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KAPELLE PETRA - Studiokonzert

Die Visions titulierte sie als „Kackband des Jahres“, selbst nennen sie ihre Musik „Bekloppten-Pop“. Kapelle Petra sind ein Vier-Mann-Trio; drei Musiker, eine Bühnenfigur. Sie sind intelligent und unterhaltsam. Narren, die den Herrschern mit gewitzt verpackter Kritik auf der Nase herumtanzen. Eine Spaß-Gruppe, die den Ernst nicht vergisst.

Oder wie Sänger und Gitarrist Guido „Opa“ Scholz so treffend beschreibt: „Kapelle Petra ist nicht nur ´Heute ist Geburtstag´ und ´Gewitter´. Wenn man sich mit den anderen Texten beschäftigt, merkt man schon, dass sie kritisch, politisch und auch tiefsinnig sind. Allerdings versuchen wir am liebsten, auf humorvolle und wertschätzende Art unsere Sicht der Dinge deutlich zu machen.“

„Es ist schwer zu erklären und fühlt sich nicht gut an. Irgendwas läuft falsch, was man nicht greifen kann. Jetzt stehe ich hier auf einem Hähnchen-Wagen und wundere mich, dass ich diesen Job hab. Ethisch bedenklich, außerdem zu heiß. Dicke Männer stehen Schlange an für Fleisch. Was mache ich hier? Alles ist verkehrt. Ich sitze zwar noch aufrecht, doch auf dem falschen Pferd. Irgendwas ist falsch, irgendwas ist faul. Ich brauche keinen neuen Sattel, sondern einen ganz neuen Gaul.“ (´Irgendwas ist blöd´)

Vor inzwischen 23 Jahren gründete der Frontmann die Band zusammen mit Schlagzeuger „Markus „Ficken“ Schmidt und Bassist „Gazelle“. Letzterer schlüpfte jedoch schnell in die Rolle der Bühnenskulptur (und des Konzertlieblings) und wurde von Rainer „Siepe“ Siepmann ersetzt. 2002 setzen sie sich unter anderem gegen die erfolgsversprechende Band namens Crap durch und wurden „Hamms beste Band“. Siebzehn Jahre später sind sie Youtube-Millionäre, mit offiziellen Fanclubs auch überregional bekannt wie ein bunter Hund und stehen vor der Veröffentlichung ihres siebenten Albums.

Inwiefern unterscheidet sich ´Nackt´ denn deiner Meinung nach von euren vorherigen Alben, Guido?

„Musikalisch ist es wesentlich direkter, näher, nackter und weniger experimentell als die Vorgängeralben. Textlich ist ´Nackt´ fast ein Konzeptalbum. Es geht um Dinge, die uns an uns selbst, aber auch an der ganzen Welt nerven. Und gleichzeitig lieben und feiern wir gerade das Unperfekte, das Einfache, das Unkomplizierte, das „Jeder-wie-er-mag“, das Dosenbier…“

Apropos Dosenbier: Ich habe manchmal das Gefühl, dass der ein oder andere Songtext beziehungsweise die Idee dazu nicht im nüchternen Zustand entstanden ist.

„Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob das Kritik oder Kompliment ist… Eigentlich sind die Songs trotz melancholischer Leichtigkeit schon auch nüchtern – und auch so geschrieben. Es mag sein, dass das ein oder andere Mal eine gepflegte Dose Paderborner dabei war, aber es ist nicht zwingend ein Stilmittel, um Kapelle-Songs schreiben zu können.“

„Früher habe ich Getränke verkauft bei Rewe in Hamm-Westen, heute verkaufe ich Getränke bei Rewe in Hamm-Westen. Ich liebe meinen Tellerrand und hasse es, was Neues zu testen. Doch vor zwei, drei Jahren habe ich mal was ausprobiert und jetzt gehöre ich sogar zu den Besten. Seitdem ich Johnny Cash bin, ist keine Zeit, ich selbst zu sein. Seitdem ich Johnny Cash bin, weihe ich Möbelhäuser ein. Seitdem ich Johnny Cash bin, bin ich beliebt bei den meisten Frauen, kenne ich auch Elvis und James Brown.“ (´Seitdem ich Johnny Cash bin´)

Gerade durch einen konkreten Aspekt machen sich Kapelle Petra mit ihrem neuen Album allerdings besonders interessant: Sie spielten es live ein – denn live – da ist sich die Mehrheit sicher – ist die Kapelle noch viel besser.

„Uns wurde gesagt, dass wird als Live-Band wundervolle Stimmungen erzeugen können“, erzählt Opa. „Doch wir wurden oft dafür kritisiert, dass wir es nicht schaffen, diese Atmosphäre „auf Platte“ zu bringen. Dann haben wir uns überlegt, einfach mal ein Konzertambiente ins Studio zu packen. Fühlt sich sehr gut an!“

Und unter „Konzertambiente im Studio“ versteht die Kapelle auch genau das. Eben nicht nur sie allein, die mit Unterstützung ihres Produzenten Tobias Röger die Songs einspielen, denn das wäre doch kein Konzert. Nein, zu einem Konzert gehört natürlich auch das Publikum – und das wurde für einen Tag ins Kölner Maarweg Studio eingeladen.

„Für uns war das schon extrem faszinierend, in diese Liga reinschnuppern zu können.“

„Für die einen macht Bewegung Energie, für anderen liegt die Ruhe in der Kraft. Der eine sammelt Punkte gegen Abstieg, der andere macht Mittagsschlaf. Kein Auto, keine Yacht, kein Gold und keine Macht. Kein Urlaub in Saint Tropez, lieber Couch statt Champs-Élysées. Denn egal, mache mögen es halt leichter, die liegen halt lieber rum. Denen reicht eine Bundesjugendspieleteilnahmebescheinigung.“ (´Bundesjugendspieleteilnahmebescheinigung´)

„Auch Tobias trägt wirklich einen maßgeblichen Anteil am Album. Wir kennen ihn seit 18 Jahren und sind seitdem gegenseitige Fans. Tobias ist der Einzige, der sich wirklich in Kapellensongwriting- und Soundvorstellungen einmischen darf, da er genau weiß, wie wir ticken und wie wir in Sachen „Komposition“ immer wieder den roten Faden finden.“

Tobias Röger ist der frühere Frontmann von Wohlstandskinder, welche Kapelle Petra auf deren Abschiedstour 2005 als Support begleiten durften. Er kombiniert kinderleicht Genre wie Punkrock und Pop und arbeitete bereits mit Udo Lindenberg und Johannes Oerding zusammen. Es ist unwahrscheinlich, dass ´Nackt´ ausschließlich durch sein Zutun so fantastisch geworden ist, doch sein Mitwirken hinterließ garantiert seine Spuren.

„Er weiß, wie man Verstärker und andere Geräte zum Brennen bringt. Rockenrohhl!“

Aktuelles Album: Nackt (OMN Labelservices / Rough Trade) Vö: 22.03.
© 02. März 2019  WESTZEIT ||| Text: Leonie Wiethaup ||| Foto: Sonja Berg ||| Datenschutz
März 2019


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