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HEIMSPIEL KNYPHAUSEN - 21.-23.07. Draiser Hof Eltville-Erbach

 
Zum ersten Mal fand das Heimspiel Knyphausen an drei Tagen statt. Die Abende wurden wieder auf Freitag/Samstag vorverlegt. Beide Abende waren – wen wundert es angesichts des starken Line-Ups mit Bands wie Element Of Crime, The Notwist und dem Heimspieler Gisbert zu Knyphausen selbst? - bereits Wochen vorher ausverkauft. Für den Sonntag hatte man einen Frühschoppen zur Mittagszeit geplant. Eine gute Wahl, wenn man erstens bedenkt, dass zahlreiche Besucher weite Anreisen in Kauf genommen haben und zweitens, dass das Wetter tatsächlich mitspielte: Während es in den Nächten teilweise wie aus Kübeln goss, strahlte die Sonne tagsüber bis in den Abend hinein. Am Sonntag schauerte es erst am Nachmittag nach Festivalabschluss.
Auf dem Festivalgelände bot sich am Freitagnachmittag ein gewohntes Bild: Die Besucher ließen sich entspannt auf ihren Decken nieder oder nutzten die Bänke und Stühle zwischen den Weinreben beziehungsweise im hinteren Teil des Geländes und plauderten bei Wein, Sekt, Wasser und diversen dort angebotenen Speisen, die bis auf die Burger im Vergleich zu den Tickets und Getränken preislich zu hoch angesetzt waren, miteinander.
Nach der traditionellen Begrüßung durch die Brüder Frederik + Gisbert zu Knyphausen – der Hausherr Baron Gerko Freiherr zu Knyphausen war an diesem Wochenende ausnahmsweise nicht zugegen – sowie Booker und Mitorganisator Benjamin Metz ging es los mit dem Berliner Singer-Songwriter Dino Joubert und seiner Band. Mit dem griffigen Sound und den schwungvollen Melodien kamen unweigerlich Erinnerungen an den leider viel zu früh verschiedenen Elliott Smith hoch. Es war ein Auftritt, der die Besucher zwar nicht von den Decken riss, aber als musikalischer Einstieg sicherlich überwiegend als angenehm und gut bewertet werden kann.
Danach verkündeten Gisbert und Benjamin Metz die krankheitsbedingte Absage Judith Holofernes´, die am Sonntag das Festival beenden sollte und ernteten dafür leichtes Gemurmel unter den Zuschauern. Als Metz dann verkündete wen man als Ersatz gefunden hatte, gab es Jubel: Annenmaykantereit. Nur wenige Minuten später war auch der Sonntag ausverkauft.
Als zweiter Act des Abends fungierte der Düsseldorfer Volker Bertelmann alias Hauschka. Einige Besucher des Festivals mögen sich gefragt haben, inwiefern der Pianist und Komponist mit seinem vermittels Gaffa-Tape und diversen anderen Dingen präparierten Flügel und dem elektronischen Sound musikalisch zu dem weitgehend akustisch geprägten Festival passen würde. Am Ende durfte man diese Frage positiv beantworten: Mit seinem sympathischen Auftreten und der mal poly- mal monorhythmischen, repetitiven, meditativen Musik sorgte er für spürbares Aufhorchen und lockte gegen Ende sogar einige Besucher von den Decken. Dass er auch die klassische Spielweise beherrscht, beweist er nach Entfernen der Präparatoren.
Um 21 Uhr dann der Höhepunkt des Abends: Element Of Crime. Das Ambiente des Festivals, die Milde des Abendlichts und die mehr als 2.000 erwartungsfrohen Besucher – alles schien geradezu wie gemalt für den Auftritt der Berliner. Und die schienen sich auch entsprechend wohl zu fühlen: Sven Regener führte gut gelaunt und selbstironisch durchs Programm, das Klassiker aus der mittlerweile über 30jährigen Bandgeschichte bereithielt – darunter „Jetzt Musst Du Springen“, Nichts Mehr Wie Es War“, „Schwere See“, “ Fallende Blätter“, „Weißes Papier“ oder „Delmenhorst“. Der ursprünglich für 90 Minuten geplante Auftritt wurde aufgrund der euphorischen Resonanz des Publikums durch mehrere Zugaben auf fast zwei Stunden ausgedehnt. Kenner von Musikfestivals wissen, dass das sehr ungewöhnlich ist. Aber das ist eben auch das Heimspiel Knyphausen.
