
Die Hannoveraner Rockband The Scorpions wählte für ihr achtes Studioalbum „Blackout“ aus dem Jahr 1982 ein Selbstporträt des Künstlers Gottfried Helnwein als Covermotiv: den Mund für einen Schrei weit aufgerissen, den Kopf mit einem Verband umwickelt, der Schnauzbart hängt an den Mundwinkeln herunter, zwei Gabeln bohren sich in die Augen, um den Kopf herum fliegende Glasscherben.
links: Peinlich, 1971, Christian Baha, Zürich ©VBK, Wien, 2013rechts: The Disasters of War 28, 2007, Privatsammlung © VBK, Wien, 2013
unten: Beautiful Victim 1, 1974, Christian Baha, Zürich ©VBK, Wien, 2013
Helnweins Bildserien malträtierter Kinder riefen grenzenlose Ablehnung und bewundernde Bejahung hervor. Seine Kunst ist provokant und er spaltet wie nur wenige andere zeitgenössische Künstler das Publikum in verteufelnde Gegner und jubelnde Anhänger. Viele seiner Bilder wirken polarisierend, eines aber kann man ihnen nicht nachsagen: daß sie sich vor glasklaren Aussagen und Stellungnahmen drücken oder daß Helnwein in seinen künstlerischen Arbeiten eine heile, aber nirgendwo existierende Welt darstellt. Die Apokalypse ist Helnweins Antriebsfeder, in den verstörenden Serien wie „Desasters of War“, in denen er schwer verletzte Mädchen in schockierender Direktheit ins Zentrum der Darstellung rückt, öffnet sich das Heile in einer Welt aus Gewalt und Böswilligkeit: Vor einer Kriegskulisse – ein Soldat trägt ein Mädchen aus der Gefahrenzone, brennende Barrikaden und Autos im Hintergrund – drängt sich ein mangaartiges weibliches Wesen in den Vordergrund. Der unschuldig wirkende Matrosenanzug und der unschuldige Blick verschleiern, daß in der Darstellung nackte Gewalt vorherrscht. Helnweins Skandalrepertoire ist nach oben offen, seine Kunst löst Diskussionen aus, weil sie schmerzhaft daran erinnert, daß das Leben voller Hoffnungslosigkeit, Ängste, Gewalt und Niedertracht ist.
Gottfried Helnwein wurde 1948 in Wien geboren, dort, in der Albertina, wird zum fünfundsechzigsten Geburtstag sein Werk in einer groß angelegten Retrospektive präsentiert. Schon 1971 legte der österreichischste aller österreichischen Künstler in der fotorealistischen Arbeit „Peinlich“ - eine aus Kinderbild und Comic kombinierte Schreckensrealität – erste Spuren zu einem komplexen, das Brutale und das Politische nicht ausklammernde Werk. Neben den Kinderbildern entstehen Selbstporträts, über die Helnwein sagt: „Es waren nicht wirklich Selbstporträts, sondern es war einfach niemand als Modell verfügbar, ich habe einfach die männliche Rolle gespielt. Irgendwie ist die Figur eine Art Täter aber auch eine Opferfigur, das ist ein Grenzfall.“ Insbesondere die Opferrolle betont Gottfried Helnwein in den Selbstporträts, Gesten des Schmerzes, der Gewalt und der Verletzung kehren immer wieder in die Bildrealität zurück. Selbst die im Grunde harmlosen Disney-Comicfiguren führen Bedrohliches mit sich.
Auch in dem Öl-Acryl-Bild „In The Heat Of The Night“ spielt Helnwein mit Figuren aus dem Comic-Metier: eine Donald-Duck-ähnliche Ente drängelt sich in eine Nachtszene in einer amerikanischen Kleinstadt, wo hinter friedlicher Fassade die Genüsse der Großstadt längst Einzug gehalten haben. „Epiphanie (Anbetung der Könige)“ rückt eine moderne Mutter Gottes und ihr Jesuskind in die Gesellschaft einer Gruppe von Männern, deren Uniformen sie als Angehörige von Wehrmacht und SS kenntlich machen. Hier provoziert Gottfried Helnwein in besonderer Weise, denn diese Verschmelzung historisch-religiöser Ebenen fordert zu Widerspruch und Ablehnung seiner künstlerischen Inhalte geradezu heraus.
