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NOORDERSLAG/EUROSONIC 2005 - Wo Musik noch anders ist

 
Vom 13. bis 15. Januar 2005 standen wieder drei Tage und Nächte ganz im Zeichen vornehmlich europäischer Popmusik aller Klangfarben und – ganz wichtig - auf neutralem Terrain. Mehr als 150 Bands und Solokünstler aus ganz Europa bevölkerten die 27 bumsvollen Clubs und Säle rund um den Grote Markt im traditionell gastfreien Groningen, das uns zum fünften Mal so freundlich aufnahm, dass man uns sogar auf dem Markt wieder erkannte und fröhlich begrüßte. 23 Radiostationen, darunter der WDR, berichteten von dem europäischen Showcase teils sogar live.
Vive la Difference!
Festival und Seminar 2005 titelten "Frankrijk in de Focus", oder volkstümlich: Wie kommt mein Künstler ins Gehör der Grande Nation? La France mag zum Exempel taugen, rezipiert doch der Romane anders und rührt gar Eigensinniges ins europäische Süppchen. Da wird, wie bei den "Têtes Raides", Chansontradition mit Punk legiert, tönt bei "Ceux Qui Marchent Debout" Marschmusik mit den Einflüssen der Kolonien, beziehen sich "Gomm" ungeniert auf CAN, um dann Electro mit Punk zu kreuzen und – die Raster im kaum angloamerikanisch missionierten Frankreich sind gröber – werden von "We Insist!" Led Zeppelin, Zappa und zwei Saxophonen aufgemischt oder - wie bei "Bikini Machine" - twangy versurft. Die schöne Chanteuse Emilie Simon kann unbesorgt ihren zärtlichen Trippop präsentieren, denn nichts anderes als Chanson ist es, was wir unter der Tricolore am ehesten erwarten. Paris steht für House oder sollte es besser heißen "maison"? Der Houseact "Avril", auch von der Seine, hebt Einflüsse von "outre mèr" unter, wie könnte es anders sein? Vier Betriebsrats-Sekretärinnen kokettieren auf ihrem Poster als "Les Suprèmes Dindes" mit Jacques Tati-Stilistik und rocken lustig kostümiert als Truthahnbrust à la Crème. Schließlich repräsentiert "Le Peuple de l’Herbe" (sic: Der Stamm vom Kraute) die kiffenden Banlieues, jene maghrebinisch dominierten No-Go-Areas, wo sich die Flics nicht mal mehr mit reintrauen. Drum’n’bass, HipHop, Ragga, Funk, House und Dub bilden die brodelnde Ursuppe, auf die sich europäische Ethnoszenen einigen könnten. "Wir sind unter der anti-islamischen Stimmung expliziter geworden," sagen sie selbst. Karibische Tanzmusik steuern "P18" zum europäischen Panaché bei. Ihr Frontmann Ton Darnal wirkte vorher, eine gute Referenz, bei Mano Negra und Manu Chao mit.

Selbsterlebtes
Man kann nicht überall sein, deshalb ist man ja in Groningen. Und auch wenn all die wunderbaren Clubs und beeindruckenden Säle zu Fuß erreichbar sind, gehen braucht Zeit. So liegt die persönliche Wahrnehmung oft in den Zwischenräumen und ist geprägt vom Colorit der Regionen. Wie die Catwalks der Haute Couture meist nicht das Tragbare repräsentieren, sondern eher bizarre Stilwelten markieren, so gilt es auch in Groningen die Signale der Übertreibung zu dechiffrieren. Begeistert, aber auch ein wenig rat- und fassungslos verfolgte mann die wirbelnde Show von "Maskesmachine" (maske: Antwerps "meisje"). Und das lieferte in vierfacher Ausführung, verstärkt von einem mutigen Kontrabassisten, eine derart rasante Parlandonummer ab, dass etwa 200 Unterkiefer sabbernd runterklappten. Bewaffnet mit Ukulele, Geige und umgeschnallten Minischlagzeug hauten uns die süßen Ladykracher ihre knallbunte, musikalische Modenschau um die Löffel - quittiert von verzweifelten Rufen: "Langzamer spreken!". Dass die Damen unter der Ägide von Laurence Bourgeois reüssieren, der so modeaffinen Gattin von Stef Kamil Carlens of Zita Swoon fame, hat mich nicht überrascht. Erster Preis für Ausführung, Kostüme und Frisuren!
Die schwedischen "The Concretes" im morbide abgewrackten Grand Theatre konnten - trotz oder gerade wegen ihrer hippieesken Mammutbesetzung - klanglich nicht überzeugen, obwohl ich verstanden zu haben glaube, worum es ihnen ging. Werde in die Platte reinhören. Trotzdem: Zweiter Preis für die Frisur der piepsigen Sängerin.
Im ersten Stock des Grand Theatre bearbeitete der kahlköpfige Schweizer Mich Gerber, in langes schwarzes Tuch gewandet, den präparierten Kontrabass, unterstützt von meditativ-repetitivem Schlagzeug und einem Keyboarder, der die eingespielten Loops managte. Mehr Action erhofften wir uns im alten Seemannspuff "Huize Maas". Auf kleiner, tiefer Bühne und mit deshalb nur gedämpfter Backline gefiel das flämische Quartett "Triggerfinger" als altölige Version von Black Sabbath, Stonerrock und Grandfunk, mit unüberhörbarer King Crimsonscher Vertracktheit und einem Brel-Cover!
Im Huis de Beurs überzeugten mich die schwer transpirierenden Finnen von "Soul Tattoo" als bluesige B52´s auf Psychobilly, bevor wir panisch unseren Weg durch die dampfende Masse zum Ausgang bahnten.

