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Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris - Museum Folkwang Essen

Was heute oft auf massiven Widerstand in der Bevölkerung stößt, bedeutete vor einhundertundfünfzig Jahren einen sehr willkommenen Aufbruch in die Zukunft. In nur vierzig Jahren – zwischen 1860 und 1900 – explodierte eine der wichtigsten europäischen Metropolen derart schnell und mit dem Beifall der dort lebenden Menschen, das heute die rasante Entstehung der Bahnhöfe, Theater, Boulevards, Parkanlagen und Plätze kaum noch nachvollziehbar ist. Paris, die Stadt an der Seine mit dem einhundertneunundzwanzig Meter hohen Montmartre und dem Musée du Louvre atmete während der zweiten Republik unter Napoleon III einmal kräftig ein und pflanzte beim Ausatmen spektakuläre Landschaftsmotive ins Stadtbild, die bis heute prägend sind. Etwa achtzig Gemälde, einhundertfünfundzwanzig Fotografien und zweiundzwanzig Ansichtskarten, in dreizehn Räume zu sechzehn Themenblöcken arrangiert, zeigen im Museum Folkwang Essen, wie eine Stadt gezielt und gelenkt aus den Nähten platzte.

Angesichts der seit gut vierzig Jahren bundesrepublikanisch keimenden Widerstandskultur und Massenproteste gegen neue Bauvorhaben („Stuttgart 21“, Schneller Brüter in Kalkar, Startbahn West in Frankfurt, Main-Donau-Kanal im Altmühltal) wirken die Begleiterscheinungen bei der Verwandlung von Paris so weit weg zu sein wie antike Größenwahnsinnsbaupläne (Turm zu Babylon). Paris veränderte sich rapide, die Modernisierung der Stadt im Zuge der Industrialisierung und des Zuzugs großer Teile der Landbevölkerung in die Hauptstadt erforderten eine massive Vergrößerung des Stadtgebietes und die Schaffung reichhaltigen Wohnraums. Markantes Beispiel für diese Umwälzungen im Städtebau ist der 1868 eingeweihte über den Gleisen der Gare Saint-Lazare – eine Parallele zu „Stuttgart 21“? Mag der Vergleich auch hinken – so ablehnend die Stuttgarter dem gigantischen Projekt in ihrer Stadt gegenüber stehen so willkommen war der Aufbruch in die Zukunft für die Pariser Bevölkerung. Der Bau des Eiffelturms für die Weltausstellung in Paris 1900 ist eines der markantesten Beispiele für die gigantische Entwicklung der Stadt.

Und wer war mit im Boot bzw. in der Eisenbahn? Wer begleitete in heute weltberühmten Gemälden und auf dokumentierenden Fotografien die Veränderung des Pariser Stadtbildes, ja, die Veränderung des Geistes, der Lebensumstände und der Hoffnungen der Stadtbevölkerung? Zwischen den beiden großen „A“ - Abriss und Aufbau – bewegten sich auch die Künstler der Stadt, die Maler und Zeichner, die Fotografen und Schriftsteller (Victor Hugo mit „Die Elenden“, Emile Zola mit dem Romanzyklus „Die Rougon-Macquart“). Charles Marville hielt zwischen 1860 und 1869 mit seiner Kamera etwa Straßendurchbrüche durch ehedem geschlossene Häuserfronten fest und fotografierte den bisherigen Zustand schmaler Gassen, die dem Fortschritt im Wege standen. Gustave Caillebotte malte 1876 eine Szene unter dem Titel ´Der Pont de l´Europe´: Im Vordergrund rechts schaut ein Mann hinunter auf den regen Eisenbahnverkehr, im Zentrum der Bildmitte spaziert ein paar, das sich angeregt unterhält, ein Hund läuft ihnen entgegen. Hier war ein neues Stadtviertel entstanden, von weitläufigen Straßen durchzogen und mit großen Häuserzeilen aufgewertet. Der Bahnhof verband die Innenstadt mit den Vorstädten, verschönert und angereichert mit Cafés, Kaufhäusern, Passagen, Baumbepflanzungen und Litfasssäulen. Auch in Pierre Auguste Renoirs Gemälde „Tanz im Moulin de la Galette“ (1876) spiegelt sich in der Momentaufnahme tanzender und flirtender Paare die geistige und tatkräftige Power des Aufbruchs wieder – nach der harten Arbeit das leichte Vergnügen.

