrollierten, selbstbewussten Performance gar nicht offensichtlich offenbart. Erforscht Bria Salmena demzufolge über ihre Songs vielleicht ihr Unterbewusstsein?
„Das passiert definitiv“, bestätigt sie die Vermutung, „beim Mischen etwa haben wir uns viel mit den Demos beschäftigt und die Songs haben sich dadurch verändert und Bedeutungen haben sich verändert. Es stellte sich dann heraus, dass es darum ging, sich verwundbar zu zeigen und die Stärke die darin liegt. Der Begriff 'Verletzlichkeit' wird ja oft als 'schwach' konnotiert – ich denke aber, dass es tatsächlich genau das Gegenteil ist.“
Warum heißt das Album eigentlich „Big Dog“? Vielleicht, weil es eine so große Sache für Bria Salmena ist?
„Ja – wir haben ja eine Menge Risiken auf uns genommen und deswegen ist das eine große Sache für uns“, führt Bria aus, „deswegen habe ich das Album auch unter meinem eigenen Namen veröffentlicht. Es ist außerdem so, dass 'Big Dog' ein Spitzname für mich ist, den mir ein Freund verpasst hatte, als ich einen Selbstbewusstseins-Boost brauchte. Das hat ganz gut funktioniert, weil ich mich dadurch sehr kraftvoll fühlte.“
Auf der musikalischen Seite fällt dann auf, dass es drei Arten von Songs auf dem Album gibt: Solche wie „Backs Of Birds“, die eine Spannung erzeugen und diese dann über hymnische Refrains auflösen, solche die nur eine lineare Spannung erzeugen, ohne diese aufzulösen wie „Twilight“ und solche, die quasi nur aus Refrains, Akkordfolgen, Hooklines und Riffs bestehen wie „On The Line“. Wie sieht Bria diese Sache – und was ist der Hintergrund für diese Herangehensweise?
„Ich denke das ist eine Kombination aus bewussten Entscheidungen und der Notwendigkeit über die Texte dem Vibe des Songs folgen zu müssen - oder einer Stimmung, einer Farbe oder sonst etwas. Wir haben uns dann überlegt wie angespannt oder wie locker sich etwas anfühle müsste. Bei 'On The Line' ging es zum Beispiel darum, ein Gefühl des eingeengt-seins ausdrücken zu wollen, was in dem Text zum Ausdruck kommt und die Auflösung durch den Refrain stellt dann quasi die Flucht aus dieser Situation dar. Wir haben aber schon Wert darauf gelegt, dass sich solche Sachen ganz organisch offenbaren sollten.“
Produktionstechnisch wurde das Album ja betreut von Graham Walsh die musikalische Seite betreffend und Meg Remy (U.S. Girls) produzierte dann die gesangliche Ebene. Was war denn der Grund für diese Herangehensweise?
„Ja – das stimmt. Graham war als Tontechniker und Produzent verantwortlich, als wir die Instrumental-Tracks eingespielt haben und Meg wollte sich auf die Produktion der Gesangsspuren konzentrieren. Das war deswegen schön, weil ich selbst das vorher noch nicht gemacht hatte, weil wir die EPs selbst produziert hatten, weil wir das zu Hause während der Pandemie gemacht hatten.“
Was ist die größte Herausforderung für Bria Salmena?
„Darauf zu achten, nicht den selben Song immer und immer wieder zu schreiben“, erklärt Bria, „ich versuche jedenfalls immer, mich dahingehend herauszufordern, nicht immer ähnliche Akkordfolgen zu verwenden. Deswegen schreibe ich zuletzt mehr auf dem Klavier. Man muss es für sich selbst interessant gestalten. Mich nicht zu wiederholen ist zugleich die größte Herausforderung wie auch die größte Motivation.“
Gibt es denn schon Pläne für die Zukunft – oder nimmt Bria Salmena die Dinge, wie sie kommen?
„Oh nein – ich muss Planen. Schließlich ist mein Sternzeichen Jungfrau! Ich habe das Ziel, kontinuierlich weiter zu schreiben – was wir momentan machen – und uns dabei immer neuen Herausforderungen zu stellen und uns in verschiedenen klanglichen Möglichkeiten auszudrücken.“
Aktuelles Album „Big Dog“ (Dead Oceans / Cargo)
Weitere Infos: https://www.briasalmena.com/ Foto: Matthew Tammaro