Verpasst
Daan Stuyven habe ich zwar verpasst, erlebte ihn aber – in Champagnerlaune - als charmanten Entertainer einer Schönheit im Vera. Ebenso entging mir der Norweger Thomas Dybdahl, der seine romantischen Songs, begleitet von einer sensiblen Band, im Falsett vorträgt: "Charismatisch!" war das Prädikat. Für ihn und die Multiperkussion mit Zigeunercharme des jungen norwegischen Singer-Songwriter Janove Ottensen hatte die parallel ausgeschwärmte Bürobesatzung des Haldernfestivals ein wohlgefälliges Ohr. Kein Wunder, ist er doch im Hauptberuf der Frontmann von Kaizers, nur ohne Orchestra... Auch die trinkfesten Iren von HAL hatten gute Kritiken, immer noch den Haldern-Button am Bassgurt und einen neuen Drummer.
Die fieberig- folky operierenden Antwerpener "Absynthe Minded", Nomen est omen, mögen zwar ein heißer Tipp von dEUS-Frontmann Tom Barman sein. Mein Ding ist ihr osteuropäisch beswingter Parforceritt durch die Vorkriegsstile nicht. Die passen aber aber, dank Geigendominanz und Jim Morrison-Stimme gut in den dekadenten Trend, der grade aus England rüberschwappt.


Meet and greet
Auch L’age D’Or-Chef Carol von Rautenkranz hatte Zeit für einen Plausch auf dem Flur der "Muziekschool", seine Rechte Hand Stefan Rath, übrigens Trommler der Robbespierres, war leider grade verschollen.
Mit unter anderem einem gut gelaunten Erny Hartz (Bizarre) und dito Günther Linnarz trafen wir wieder altbekannte rheinische Veranstalter- bzw. Booker-Kollegen, und das an jeder Ecke. Steven Kruijff, laut Visitenkarte "all in one" von Haldern-Pop Recordings, bringt es auf den Punkt: "Hey, lass Dir eins sagen... Alle interessanten Gespräche fanden vor dem Snackautomaten neben dem Fritten-Tent statt."
Er hat Recht. Was wie eine Startrampe für Brieftauben aussieht, ist der informelle Infopool von Agenten, Journalisten, Veranstaltern und Labeltypen aus aller Welt!
Als belgisches - pardon - flämisches Intermezzo trafen wir Marc Wetzels von COEM, Lukke Waegemans, den Chef vom Genter Kinky Star Club anexe Label und "Starfighter"-Gitarrist, rückten im "Het Zwarte Schaap" mit deutschen Kollegen (c/o Pop, Intro, Haldern, ASS...) zusammen, um beim zähen Steak deutsch-flämische Festival-Koop 2005 durchzukauen.

Und nicht zu vergessen, wurden wir Zeugen der grandiosen Show von Skalegende Mark Foggo. Der in Eindhoven exilierte Brite hatte Generationen von Venloer Musikern in den Reihen seiner Skasters. Es war schön, zu erleben, wie die Skamaschine mit dem irren Blick nach über 30 Jahren noch die Hütte rockt! Nebenan spielten übrigens die Beatsteaks vor begeisterter Crowd – weil überwiegend unoriginell, leider nicht für mich.
Vor dem morgendlichen Set der französischen DJ-Legende Laurent Garnier ereilte uns das Formtief. Tinitös und trunken waren wir heilfroh, im Shuttlebus durch das überraschend große nächtliche Groningen unserer Luxusabsteige entgegen zu gleiten. Am nächsten Morgen hätte ich mir um ein Haar an Henry Rollins’ gestähltem Körper den Kopf eingerannt. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. Er ist überraschend klein.

Noorderslag, den samstäglichen Nederland-Showcase, haben wir uns mangels Zeit und Kondition gespart. Wir glauben zu wissen, was gut ist bzw. im deutschsprachigen Raum "geht" und unterhalten uns das ganze Jahr drüber: Excelsior aus Utrecht zum Beispiel bietet vieles, was uns gefällt, aus einer Hand. Damit läuft eine Hauptintention der Niederländer zwar ins Leere, wird aber via etablierte individuelle Kanäle eingelöst.
Nach Flandern bestehen sehr innige Kontakte, die kusje, kusje, in regelmäßiger Präsenz flämischer Musik auf den Bühnen und kleinen Labels des deutschspachigen Raumes münden.
Auch aus Frankreich interessieren mich persönlich andere Künstler(innen) als die aktuell präsentierten. Welche genau, das muss vorläufig noch mein Geheimnis bleiben. Der Vierfachsampler "French Essentials" jedenfalls spricht so viele Bände, dass man sich fragt: "Warum sind die jetzt nicht hier?"
Die nächsten Wochen stehen ganz im Zeichen von Nachlese und Aufbereitung. Es wird viel telefoniert, Asphalt unter die Pneus genommen und man trifft sich europäisch polyglott zum Essen. Da jucken zwar nachher die Synapsen, aber der hellwache Zustand der Geistesgegenwart reicht ja vielleicht bis nächstes Jahr. Hab ich was vergessen? Ja, Berlin.
© 01. Februar 2005  WESTZEIT ||| Text: Wolfgang Linneweber
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