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HADLEY McCALL THACKSTON - Keine Ahnung

„Ich bin noch sehr neu im Geschäft“, meint Hadley McCall Thackston fast schon entschuldigend anlässlich des Gespräches zu ihrem brillanten, selbstetitelten Debütalbum, „ich schreibe erst seit drei Jahren Songs und das ist erst mein drittes Interview.“ Verwunderlich ist das nicht, denn das besagte Album der Songwriterin aus Atlanta, Georgia, erschien ohne großen Presserummel oder Promotion-Aufwand.

Als Produkt begreift die junge Dame ihre Musik also sicherlich schon mal nicht. Das lässt sich auch daran erkennen, dass sie die Songs eher zwanglos auf irgendwelchen Terrassen in der amerikanischen Provinz zusammenkomponierte. Zwanglos war auch ihr Einstieg ins Musikbusiness.

„Als ich jünger war, sang ich zwar die ganze Zeit“, berichtet Hadley, „aber als ich älter wurde hatte ich Probleme mit Depressionen, so dass ich mich zunächst als Theaterschauspielerin versuchte. Aber als ich beim Studium in Irland auf Musiker traf, begann ich, wieder Musik zu machen und Songs zu schreiben. Als ich zurück nach Atlanta zog, überzeugte mich eine Freundin, Songs, die ich auf den Terrassen von allen möglichen Leuten geschrieben hatte, online zu posten. Der Songwriter David Corley ist ein Freund meiner Mutter und er zeigte meine Songs Chris Brown, den er produzierte. Wir haben dann zusammen herumprobiert und schließlich entstand daraus ein ganzes Album.“

Das Ergebnis überzeugt allerdings durch eine Reife und Ausgeglichenheit, die solch eine eher beiläufige Genese eigentlich gar nicht vermuten ließe. So überrascht Hadley in ihren Songs zum Beispiel mit einer Vielseitigkeit, die man eher versierten Veteranen zugetraut hätte – etwa indem sie eine Vielzahl von musikalischen Stilen mit einer Vielzahl von inhaltlichen Themen verquickt.

„Eine der frustrierenden Umstände des Musikbusiness ist für mich der Umstand, dass heutzutage niemand mehr über das singt, was in der Welt vor sich geht“, meint Hadley sehr bestimmt, „früher war Musik ein Mittel um über aktuelle Themen zu reflektieren. Wenn mich etwas beschäftigt, dann singe ich halt darüber – so verarbeite ich das dann.“

Das erklärt etwa, dass Hadley – neben persönlichen Themen – auch aktuelle politische Dinge wie Rassismus, Immigration oder Religion aufgreift.

„Ja, denn gerade in den USA passiert ja im Moment eine Menge, das angesprochen werden muss“, erklärt Hadley, „schließlich wiederholt sich gerade die Geschichte. Was ich als Musikerin tun kann, ist diese Themen auf den Tisch zu bringen und so Diskussionen zwischen den Leuten anzuregen. Das ist mein Ziel.“

Wie kam Hadley denn zu ihrem musikalischen Mix aus Bluegrass-Instrumentierung, Folkpop, Country und klassischem Songwriting?

„Ich weiß es gar nicht“, überlegt Hadley, „ich wuchs zwar in einem musikalischen Haus auf und fühle mich aufgrund dessen, dass ich aus dem Süden komme, zu den Old-School-Americana-Stilen hingezogen. Aber ich weiß aber gar nicht, was das, was ich mache eigentlich ist. Ich singe vor mich hin und es passiert, was passiert. Ich habe aber keine Ahnung, was ich eigentlich tue.“

Neben den angesprochenen Southern-Elementen gibt es aber doch auch Appalachen-Folk in Hadley's Mix?

„Ja, ich nehme Sachen von überall her auf, wo ich gewesen bin. Ich habe eine Zeitlang in Irland gelebt und meine Familie väterlicherseits kommt aus den Bergen in North Carolina. Für mich ist es aber wichtig, zu betonen, dass ich aus dem Süden komme.“

Warum denn das?

„Weil wir als weiße Südstaatler oft stigmatisiert werden“, erklärt Hadley, „es ist mir wichtig, den Süden auf eine andere Art zu repräsentieren, denn wir sind nicht alle Hicks und Rednecks und wehen mit Konförderiertenfahnen herum. Ich bin einfach stolz darauf, wo ich herkomme und es prägt mich sehr stark.“

Letztlich führt das dazu, dass Hadley's LP nicht nur eine musikalische Visitenkarte, sondern auch eine Art musikalisches Portrait ihrer selbst geworden ist. Mehr kann man von einem Singer/Songwriter-Debüt eigentlich nicht erwarten.

Aktuelles Album: Hadley McCall Thackston (Wolf Island Recs. / H´art)
© 01. August 2018  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Ullrich Maurer ||| Datenschutz
August 2018


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