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KARO LYNN

„Für mich ist Musik einfach alles!“

KARO LYNN

In der Vergangenheit widmete sich Karo Lynn luftig-leichtem Folk-Pop, mit ihrem beeindruckenden dritten Album richtet sich die in Leipzig heimische Singer/Songwriterin mit der einzigartig dunklen Stimme nun klanglich neu aus. Auf ´A Line In My Skin´ taucht sie ab in eine düster funkelnde Klangwelt und findet in kraftvoll-gefühlsintensiven Dark-Pop-Songs mit Ecken und Kanten, die abseits gängiger Mainstream-Konventionen zu Hause sind, neue Ausdrucksformen.

Nach der Veröffentlichung ihres letzten Albums, ´Outgrow´, musste Karo Lynn schmerzvoll erfahren, wie schnell sich Hoffnungen und Wünsche in Luft auflösen können. Das Album war keine zwei Wochen draußen, als die Pandemie ausgerufen wurde und die Welt zum Stillstand kann. Trotz einer im kommenden März stattfindenden deutschlandweiten Tournee und einer ebenfalls geplanten Vinylveröffentlichung des neuen Albums geht sie ´A Line In My Skin´ deshalb deutlich weniger erwartungsvoll an.

„Ich hatte damals mega-hohe Erwartungen, und die sind alle verpufft, weil in dem Moment alle so in Panik waren, dass logischerweise niemand Interesse an neuer Musik hatte“, erinnert sie sich beim Gespräch mit der WESTZEIT. „Deshalb versuche ich meine Erwartungen dieses Mal klein zu halten und freue mich über jedes kleine Interview, das ich geben darf, und jede Playlist, auf die wir kommen."

Trotzdem war die Pandemie für Karo Lynn nicht nur verlorene Zeit. Lange hat die Mittzwanzigerin an ihrer neuen Platte gearbeitet, mit der sie nicht nur klanglich einen großen Satz nach vorn macht, sondern auch ihre markant tiefe Stimme, die wie gemacht ist für die in bittersüße Melancholie getauchten neuen Songs, viel stärker in den Mittelpunkt rückt. Das betonen auch die Texte der Lieder, bei denen Karo Lynn kunstvoll mit Assoziationen spielt, sich aber vor zu viel Eindeutigkeit hütet und ihrem Publikum so lieber viel Raum für eigene Interpretationen lässt.

„Wenn ich Texte schreibe, gehe ich das total unbefangen an“, erklärt sie. „Zumeist entsteht zuerst die Musik und dann der Text, das heißt, die Musik gibt oft schon eine Grundstimmung oder ein Grundgefühl vor, und wenn ich in dieses Gefühl eintauche, dann kommt mir meistens irgendeine Situation oder irgendein Gespräch oder irgendein Bild in den Sinn, über das ich dann schreibe."

Dabei beweist sie auch immer wieder ein feines Händchen für das Außergewöhnliche. So findet sie immer wieder den Weg vom Persönlichen zum Gesellschaftlichen, etwa, wenn sie einen Bogen von der Vergänglichkeit der Liebe zu Klimakrise, Umweltzerstörung und Artensterben schlägt oder gewissermaßen im Vorbeigehen den lähmenden Stillstand der Pandemie zu thematisieren scheint.

Nachdem das Vorgängeralbum innerhalb von zwei, drei Monaten entstanden war, investierte Karo Lynn gemeinsam mit ihrem Produzenten (und Schlagzeuger) Cornelius Miller rund anderthalb Jahre in die betont detailverliebte und deshalb spürbar anspruchsvolle Produktion von ´A Line In My Skin´. Auch deshalb kann sie sich viel stärker mit der neuen Platte identifizieren, auf der die federleichten Akustikgitarren und die beschwingten Indie-Beats der Vergangenheit schwebenden Gitarrenmelodien und einer wohlig düsteren Synthie-Atmosphäre gewichen sind.

