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HEIMSPIEL KNYPHAUSEN - 23./24.07. Draiser Hof, Eltville-Erbach

 
Zum achten Mal fand am vorletzten Juli-Wochenende das zweitägige, von Gisbert zu Knyphausen musikalisch organisierte Festival auf dem elterlichen, fast direkt am Rhein gelegenen Hof im schönen Rheingau statt. Gisbert hatte sich diesmal zum Bedauern seiner zahlreichen Fans nicht auf dem Line-up eingetragen – vielleicht war das neben der unsicheren Wetterlage mit Regenvorhersagen für beide Tage ein Grund dafür, dass das Festival zwar sehr gut besucht aber nicht ausverkauft war.
Und tatsächlich ging es zunächst einmal darum, den Unbilden des Wetters zu trotzen, denn pünktlich zum Einlass regnete es kräftig. Gut, dass die Organisatoren großzügige Pavillons aufgestellt hatten und so den Besuchern ausreichend Schutz boten.
So schnell der Regen kam und wieder ging, standen noch vor der offiziellen Heimspiel-Eröffnung durch Gisberts Vater Gerko Baron Freiherr zu Knyphausen die Musiker von MOOP MAMA im vorderen Bereich des Hofes und begannen mit ihrer komplexen Mischung aus Brass, Rap, Techno und Funk dem umstehenden Publikum Beine zu machen. Mit ungebremster Begeisterung feuerten sie ihre Rhythmen in die sich beständig vergrößernde tanzende Menge, die sich dabei die Nässe aus den Kleidern schüttelte.
Mit dem ersten offiziellen Act, MARK BERUBE aus Kanada, der von der Cellistin Kristina Koropecki begleitet wurde, kamen die leisen Töne zum Festival. Das mittlerweile zumeist auf zahlreichen mitgebrachten Decken oder auf Bänken sitzende Publikum lauschte entspannt dem gut gemachtem Folk-Pop mit intelligenten Texten. Berube würzte seinen durchweg sympathischen Auftritt mit kleinen humorigen Anekdoten und erwies sich damit als gute Wahl für den Auftakt.
Nach der halbstündigen Umbaupause trat das Trio DIE NERVEN aus Stuttgart mit ihrem energischen und fesselnden (Post-)Punk(-Rock) den Beweis an, dass der deutsche Nachwuchs dieses Genres keineswegs schläft und sorgte für kontrollierte Tanz-Offensive im Bereich vor der Bühne und für munteres, anerkennendes Mitwippen in den dahinter liegenden Bereichen.
Diesen erhöhten Endorphin-Spiegel der Festivalbesucher nahmen kurz darauf MOOP MAMA nur allzu gerne auf, um die zweite Kostprobe Ihres Könnens an selber Stelle wie zuvor zu geben.
Um halb zehn Uhr betrat mit SOPHIE HUNGER und ihrer Band der Headliner des ersten Abends die Bühne. Sie war bereits 2013 zu Gast und erklärte das „Heimspiel Knyphausen“ noch einige Tage zuvor via Facebook zu ihrem „Lieblings-Festival“. Kein Wunder also, dass man eine gleichermaßen gut gelaunte aber auch gewohnt konzentriert zu Werke gehende Band erleben durfte. Für den Auftritt hatte man eine Setlist zusammengestellt, die nicht – wie sonst üblich – vorwiegend aus Songs des aktuellen Albums („Supermoon“) sondern aus einer ganzen Reihe von Klassikern aus ihrem mittlerweile umfangreichen Repertoire bestand. Mit ihrer dynamischen Spielfreude, dem perfekten Zusammenspiel und Sophies von augenzwinkernder Eloquenz geprägten Textbeiträgen überzeugte die Band das Publikum restlos und schloss den Auftritt mit einem energischen „Speech“ ab.
Dem ersten Platz im Programm am Sonntag gebührte die „Heimspiel-Hoffnung“. Die unter dem Bandnamen „LILLY AMONG CLOUDS“ agierende Lilli Brüchner aus Würzburg hatte in diesem Jahr das Rennen im von Gisbert zu Knyphausen ausgerufenen Wettbewerb gemacht und sorgte mit ihrer glockenklaren Stimme und den gut arrangierten Pop-Stücken sehr früh dafür, dass sich das Publikum mit der Musik beschäftigte, was für ein Festival durchaus durchaus nicht selbstverständlich ist.
