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REEPERBAHNFESTIVAL 2017 - (20. - 23.09. Hamburg)

 
Nicht nur flächenmäßig, die Anzahl der Spielstätten und das umfangreiche Rahmenprogramm betreffend hatte sich das Reeperbahn Festival in der 12. Auflage wieder erweitert, sondern auch was das musikalische Angebot betraf, war mit über 400 Gigs an vier Festival-Tagen das Angebot wieder ein Mal gewaltig. Alleine das diesjährige Partnerland, Kanada, bot an drei Showcase-Tagen unter dem Motto „Canadian Blast“ über 50 Acts im Kukuun-Club, der für diesen Zweck – wie schon üblich – wieder in „Canada House“ umgetauft worden war. Während in den letzten Jahren hauptsächlich Vertreter der Singer-Songwriter-Szene bzw. des Americana-Genres anzutreffen waren, so gab es in diesem Jahr alle möglichen musikalischen Stile zu bewundern – die geordnet nach den kanadischen Provinzen dargeboten wurden. So überraschte etwa der junge Tyler Shaw mit lebenslustigem Mainstream-Pop, Foonyap mit avantgardistischen Geigen/Sampler-Kompositionen, Aliocha (Schneider) mit klassischem Songwriting, Graham Everaux alias Devarrow mit weltmusikalischem Folk-Pop, Sierra Noble & Band mit genresprengendem Fiddle-Softrock, Current Swell mit einer integrierten Blaskapelle, Nadia Essadiqui alias La Bronze mit afrikanisch geprägtem Hip-Hop-Pop auf Französisch, Sampson mit Trip-Hop und E-Pop, Old Cabin mit einer Art Prog-Country und Sarah McDougall mit typischen Storyteller-Folksongs, während Reeperbahn-Veteranin Mo Kenney mit Band und Newcomerin Megan Nash solo in der Sparte Rock überzeugten. Die „Konkurrenzveranstaltung“, das Aussie Barbeque im Molotow-Komplex geriet dabei an nur einem Tag zwangsläufig ins Hintertreffen, gefiel aber durch die gewaltige musikalische Bandbreite und mit einigen interessanten Neuentdeckungen – wie etwa der fröhlichen Surf-Songwriterin Alex Lynn alias Alex The Astronaut oder der überraschend jazzig agierenden Teischa (Jones) – aber auch durch den Besuch „etablierter“ Acts, die eher selten den Weg in unsere Gefilde finden wie etwa der elfenhaften Songwriterin Lisa Mitchell, des mega-symathischen Folkpop-Trios Tinpan Orange oder der Kombination Jen Cloher und Courtney Barnett aus der Indie-Ecke. Hier wie da machte sich übrigens ein erfreuliche Tatsache bemerkbar, die im Laufe der letzten Jahre immer wichtiger geworden war – dass nämlich diverse Acts durchaus mehrfach auf dem Festival auftraten. Selima Teibi alias Mogli und ihre zweiköpfige Band etwa spielten gleich drei Club Gigs an drei Tagen und zusätzlich noch auf dem Njoy Reeperbus, Tinpan Orange spielten auch mehrere Club Gigs und auf dem Reeperbus sowie zusätzlich ein nicht angekündigtes Free-Concert auf der Guerilla-Bühne vor den alten Esso-Häusern. Ähnlich war das auch bei Aliocha, Devarrow, Mo Kenney, Lisa Mitchell, Current Swell, Luísa, Welshly Arms, Tom Grennan, Sol Heilo, Marlon Williams, Teischa oder Ella Walker alias Wildes. Auch die Anchor-Kontestanten Matt Maltese, Alice Merton und sogar die Gewinnerin des diesjährigen Festival-Preises, Jade Bird, fanden mehrfach den Weg auf die Bühnen des Festivals. Jade Bird nahm dabei die mit Produzentenlegende Tony Visconti, Emily Haines (von Metric), Shirley Manson (von Garbage), Valeska Steiner und Sonja Glass (von Boy) und BBC-Moderator Hub Stevens hochkarätig besetzte Jury wie auch das „normale“ Publikum im Sturm für sich