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NEIL YOUNG - Der Geist der frühen Tage

Rastlos – kaum ein Adjektiv beschreibt Neil Young besser als dieses. Mehr als 50 Jahre nach Beginn seiner einzigartigen Karriere macht der kanadische Tausendsassa immer noch, was er will, und folgt unbeirrt seiner Leidenschaft, wo auch immer sie ihn hinführt. Jetzt zieht es den 73-Jährigen, der als Sänger genauso unverkennbar ist wie als Gitarrist, zurück zu seiner altgedienten Backingband Crazy Horse. ´Colorado´ heißt sein Ende Oktober erscheinendes neues Album, das den Geist der frühen Tage mit politischem Sendungsbewusstsein auf der Höhe der Zeit verbindet.

Ein wenig überraschend kam die Ankündigung schon, dass Neil Young nun wieder mit seinen alten Mitstreitern gemeinsame Sache macht. Schließlich war er in den letzten Jahren mit den „jungen Wilden“ von Promise Of The Real im Studio und vor allem auf der Bühne von Triumph zu Triumph geeilt. Doch genauso schnell wie Crazy Horse im Laufe der letzten 50 Jahre gleich mehrfach für alle unerwartet aufs Abstellgleis bugsiert worden sind, feiern sie nun auch ihre Auferstehung. Schließlich beschreibt Young selbst die Band als die Essenz seines musikalischen Lebens.

„Wenn ich nie etwas anderes getan hätte, würden die Crazy-Horse-Sachen für sich allein stehen“, lässt er sich auf seiner „Neil Young Archives“-Website zitieren.

Gefunden hatte Young die Band nach seinem Abschied von Buffalo Springfield im sagenumwobenen Whiskey A Go Go in Los Angeles. Da sein 1968 erschienenes Debüt als Solist, ´Neil Young´, zu großen Teilen aus Songs bestand, die mithilfe vieler Overdubs behutsam aufgeschichtet worden waren, stand ihm der Sinn nach einem raueren Bandsound. Die herrlich unwirschen The Rockets mit Gitarrist Danny Whitten, Bassist Billy Talbot und Schlagzeuger Ralph Molina kamen ihm da gerade recht. Als Crazy Horse unterstützten sie Young erstmals 1969 auf dem Album ´Everybody Knows This Is Nowhere´ – und legten damit nicht nur den Grundstein für den klassischen Young-Sound, sondern auch für eine Zusammenarbeit, die in zahllosen bahnbrechenden Meisterwerken mündete und mit vielen Höhen (und einigen Tiefen) bis heute andauert. Mitte der 70er ersetzte Frank „Poncho“ Sampedro den tragisch früh verstorbenen Danny Whitten, aktuell ist Nils Lofgren der Gitarrist von Crazy Horse, ein alter Weggefährte, der bereits 1970 auf dem Album ´After The Goldrush´ mit Young zusammengearbeitet hatte und seitdem in dessen Dunstkreis immer wieder aufgetaucht ist.

Sieben Jahre nach dem letzten gemeinsamen Studioalbum ´Psychedelic Pill´ trommelte Young die Band letzten Herbst für einige spontane, noch dazu ungeprobte Konzerte in kleinen kalifornischen Theatern erstmals wieder zusammen. Nach Auftritten in seiner alten Heimat Winnipeg zu Beginn dieses Jahres, genauer gesagt nach dem Konzert am 04. Februar, reifte dann auch die Entscheidung für ein neues Album mit den alten Haudegen.

„Wir hatten zuvor schon Shows in Fresno und Bakersfield gespielt, nur um zu sehen, wie es sich anfühlt“, schreibt Young auf seiner Website. „Wir brauchten bis Winnipeg, bis wir so richtig in Fahrt kamen. Als wir an diesem Abend spielten, war alles genau so, wie es sein sollte.“

Gleich danach begann Young, Songs explizit für ein Crazy-Horse-Album zu schreiben.

„Das öffnet in mir immer einen ganz besonderen Kanal“, erklärt er. „Vielleicht liegt es an der Chemie der Band, an der Art und Weise, wie ich mich fühle, wenn ich mit ihr spiele. Ralph und Billy haben einen kosmischen Beat, und Nils hat ein ganz eigenes Gefühl.“

Viel Zeit verschlang weder das Songwriting noch das Einspielen der neuen Lieder. Aufgenommen wurde die neue LP im April innerhalb weniger Tage in einem kleinen Studio in Telluride, Colorado, einem bekannten Skigebiet in den Rocky Mountains auf 2800 Meter Höhe. Dort gelang es der Band, mit betont naturbelassenen Aufnahmen all das einzufangen, was Youngs Zusammenarbeit mit Crazy Horse von Beginn an auszeichnet: Das Instinktive, die Unmittelbarkeit und nicht zuletzt die unbändige Spielfreude, die Songs wie ´Cinnamon Girl´, ´Down By The River´ oder ´Cowgirl In The Sand´ bereits vor 50 Jahren ausstrahlten und die Mitte der 70er nach unkaputtbaren Klassikern wie ´Cortez The Killer´, ´Powderfinger´ oder ´Like A Hurricane´ endgültig zum Crazy-Horse-Markenzeichen wurden, sind auch auf ´Colorado´ greifbar.