Der bolivianisch-chilenische Wahl-Berliner DAVID LEMAITRE hat 2013 mit „Latitude“ sein erstes und bislang einziges Album hervorgebracht. Auf diesem vereint er zurückhaltend aber detailreich formulierte Pop-Musik mit dem staubig-trockenen Charme von Folk. Auf der Bühne präsentiert er die Stücke zusammen mit Joda Förster und Sebastian Schlecht als Trio und beginnt dabei so manche von der ursprünglichen Song-Blaupause abweichende Interpretations-Reise, die allerdings vielmehr an entspannte Traumreisen denn an anstrengende Jazz-Improvisationen erinnern.
ENNO BUNGER ist hierzulande schon lange kein unbeschriebenes Blatt mehr. Auf seinen drei Studioalben findet man ein ordentliches Spektrum deutscher Pop-Musik: Melodiöse Balladen, Singer-Songwriter-Pop mit emotional-intelligenten Texten, bissig-kühler Elektro-Pop mit Sendungsbewusstsein. Beim „Heimspiel“ stellte er unter Beweis, dass er mit seiner emotionalen Art zu singen die Inhalte seiner Texte überzeugend transportieren kann. Das sollte für jeden mindestens halbwegs an diesem Musikstil Interessierten ein echtes Argument dafür sein, ihn beim nächsten Auftritt unweit des eigenen Wohnortes zu erleben.
Das bis dahin mit 28°C und vor allem Trockenheit sich vorbildlich verhaltene Wetter entschied sich leider pünktlich zum Auftritt des Sonntag-Headliners GET WELL SOON für eine Änderung: Es begann zu regnen. Doch das schien zunächst die Wenigsten im Publikum zu verdrießen, denn die Meisten hatten sich darauf eingestellt, wappneten sich mit Regenkleidung, Schirmen und Decken gegen die Nässe und widmeten sich der Band um Konstantin Gropper, die ohne Verena Gropper (Geige, Gesang) dafür aber mit einer Keyboarderin aufgetreten waren. Nach einer Art Aufwärmphase zu Beginn mit einigen Songs vom im Januar erschienenen Album „Love“ nahm der Auftritt mit dem imposanten „Roland, I Feel You“ vom Album „The Scarlet Beast O´Seven Heads“ Fahrt auf. Hier zeigte die Band, wofür ihre Fans sie schätzen: Monumentalen, gut austarierten, packenden Indie-Rock-Pop mit großer Geste. Damit war der Knoten geplatzt. Die Band lief zu großer Form auf, und wenn man das Glück hat, solche Kracher wie „Marienbad“, „It-s Love“ oder „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ in einem solch zauberhaften Ambiente meisterhaft dargeboten zu bekommen, drückt man als Besucher bei einem Ausrutscher wie dem unsäglichen George Michael-Cover „Careless Whisper“ einfach mal beide Augen (und Ohren) zu. Am Ende des Auftritts gab es kraftvollen Applaus, der natürlich zum einen dem Auftritt Get Well Soons galt, aber vor allem an die Macher des „Heimspiel Knyphausen“ adressiert war. Ihnen war es wieder einmal gelungen, ein sehr gutes, vielfältiges und ausgewogenes musikalisches Programm für dieses Festival auf die Beine zu stellen. Für viele Besucher sicherlich mindestens genauso wichtig wie die Musik ist das unvergleichlich schöne Ambiente, welches der Draiser Hof bietet und die entspannte familiäre Atmosphäre, die auf dem gesamten Festival wahrzunehmen ist. Nicht zu vergessen sei auch die Erwähnung der schmackhaften Speisen und natürlich der vorzüglichen Weine, die zu günstigen Preisen gereicht werden. Im ansässigen Hofladen konnte man an den Festivaltagen die heimische Versorgung mit den edlen Tröpfchen sicherstellen. Der dortige Betrieb sprach für die rege Nutzung dieses Angebots. Der nächste Jahrgang kommt bestimmt...
http://www.heimspiel-knyphausen.de
Text + Foto: Marco Pawert
© 01. September 2016  WESTZEIT ||| Text: Marco Pawert
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