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REEPERBAHN-FESTIVAL 2015 - 23.-26.09.2015 Hamburg

 
Das zehnte Jubiläum des Hamburger Reeperbahn-Festivals darf mit ca. 32000 Besuchern, 400 Konzert-Ereignissen einer Unzahl von Vorträgen, Panels, Meetings, Ausstellungen, Showcases und der publikumswirksamen Einweihung des neuen Klubhauses und der zugehörigen, interaktiven Medienwand durch Udo Lindenberg zweifelsfrei als Erfolg gewertet werden. Das bis ins kleinste perfekt durchorganisierte Ereignis bot dabei Fachbesuchern wie Festivalbesuchern gleichermaßen Gelegenheit, vor allen Dingen jede Menge Acts zu entdecken, die in anderen Zusammenhängen nur schwerlich hätten angetroffen werden können. Insbesondere die neu geschaffene Länderpatenschaft (dieses Mal mit Finnland) und die länderspezifischen Showcases trugen hierzu bei. Letztlich führte das dazu, dass alle Musiker(innen) – ob bei den Großveranstaltungen der Major-Label, normalen Club-Gigs, Showcases oder den freien Veranstaltungen – ihr Publikum finden konnten. Es kommt noch hinzu, dass es bei diesem Festival nicht den ansonsten zu beobachtenden, unselige Männerüberschuss auf der Musikerseite gibt und somit auch die Damen die Möglichkeit haben, sich angemessen zu präsentieren. Musikalisch jedenfalls dürfte auch dieses Mal für jeden Geschmack, jedes Geschlecht und jede Religion etwas dabei gewesen sein:
Wie üblich begann das offizielle Musikprogramm am 23.09. eher inoffiziell bei dem N-Joy-Repperbahn-Bus,mit Beiträgen von Acts, die am Abend in Clubs auftreten würden, die dort mit kurzen Akustik-Sessions aufwarten. Die Helden von Desoto Caucus kommen aus Dänemark und haben sich international ja bereits durchaus etabliert – wenn auch unter anderem Namen. Der Präsentator vom NDR versuchte dem bärbeißigen Anders Pedersen zu entlocken, wie das denn gewesen sei, mit Giant Sand zu spielen, während die Musiker der Band doch eigentlich die europäische Sektion eben jener Band von Howe Gelb sind – und auch so klingen, wie bei dem kurzen, vergleichsweise rockigen Set zu vernehmen war. Die Schwestern Josepha und Cosima Carl brauchten nicht weit zu reisen, um die im legendären Abbey Road Studio eingespielten Songs ihrer erfolgreichen Debüt-CD in ihrer Heimatstadt Hamburg zu präsentieren. Es gab gefälligen Mädchenpop, der niemandem weh tat – und auch niemanden in den Herzkasper trieb. Einer der Clubs im neuen Klubhaus ist die „Alte Liebe“, die es zuvor schon ein Mal gegeben hatte, die aber für den Umzug auf charmante Art retro-runderneuert worden war. Hier hatte der NDR seine Zelte für die täglich live vom Festival übertragenen Radiosendungen im Rahmen der NDR Blue Reihe aufgeschlagen. Dort absolvierte Arabella Rauch – besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Josin – den ersten von drei Auftritten auf dem Reeperbahnfestival und überzeugte zunächst mal als melancholische Solo-Künstlerin am Piano – während sie ansonsten auch mit elektronischen Versatzstücken arbeitet. Auf jeden Fall machte das neugierig auf die anstehenden „richtigen“ Gigs. Im ebenfalls im Klubhaus neu eröffneten Sommersalon (bei dem die Inneneinrichtung sinnigerweise an der Decke montiert ist) hatte sich Larissa White mit ihren Musikern bereit gemacht. Diese bestanden aus einem Streichquartett und einem DJ – was natürlich zu einem spannenden Sound-Konzept führte. Während das Streichquartett etwa Yeah Yeah Yeah-Samples live emulierte, steigerte sich die Mannheimerin mit Ecuadorianischen und Spanischen Wurzeln in ihre spezielle Art von Hip-Hop-Pop hinein. Das Ganze hatte dann – nicht nur wegen der kunstvollen Maske, die die Protagonistin trug, sondern vor allen Dingen wegen der Live-Streicher - einen ungewohnt dramatischen Effekt. Im nun wohl an seiner endgültigen Adresse angelegten Molotow Club gab es dann leicht hysterischen Kinder-Mädchen-Indie-Pop der besonderen Art. Das kam nicht von ungefähr, denn Cleo Tucker und Harmony Tividad alias Girlpool aus LA verzichten bei ihrem Vortrag auf eine Band sondern bestreiten das Programm ganz alleine mit Bass, Gitarre und ihren Stimmen. Die New Age Riot Grrrls haben dabei einen eigentümlichen Slow-Core-Ansatz entwickelt, mit dem sie ihren prinzipiell konventionellen Power-Pop auf gewöhnungsbedürftige Art zerdehnen.