De zweiten Tag eröffnet mit der Hamburgerin Luisa eine Künstlerin, die mich bereits vor drei Jahren im Kölner Blue Shell mit ihrer erstaunlich voluminösen, von ziemlich weit unten kommenden Stimme überraschte. Beim Heimspiel wirkte sie zwar ganz alleine auf der großen Bühne etwas verloren, konnte aber mit aufgrund ihrer Stimme, der geloopten Gitarre und ihren Songs überzeugen.
Die Kölner Formation Locas In Love um Björn Sonnenberg und Stefanie Schrank trat diesmal als Trio auf. Das mit einer ordentlichen Portion verzerrter Saiten gespickte Instrumentalintro zu Beginn ihres Auftritts ließ keinen Zweifel daran, dass diese Musik nicht mal eben nebenbei konsumiert werden sollte. Die Mischung aus Indie-Pop und Noise-Rock mit narrativ vorgetragenen ungereimten Gedanken und Geschichten weckte das Publikum aus dem Nachmittagsschläfchen und richtete den Fokus auf den musikalischen Aspekt des Festivals.
Diejenigen, die bis dahin immer noch mehr das herrliche Ambiente auf dem Hof als die Musik genossen haben, wandten sich spätestens mit dem Auftritt des Heimspielers Gisbert zu Knyphausen der Bühne zu. Er war sichtlich glücklich mit seiner Situation, verkündete die nahende Veröffentlichung seines neuen Albums „Das Licht Dieser Welt“ (27.10) mit anschließender Tournee und gab innerhalb seines einstündigen, vielumjubelten Sets auch vier Kostproben aus diesem zum Besten. Begleitet wurde er bei einigen Stücken von dem The Notwist-Vibraphonisten Karl Ivar Refseth, der damit für einen angenehm wahrnehmbaren Unterton in den Stücken sorgte, ohne davon abzulenken.
Zum Abschluss des Abends dann die Weilheimer Kraut-Rocker von The Notwist. Wer diese Band schon live erlebt hat, der weiß, welche Energie zu verströmen sie speziell mit den ekstatischen Soundgewittern ihrer langen Instrumentalstücken imstande sind. Und die ließen sie dann auch ausgiebig auf das Publikum zurollen, das sich begeistert zeigte. Um dieses nicht zu sehr zu strapazieren und den Spannungsbogen nicht zu überspannen, baute die Band mehrere ihrer von gepflegter sanfter Melancholie geprägten Songs ein – um jedoch sogleich wieder vehement loszulegen. Mit diesem Auftritt unterstrich die Band einmal mehr, dass sie zum Besten zählt, was es hierzulande musikalisch gibt.
Den Sonntag kenn der Autor dieser Zeilen leider nur aus den Erzählungen eines Freundes. Dieser berichtete, dass es ihm vor allem die Hamburger Band Torpus & The Art Directors mit ihrem ausgewogenen, lebendigen und erdigem Folk-Rock und ihrer Bühnenpräsenz angetan haben.
Die das Festival beschließende Konsens-Indie-Pop-Band der Generation Y Annenmaykantereit füllt schon seit langem große Konzerthallen. Ihre spontane Zusage nach der Absage Holofernes´ ist vor allem vor dem Hintergrund positiv zu bewerten, da sie noch tags zuvor auf dem Deichbrand Festival in Cuxhafen gastierten. Sie unterstreicht gleichzeitig den Stellenwert des Heimspiels Knyphausens innerhalb Deutschlands – sowohl beim Publikum als auch bei Bands.
Am Ende liegt ein wunderbares Festivalwochenende hinter einem, und es ist wirklich so, wie Björn Sonnenberg einen Freund zitierte: „Heimspiel Knyphausen ist wie Kurzurlaub mit Musik“. Man darf sich auch im kommenden Jahr auf ein weiteres Heimspiel freuen – diesmal am letzten Juli-Wochenende vom 27..-29.07.18 - und sehr gespannt sein, welche Bands dann aus dem Hut gezaubert werden. Eine Steigerung wäre ungewöhnlich. Aber ja, das ist ja auch das Heimspiel…
Foto + Text: Marco Pawert
© 01. August 2017  WESTZEIT
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