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Isa Genzken - Sesam, öffne dich! - Museum Ludwig Köln

Tom Wolfe wagte 1965 in seiner Essaysammlung "Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby" einen subjektiven Blickwinkel auf die sich dem Reporter bietende Wirklichkeit und startete damit einen Angriff auf den konventionellen Journalismus. Die deutsche Bildhauerin Isa Genzken, 1948 in Bad Oldesloe geboren, stellt in ihren raumgroßen Skulpturen und Installationen ähnliche prinzipielle Fragen und tastet die Realität auf ihre Sinnlichkeit, Destruktion und Angstpotentiale ab. Bonbonfarben und tangerinrot geht es auch in ihren Werken zu, bonbonfarben und tangerinrot zeigt sich die Räuberhöhle von Ali Baba und den vierzig von ihm gefangenen Räubern in der Schatzkammer. "Sesam öffne dich!" steht als Code über der Erfolgsstory aus der zweihundertundsiebzigsten Geschichte aus 1001 Nacht und über der künstlerischen Wahrheitssituation bei Isa Genzken.

Manchmal sind die Bedeutungsebenen verschlossen, manchmal fordert Isa Genzken von ihrem Publikum ein hohes Maß an politischer und gesellschaftlicher Wachheit ein. Dieses Prinzip des Nichteinfachen, der komplexen Reduktion auf eine geheimnisvolle Bildersprache verschafft der Künstlerin den Ruf eines Geheimtipps, der erst durch ihre Beteiligung an der Biennale in Venedig 2007 mit der Arbeit "Oil": der deutsche Pavillon steckte in einem Baugerüst, war mit roten Planen verhängt und verbarg sein Inneres – Fotografien und Koffer – wie in einer Höhle. Eine umfassende Einzelausstellung mit mehr als siebzig Werken aus dreißig Jahren präsentiert das Museum Ludwig in Köln bis Mitte November. Konsum und Architektur heißen die Bezugspunkte, an denen Isa Genzken ihre Kunst befestigt und mit thematischer und formaler Geradlinigkeit verfolgt. Ihre Materialsprache reicht von den Arbeiten der 80er Jahre aus Gips und Beton bis zu jüngeren Werken, die vorgefundenes Material der alltäglichen Umwelt als Transportmittel ihrer Kunst nutzen.



Diverse Materialien wie Holz, Kunststoff, Metall oder Glas verarbeitet Isa Genzken zu Skulpturen, die durch die Verwendung von Konsum- und Alltagsutensilien ihre Bodenhaftung, d.h. den Bezug zur Realität einbüßen, andererseits aber mit bohrender Direktheit deren gesellschaftliche Bezugspunkte offenbaren. In der bunt-süßlichen Coca-Cola-Welt stehen in der mehrteiligen Installation "Kinder filmen" süße, aber total deformiert wirkende Kinder im Zentrum einer aus den Ufern geratenen Waren- und Werbewelt. Der "Spielautomat" (1999-2000) verbirgt seine Oberfläche mit größeren, oft missglückten Fotografien. Will die Künstlerin den Betrachter davon abhalten, der süchtig machenden Philosophie des Spielautomaten zu erliegen? Der Blick jedenfalls dringt nicht tiefer als bis zur Oberfläche des Gerätes, wo Leonardo Di Caprio auf einem Foto aussieht wie die junge Romy Schneider oder Joe Dallesandro in Andy Warhols "Flesh", der sein Augen-Make-up rekonstruiert. "Fuck The Bauhaus" wendet sich gegen die harten, scharfkantigen Linien des deutschen Architekturmodells der zwanziger Jahre, in dem Genzken eine bunte, blumenumkränzte Wohnwelt in der gedachten Wirklichkeit erschafft. Zwei hochformatige Paravents, ungesichert in einem Museumsraum aufgestellt, verbergen die Räuberhöhle des Ali Baba vor den gierigen Griffen des Publikums, daß nach dem Durchschreiten des Tores die Schätze einer oft maßlosen, gierigen und trotzdem of bonbonfarbenen, tangerinrot-gespritzten Wirklichkeit erkunden darf.
Bis 15. November 2009.
Museum Ludwig, Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln
Öffnungszeiten: di-so 10-18 Uhr, jeden 1. do im Monat 10-22 Uhr
Tickets: 9/6 Euro, Familien 18 Euro
Tel.: 0221-22126165
Weitere Infos: www.museum-ludwig.de
© 01. Oktober 2009  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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