„Bei diesem Album war ich selbst viel mehr am ganzen Produktionsprozess beteiligt, weil ich jetzt, nach neun Jahren, die es das Projekt nun schon gibt, einfach ein bisschen mehr Ahnung habe“, sagt sie. „Das bedeutet natürlich auch, dass ich viel mehr meine DNA einbringen konnte, nicht nur beim Songwriting, auch in die Produktion, und viel besser sagen konnte, was mir gefällt oder wie es klingen sollte, und damit viel stärker die Richtung vorgeben konnte. Bei den Alben zuvor habe ich dem Produzenten eigentlich immer komplett freie Hand gelassen und erst am Ende gesagt: ´Ja, das finde ich gut so, das machen wir so!´ Beim neuen Album war ich einfach viel, viel mehr dabei."

Eine wichtige Rolle spielte auch, dass es dieses Mal keine klare Trennung zwischen Songwritingprozess und Produktion gab, weil sich Karo Lynn und ihr Produzent schon früh einig waren, dass beides Hand in Hand gehen sollte.

„Die Grundidee kam eigentlich immer von mir, aber das war vielleicht nur eine kleine Akkordfolge an der Gitarre oder am Klavier und vielleicht eine Textzeile“, verrät sie. „Diese Basic-Ideen habe ich dann schon direkt meinem Produzenten geschickt, der dann schon die ersten Produktionsideen dazu gebastelt hat, bevor er mir das Ganze wieder zurückgeschickt hat. Dann habe ich vielleicht die Strophe geschrieben oder einen Chorus, und so ging das dann immer weiter hin und her."

Später kamen dann auch noch weitere Musiker hinzu, die Karo Lynn mit einem Augenzwinkern allerdings lediglich als „ausführende Dienstleister“ beschreibt.

Trotz des stärkeren Einflusses, den Karo Lynn dieses Mal ausgeübt hat, ist die Musik natürlich nicht referenzlos. Bon Iver, The National, Ben Howard und Daughter sind alle bereits genannt worden, um die klangliche Neuausrichtung auf ´A Line In My Skin´ zu beschreiben, trotzdem ging es während der Entstehungsphase des Albums nie darum, sich zu sehr an anderen Künstlerinnen und Künstlern zu orientieren.

„Wir haben uns stark auf das fokussiert, worauf wir in dem Moment Lust hatten“, sagt Karo Lynn. „Wir wollten das machen, was sich für den Song gut anfühlt, ohne irgendwelchen Standards gerecht werden zu wollen oder uns an etwas zu orientieren, nur, weil es zuvor für andere schon gut funktioniert hat.“

Von solchen Ambitionen war Karo Lynn zu Beginn ihrer Karriere vor rund einem Jahrzehnt noch ein gutes Stück entfernt.

„Eigentlich war es nie mein Ziel, Musikerin zu werden“, gesteht sie. „Es gibt ja Kinder, die das schon von klein auf als Lebenstraum sehen, aber das hatte ich nie. Selbst als ich Gitarre gespielt habe und auch, als ich angefangen habe zu singen, war das nie mein großer Traum und Fokus. Ich bin da ehrlich gesagt ein bisschen reingerutscht und zufällig dort gelandet. Wenn man dann einmal drin ist und Songs schreibt und ein Album nach dem anderen produziert, kommt man natürlich schwer wieder raus…"

Sie lacht, denn auch wenn sie ursprünglich lieber Ärztin als Künstlerin hatte werden wollen, beschäftigt sie die Musik natürlich inzwischen praktisch 24 Stunden am Tag.

„Es ist immer Musik da und ich kann mir das ohne auch gar nicht vorstellen“, bestätigt sie. „Das gibt mir total viel, sowohl meine eigene Musik als auch einfach Musik zu hören, sie zu entdecken und sich da reinzufühlen. Ich finde, daraus kann man auch emotional total viel ziehen. Für mich ist Musik einfach alles!"

Aktuelles Album: A Line In My Skin (Strays Don't Sleep / Kontor)


Weitere Infos: www.karolynn.de Foto: Antje Kröger


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