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ANNIE BLOCH

Keine Angst vor großen Ideen

ANNIE BLOCH

Ein großer Wurf: Auf ihrem bemerkenswerten neuen Album ´I DEPEND´ inszeniert die in Köln heimische Musikerin Annie Bloch ihre oft in sanfte Melancholie getauchten Indie-Folk-Songs für ein sage und schreibe zehnköpfiges Ensemble, in dem die Grenzen zwischen Indie-Instrumentierung und klassischen Instrumenten wie Cello, Flügelhorn oder Klarinette fließend sind. Konzerte mit der großen Besetzung hat sie an anderer Stelle bereits mit dem Gefühl verglichen, Geburtstag zu feiern – und die nächste Party ist auch schon fest eingeplant. Das Release-Konzert zur LP findet am 01.06.2025 im Orangerie-Theater in Köln statt.

Natürlich erscheint es in Zeiten, in denen immer mehr Künstlerinnen und Künstler zu echten Soloacts werden, weil alles andere nicht mehr umsetzbar erscheint, geradezu verwegen, eine Platte und Konzerte mit einem zehnköpfigen Ensemble anzugehen, aber davon lässt sich Annie Bloch nicht abschrecken, wie sie im WESTZEIT-Interview verrät:

"Ich denke, dass das effektivste Projekt, besonders wenn man sich als Kunstschaffende versteht, nicht unbedingt das beste Projekt ist und dass es sich manchmal lohnt, etwas Unpraktisches, finanziell Unlogisches zu starten, weil es nur so etwas Besonderes wird oder etwas anderes, als es schon gibt."

In den Texten der neuen Lieder geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und ihre Ambivalenzen. In der Vergangenheit hat Bloch über ihr Songwriting gesagt, dass es oft um ein Suchen geht, um den Versuch, Probleme in Songform zu beschreiben und zu begreifen. Auch dieses Mal ist es bisweilen so, dass die Songs das sagen, was sonst nicht ausgesprochen wird, und das Schöne und das Schmerzliche zugleich festhalten. Doch was genau hat sie denn aus den Liedern auf ´I DEPEND´ gelernt?

"Ich fand es sehr spannend, dass ich erst lange nach den Aufnahmen darüber nachgedacht habe, was insgesamt die Themen des Albums sind, die mir auch beim Notieren der Songtexte für das Artwork noch mal ins Gesicht gesprungen sind", gesteht sie. "Dass es viel darum geht: Wie viel zeige ich von mir? Wie viel kann ich der anderen Person zumuten? Was ist mein Eigenes und wo geht es verloren?"

Auch auf die Arrangements hatten die Texte Einfluss. Bloch erklärt: "Ich habe mich beim Arrangieren sehr viel am Text orientiert, und es war mir immer auch ein Ziel, dass der Text sehr verständlich ist, beziehungsweise, dass er auch mal unverständlich oder überschattet werden darf, wenn es inhaltlich Sinn ergibt."

Deshalb von der Klangfarbe der Instrumente auf die Inhalte zu schließen, wäre trotzdem zu kurz gedacht.

"Ich finde eigentlich, dass jedes Instrument verschiedene Stimmungen kreieren kann", sagt sie. "Aber es gibt für mich ein paar klassische Klarinettenstellen, wo ich die Klarinette eingesetzt habe als dieses Instrument, das für mich eine wohlige Nach-Hause-Kommen-Stimmung auslöst. Das sind teilweise nur zwei Takte, zum Beispiel in ´On My Own Account´, ´Dates´ oder ´Raft´. Horn und Posaune haben für mich auch etwas sehr Erdendes. Deswegen vielleicht auch die Entscheidung, Horn und Posaune die Begleitung für ´Nothing To Prove´ zu überlassen."

Obwohl Blochs betont eigene Handschrift auch auf ´I DEPEND´ unverkennbar ist, haben diese Lieder doch einen anderen Charakter als die Songs ihrer bisherigen Veröffentlichungen, oder wie sie selbst es umschreibt: "Als ich sie mir als ´I DEPEND´-Stücke vorgestellt habe, haben sie einfach Gestalt angenommen. Ich konnte dann auch besser annehmen, dass ein Song vielleicht nicht so viele Lyrics hat, dass vielleicht in sechs Zahlen schon alles gesagt ist, wie zum Beispiel bei ´I Never Wanted You´."

Songs mit großem Ensemble aufzunehmen, ist nichts grundlegend Neues für Bloch. Schon auf ihrem Album ´Floor´ aus dem Jahre 2019 hatte sie einige Songs ausschweifend arrangiert, trotzdem hat sich nun noch einmal die Perspektive verschoben.

"Die Songs von ´Floors´ habe ich zu dem Zeitpunkt schon lange und oft mit vier Leuten performt, und die standen für mich so als Songs", erinnert sie sich. "Bei der Album-Produktion hatte ich dann die Idee, dass es toll wäre, noch Streicher und Bläser hinzuzufügen. Beim neuen Album wurden die Stücke explizit für diese Besetzung geschrieben und machen für mich auch in kleineren Besetzungen keinen Sinn."

In der Tat sind die Lieder auf ´I DEPEND´ bs ins Details durchdacht. Durch die wunderbar vielschichtigen Arrangements – mal angenehm kratzig, mal einschmeichelnd versöhnlich – gelingt der Wechsel zwischen Songs, die von orchestralen Elementen getragen werden, und Liedern, bei denen Bloch mit der Gitarre die Führung des Ensembles übernimmt, bemerkenswert organisch.

Gerade vor dem Hintergrund, dass Bloch auch solo oder in kleineren Besetzungen mit ihren Songs auftritt, stellt sich natürlich die Frage, was für sie den besonderen Reiz eines großen Ensembles bzw. facettenreicher Arrangements ausmacht.

"Wenn ich ganz ehrlich bin, favorisiere ich immer große Ensembles", sagt sie. "Ich favorisiere Orchesterstücke vor Kammermusikstücken und finde Bigbands oft spannender als Quartetts. Ich frage mich manchmal, ob nicht alle am liebsten immer mit einem Orchester auf der Bühne stehen würden. Klar, man ist weniger frei, weil mehr Musik festgelegt wird, aber ich liebe einfach große, akustische Klänge."

Als Inspiration dienten Bloch dabei nicht zuletzt ´Sgt. Pepper's Lonely Heart's Club Band´ von den Beatles, ´All Delighted People´ von Sufjan Stevens – und wie in der Vergangenheit schon des Öfteren, Sigur Rós.

Nachdem ihre bisherigen Werke stets nur auf CD erschienen sind, gibt es ´I DEPEND´ nun auch als eine in ein farbenfrohes Cover gehüllte Vinyl-LP – und das ist natürlich kein Zufall.

"Auf Vinyl zu veröffentlichen, ist für mich etwas ganz Besonderes", gesteht Bloch abschließend. "Mehr als mit dem Klang assoziiere ich damit, dass man eine Platte auflegt, sich auf die Couch legt und konzentriert zuhört, und das ist natürlich das ideale Szenario, in dem ich mir wünsche, dass meine Platte gehört wird."

Aktuelles Album: I DEPEND (Papercup Records / Rough Trade)


Weitere Infos: www.anniebloch.com Foto: Sophia Hegewald

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