Vierzig Jahre im Leben der Stadt Paris bedeuteten für deren Künstler eine vierzigjährige große Aufmerksamkeit mit Blick auf Veränderungen im Stadtbild und in der Gesellschaft. Die Impressionisten beherrschten damals nicht nur die Salons und die Galerien, sie betätigten sich quasi auch als Chronisten des modernen, aufstrebenden Paris. Die gemalten Hauptwerke des neunzehnten Jahrhunderts stehen im engen Zusammenhang mit der Ausbreitung der Stadt Paris zum Ende des Jahrhunderts. Viele Bilder in der bemerkenswerten Ausstellung sind erstmals in Deutschland zu sehen, darunter das weltberühmte Gemälde „Straße in Paris, an einem Regentag“ von Gustave Caillebotte von 1877. Vincent van Gogh schuf mit „Die Seine-Brücken von Asnières“ (1887) ein beeindruckendes Beispiel einer Symbiose zwischen Natur, Brückenbaukunst und technischem Fortschritt (Eisenbahn).

Flüchtige Augenblicke auf der Straße oder in Parkanlagen hielten Maler wie Edouard Manet („Die Eisenbahn“) oder Fotografen wie Paul Géniaux („Der Gemüsemarkt der Zentralmarkthallen“) fest. Überhaupt sind die Fotografien mehr als reine Dokumentation – sie frieren den Augenblick der Veränderung noch realistischer ein als die (farb)prächtigen Bilder von Paul Signac, Camile Pissarro, Edgar Degas, Henri Matisse oder Georges Seurat.

Die Ausstellung zeigt jedoch nicht nur die Sonnenseite des Aufbruchs. Théophile-Alexandre Steinlen lieferte eine Momentaufnahme von Demonstranten am französischen Nationalfeiertag - „Der 14. Juli“ (1895). Jules Adler zeigt in dem Gemälde „Auf der Straße“ (1893) einen nachdenklichen Mann mit dunklem Bart, der - die Hände in den Hosentaschen verborgen - in tiefer Versunkenheit über die Zukunft der Stadt und seiner eigenen nachzudenken scheint. „Der Angriff“ von André Devambez zeigt eine Straßenszene aus der Pariser Kommune von 1871 – der Angriff der Polizei auf eine demonstrierende Menschenmenge. „Die gestürzte Vendôme-Säule während der Pariser Kommune“ bannte der Fotograf Bruno Braquehais als Versuch einer fotografischen Reportage auf Zelluloid, während eine anonyme Fotografie die „Barrikade der Chausée Ménilmontant“ zeigt. Diese Zeitdokumente belegen, dass die Veränderung der Stadt Paris (und ihrer Gesellschaft) nicht konfliktfrei war, wie es in drastischer Form der Fotograf André Adolphe-Eugène Disdéri im Bild festhielt: „Gefallene von 1871“.

Doch der Triumph der Moderne obsiegte letztlich über alle Anfeindungen und konterrevolutionäre Strömungen. „Bilder einer Metropole“ macht deutlich, wie man notwendige Veränderungen auch in die richtigen Bahnen lenkt: indem die Menschen mitgenommen werden.
Bilder einer Metropole - Die Impressionisten in Paris (-10.01.2011)
Museum Folkwang, Museumsplatz 1, 45128 Essen
Tel.: 0201-8845 444
info@museum-folkwang.essen.de
Di-So 10-20 Uhr, Fr 10-22.30 Uhr, Allerheiligen, 1. und 2. Weihnachtsfeiertag, Neujahr, Geschlossen: Mo, Heiligabend, Silvester
Eintritt: Di-Fr 10,00 Euro, Sa, So + Feiertage 12 Euro, ermäßigt 7,00 Euro.
Katalog: 38 Euro im Museum.
www.museum-folkwang.de www.bildereinermetropole.de
© 01. November 2010  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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