ein. Alleine bewaffnet mit ihrer Gitarre, einer Mörder-Gesangsstimme, einer fast greifbaren Bühnenpräsenz, erstklassigen, selbst geschriebenen Songs und nicht zuletzt gesegnet mit einer ordentlichen Prise sympathisch selbstironischen Humores legte die junge Londonerin in den letzten Tagen ihrer Teenager-Zeit (erst kurz nach dem Reeperbahn-Festival wurde sie 20) eine perfekte Solo-Show im Imperial-Theater hin und empfahl sich dabei als kommende Szene-Größe. Auch in den größeren Spielstätten, wie etwa dem Docks ging die Post ab. Hier etwa debütierte einerseits der junge Brite Tom Grennan mit seinem ansteckenden Soul-Pop, begeisterten andererseits die in die Jahre gekommenen College-Rocker Dispatch mit einem ihrer epischen, aber druckvollen Rock-Sets und hier schlug auch der „Überraschungsgast“ Liam Gallagher auf. (Dies in Klammern, da eine auffällige, flächendeckende Plakatierung am Spielbudenplatz den Geheimhaltungsaspekt von vorneherein konterkariert hatte). Weitere originelle musikalische Aktionen waren – neben der Einbeziehung der Elbphilharmonie als Spielstätte (was aufgrund der abgelegenen Position und des Lotterie-Charakters bei der Platzvergabe eher Gimmick-Charakter hatte) auch die musikalischen Hafenfahrten mit der MS Claudia (mit Dakota und Fazerdaze) und natürlich Matthias Arfmanns diesjähriger Beitrag, das Cook'n'Dub-Projekt seines Turtle Bay Country Club. Dabei ging es – kurz gesagt – darum, Musik und Essen zusammenzuführen: Während der Turtle Bay Country Club (zu dem auch der ehemalige James Brown Drummer Tony COOK gehört) auf der Bühne stand und musizierte, kochte gleichzeitig im Hintergrund Chef Stevan Paul ein passendes Gericht (halbierte vegetarische Burger mit gegrilltem Gemüse und Popcorn), was dann anschließend verzehrt werden konnte. Wie in jedem Jahr war es auch dieses Jahr wieder äußerst schwierig, einen persönlichen „Fahrplan“ aufzustellen – was ohne die brillante Festival-App auch überhaupt nicht möglich gewesen wäre. Als Musikinteressierter, der nicht auf eine bestimmtes Genre festgelegt ist, fällt die Wahl zuweilen immens schwer. Entmutigen lassen sollte man sich davon aber nicht, denn immer wieder gibt es – auch außerhalb des Anchor-Awards - lohnende Neuentdeckungen auszuchecken oder aber faszinierende Einzelauftritte von Leuten, die man immer schon mal hatte sehen wollen, ausfindig zu machen (subjektiv in diesem Jahr besonders reizvoll waren z.B. die Auftritte von This Is The Kit, Marika Hackman und Kelly Lee Owens im Nochtspeicher, King Creosote im Imperial-Theater, der spacige Gig des Paares Cole Hauser und Shpresa Lleshaj – besser bekannt als Flora Cash – im Bahnhof St. Pauli, das neue Solo-Projekt JFDR von Jófríður Ákadóttir (die zwei Jahre zuvor mit ihrer Band Samaris beim Reeperbahn-Festival gespielt hatte) und die Devil-Preacherman-Show des Neuseeländers Marlon Williams im Häkken. Keine Frage, dass durch diese Auswahl vieles anderes Unentdeckt geblieben sein musste – aber das Gute ist ja, dass es in dieser Manier im nächsten Jahr mit Sicherheit weiter geht. Ebenfalls keine Frage ist jedenfalls die Tatsache, dass das Reeperbahn Festival nunmehr endgültig sicherlich der wichtigste Fixpunkt des konzentrierten Konzertgeschehens in Deutschland geworden ist.
© 01. November 2017  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
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