| Kulleraugen, Stupsnasen, Feenzauber, Cyberkrieger und Fantasywelt – die thematischen Freiheiten japanischer Animationsfilme scheint grenzenlos. Die Kunst-und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn unternimmt in einer bis zum 8. Januar 2012 dauernden Ausstellung den Versuch, Licht in die vielfältigen Bereiche mit ihren Nischen und Schatzkammern zu bringen. Neben dem japanischen Comic „Manga“ behaupten die animierten Trickfilme „Anime“ seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ihre insbesondere in den 1970er Jahren international explodierende Erfolgsgeschichte, die hierzulande mit Zeichentrickfilmen wie „Heidi“ oder „Biene Maja“ ein zunächst kindliches Gesicht bekamen. |
 Zeichnungen im Film zum Leben erwecken: Was aus verfilmten Comics mit Donald Duck und Goofy, Mickey Mouse und der rosarote Panther im kollektiven Bewusstsein mehrerer Generationen haften blieb, eroberte nicht nur Kinderherzen sondern fand auch den Weg in die populäre Kultur und die zeitgenössische Kunst („Batman“ von Mel Ramos, 1961; „Popeye“ von Roy Lichtenstein, 1961). Kinderfilme decken dabei nur eine Facette des reichhaltigen Angebotes japanischer Zeichentrickfilme ab. Dass sogar ein so urdeutsch erscheinendes Erzeugnis wie der Kinderzeichenfilm „Heidi“ auf japanischer Scholle aufgewachsen ist, stellt nur einen überraschenden Aspekt der Anime-Thematik dar. Zeichentrickfilme für Erwachsene mit teils erotischen, teils drastisch pornografischen Inhalten („Hentai“) oder Science Fiction-Themen und Action-Spektakel eroberten seit den 1960er Jahren auch westliche Kulturlandschaften. So tief alltäglich durchdrungen mit Anime- und Manga-Erzeugnissen wie in Japan zeigt sich jedoch kaum eine andere Nation. Die Faszination dieser Bildsprache in Geschichte, Ästhetik und Produktionsweise des Anime von den Anfängen über die großen Kinoerfolge und populärsten Serienhelden der späten siebziger Jahre bis hin zu aktuellen Computerspielen belegt die Ausstellung in der Bundeskunsthalle. Nach Genres gegliederte Ausstellungsbereiche zeigen eine Zusammenstellung der „Pop Culture“ mit Materialien zur Produktion und Rezeption, zur Fankultur und zum Merchandising.
Einen gewaltigen Bilderstrom bietet der Rundgang den Fans dieser Filmkunst. Er beginnt mit dem Anime für Kinder („kodomo no anime“), mit den frühen Koproduktionen deutscher und japanischer Studios sowie seltenen Cels („Celluloids“) von Filmen des berühmten „Studio Ghibli“, das nicht nur in Japan für einzigartige Qualität bekannt ist. In Japan als Kulturgut hoch gehandelt, prägten Serien wie „Wickie und die starken Männer“, „Die Biene Maja“, „Captain Future“, „Prinzessin Mononoke“ und „Pokémon“ das Alltagsgeschehen. „Shojo anime“ richten sich vor allem an junge Mädchen, während männliche Jugendliche mehr an den Idealen des „shonen anime“ fasziniert sind: Ausdauer, Freundschaft und Offenheit im Kampf gegen Monster und böse Mächte.
Das Prinzip „kawaii“ – mädchenhaft niedlich, aber auch sexy – gilt seit den siebziger Jahren als herrschendes Schönheitsideal für junge Japanerinnen, das die Grundlage der Ästhetik der „shojo anime“ bildet. Zahlreiche Subgenres aus der Sport- und Alltagswelt formen sich zu Geschichten, von denen die „magical girls“-Stories auch im deutschen Fernsehen sehr erfolgreich sind. Erwachsene werden durch die „seinen anime“ (Anime für Erwachsene) angesprochen: entweder als „etchi/ecchi“ (leichte, frivol-sexuelle Anspielungen) oder als „hentai“ (pornografische Darstellungen. Die Bereiche Fantasy (in der japanischen Mythologie und Tradition verwurzelt) und Science Fiction (Zukunftstechnologien und hochgradig technisierte Gesellschaft postapokalyptischer Welten) widmen sich insbesondere dem Fantastischen und Übernatürlichen. Das vom Englischen „mechanics“ abgeleitete „mecha“ zeigt überdimensionale Kampfroboter, die von einem Cockpit aus oder über eine Fernbedienung gesteuert werden. Sie bieten neben Kampfeigenschaften auch Schutz vor Gefahr, die von außen droht. Die Ausstellung klingt mit einem Beitrag zur aktuellen Situation Japans im Spiegel des Anime aus. Außerdem werden Fotografien von „Cosplayern“ des Fotografen Oliver Sieber und großformatige „High Art“-Zeichnungen von Amano Yoshitaka sowie Kostüme von Anime-Figurendarsteller gezeigt. |
Fanatisierte Fans, die „otaku“, tauschen sich über Internet-Foren und Fan-Treffen aus und konsumieren massenhaft erzeugte Fan-Zeitschriften. Die „Cosplay“ genannten Kostümwettbewerbe bieten den Fans die Gelegenheit, sich in ihre Lieblingscharaktere zu verkleiden, in deren Rollen zu schlüpfen und zeitweise im „Second Life“ der Online-3D-Welten zu entkommen. Die visionäre Kraft der Anime beleuchteten einige japanische Tageszeitungen nach der Fukushima-Katastrophe im Frühjahr 2011. Auch die Jahrhundertkatastrophen von Hiroshima und Nagasaki im August 1945 bilden einen zentralen Punkt in der japanischen Kultur und wurden etwa in dem 1983 und 1986 als Anime verfilmten Manga „Barfuß durch Hiroshima“ (1973) thematisiert.
Anime! High Art - Pop Culture (-08.01.2012)
Kunst- und Ausstellungshalle der BRD
Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn
Tel. 0228-9171200
Di-Mi 10-21, Do-So 10-19 Uhr
Feiertage: 3. Oktober (Tag der Deutschen Einheit)
25. + 26.12. (1./2. Weihnachtstag) 10-19 Uhr
24.12. (Heiligabend) und 31.12. (Silvester) geschlossen
Eintritt regulär/ermäßigt/Familienkarte: 8/5 Euro/14 Euro
Weitere Infos: www.bundeskunsthalle.de |
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| © 01. September 2011 WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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