John Hanlon, der Young bei den Aufnahmen für ´Colorado´ als Co-Produzent zur Seite stand, beschreibt in seinem ´Telluride Sessions´-Tagebuch, wie es dazu kam:

„Bevor es ans Spielen ging, arbeitete Neil unter anderem an seinem Gitarrenklang. Sein Sound ist jetzt direkter als bei früheren Platten mit Crazy Horse nach 1975.“

Mit dem Ziel, der Klangfarbe von ´Everybody Knows This Is Nowhere´ wieder näherzukommen, griff Young auf die gleiche Gitarre und den gleichen Verstärker wie damals zurück und verzichtete auf viele Effektgeräte – mit oft beeindruckenden Resultaten. Egal, ob sich das ´Milky Way´ in typischer Horse-Manier emotional und herrlich windschief Bahn bricht, ´Think Of Me´ die akustische Seite der Band eindrucksvoll unterstreicht oder beim fast 14-minütigen ´She Shows Me Love´ alle Dämme brechen – stets verdient der Sound der elf neuen Lieder das Prädikat „Besonders klassisch“. Das sieht auch Young selbst so.

„Wir glauben, dass wir ein tolles Crazy-Horse-Album produziert haben, eins, das ohne Weiteres mit ´Everybody Knows This Is Nowhere´, ´Rust Never Sleeps´, ´Sleeps With Angels´, ´Psychedelic Pill´ und all den anderen mithalten kann“, schreibt er auf seiner Website.

Doch auch wenn Young musikalisch den Blick mitunter zurückschweifen lässt – textlich zeigt sich der alte Zausel fest im Hier und Jetzt verankert. Das Herzstück des neuen Albums ist dabei das hymnische ´Rainbow Of Colors´, eine optimistische Nummer, die für mehr Zusammenhalt nicht nur in einem immer stärker auseinanderdriftenden Amerika unter Präsident Donald Trump wirbt.

„´Rainbow Of Colors´ ist ein Song über die USA und die ganze Welt“, schreibt Young. „Die Idee dieses Songs ist, dass wir alle zusammengehören. Uns in Rassen und Farben zu unterteilen, ist eine alte Idee, deren Zeit vorbei ist. Mit der Erde unter dem direkten Einfluss des Klimawandels befinden wir uns in einer Krise und müssen gemeinsam erkennen, dass wir alle eins sind. Unsere Führungskräfte erkennen den Ernst der Lage nicht. Zu beschäftigt mit ihren eigenen Plänen, sehen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

In dieser prekären Lage kann Young sogar der drohenden Katastrophe etwas Positives abgewinnen:

„Wir müssen zusammenstehen, weil wir alle bedroht sind. Der Klimawandel ist die verbindende Kraft, die wir schon seit Langem brauchen. Jetzt, da er hier ist, müssen wir es nur noch erkennen und aufhören, unsere Brüder und Schwestern anzugreifen, und ihnen stattdessen helfen. Wir stecken hier alle zusammen drin.“

Doch nicht nur mit ´Colorado´ feuert Young dieser Tage auf allen Zylindern. Mit dem just erschienenen Buch ´To Feel The Music: A Songwriters Mission To Save High Quality Audio´ widmet er sich seinem fortwährenden Kampf, dem Publikum Musik in High-Audio-Qualität zugänglich zu machen, anstatt sich auf komprimierte Digitaldateien zu beschränken, die der Musik ihre ursprüngliche Wärme nehmen, und auch an der Filmfront ist er schwer aktiv. Der zeitgleich zur Albumveröffentlichung in ausgewählten Kinos anlaufende Film ´Mountaintop Sessions´ entstand während der Aufnahmen zu ´Colorado´.

„Gezeigt wird der gesamte Prozess genau so, wie er abgelaufen ist – mit allen Ecken und Kanten“, verspricht Young und fügt vollmundig hinzu: „Ich denke nicht, dass jemals ein Film über dieses Thema mit der Offenheit und Intensität, die wir eingefangen haben, gezeigt wurde.“

Gleichzeitig arbeitet er aber auch noch an einer Menge Film-Archivmaterial. Mehr als ein Dutzend Konzertmitschnitte aus seiner gesamten Karriere will er in den kommenden Monaten aufbereiten, um sie auf seiner Website zu streamen. Das Projekt ist ihm sogar so wichtig, dass er dafür eine ursprünglich noch für dieses Jahr angedachte Crazy-Horse-Tournee mit besten Grüßen aus dem Schneideraum kurzerhand auf 2020 verschoben hat.

Das unterstreicht: Das kreative Feuer brennt weiter hell in Young. Während die meisten anderen Musiker seiner Generation sich heute darauf beschränken, die eigene Legende mit alle Jubeljahre veröffentlichten Platten und teuer bezahlten Greatest-Hits-Konzerten zu verwalten, lebt Young immer noch für den Moment. Long may he run!

Aktuelles Album: Colorado (Reprise Records / Warner) VÖ 25.10.
Weitere Infos: neilyoungarchives.com
© 03. Oktober 2019  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Datenschutz
Oktober 2019


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