Die Polnische Delegation lud am 24.09. Tag zum Frühschoppen in der Spielbude. Offensichtlich hat sich in Polen eine Vorliebe für elektronisch befeuerten New Wave Pop entwickelt, der merkwürdigerweise von Leuten vorgetragen wird, die schon einige Jahre älter zu sein scheinen wie ihre Kollegen, die solches hierzulande betreiben – wie zum Beispiel bei dem Auftritt von Izolda Sorensen alias Cosovel zu beobachten war. Hier gab es zudem eine konkretere Hinwendung zu Dancefloor-kompatiblem Popmusik. Aufgrund von technischen Schwierigkeiten musste das Set jedoch nach wenigen Songs abgebrochen werden, so dass sich ein abschließendes Urteil über Cosovel sozusagen ausschloss. Ein weiterer neuer Club im Klubhaus ist das Kukuun. Dort fanden dieses Jahr an zwei Tagen die Kanadischen Showcases unter dem Namen „Canadian Blast“ statt. Das war ein klarer Fortschritt gegenüber des letzten Jahres, wo die Kanadier im unterbeleuchteten Neidclub versauert waren. The Zolas mit ihrem originellen Frontmann Zach Gray spielten zwar im Prinzip jene Art von Americana-Songs, den man von vielen Kanadiern auch erwartet hätte – allerdings nahmen sich die Zolas die Freiheit heraus, die Sache betont poppig anzugehen und etwa mit Keyboards, Synthies und Effektgeräten aufzufrischen. Der sympathische Londoner Songwriter Martin Luke Brown hatte es bei seinem ersten Auftritt außerhalb der Stadtgrenzen seiner Heimatstadt auf der Astra-Bühne dann sichtlich schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden, denn zum Einen konnte man den kleinen Herrn auf der auf einem umgebauten Bauwagen befindlichen Bühne kaum sehen und zum anderen ist Luke Brown auch nicht unbedingt ein Mann lauter Töne und hatte es insofern schwer, dem zunehmenden Festival-Trubel etwas entgegenzusetzen. Bjarke Bendtsens alias The Migrant brachte zwischenzeitlich dann die N-Joy-Bühne mit seinem gutgelaunten skandinavischen Psychedelik-Folk-Pop zum schwingen. Da machte es auch nichts, dass man den Bassisten aus Platzgründen zu Hause gelassen hatte. Einem Festival-Höhepunkt durften dann die Besucher im Mojo Club beiwohnen, als die Kanadierin Chloe Charles im Rahmen ihrer regulären Tour auch beim Reeperbahn-Festival auftrat. Wenn es jemanden gibt, der sich im Songwriterkreisen mit Stil und Mode auskennt, dann dürfte das Chloe sein, die sich in einem atemberaubenden Retro-Kostüm als wahre Diva präsentierte. Mal abgesehen davon, dass sie sich anlässlich ihrer aktuellen zweiten CD musikalisch neu aufgestellt hat, gefiel sie vor allem mit ihrer konzentrierten, dramatisch-inbrünstigen Darbietung – die sie übrigens am Folgetag vormittags bei den Kanadischen Showcases – mit einem vollkommen anderen Outfit – noch ein Mal wiederholte. Mit etwas Mühe gelang es dann sogar noch den Musikern von Keston Cobblers Club die Sky Bar im Molotow zu entern – was deswegen nicht so ganz einfach war, da hier der gemeinsame Showcase des Glitterhouse-Labels und des Devil-Duck-Labels für einen gesegneten Zulauf gesorgt hatte, so dass der Club mehr als gut gefüllt war und sich ein Gutteil der Zuschauer auf der Zugangstreppe versammeln musste. Davon ließen sich die Geschwister Lowe natürlich nicht abhalten, dem Auditorium eine der typischen, gutgelaunten Keston Cobblers Club-Parties um die Ohren zu spielen – natürlich angereichert mit reichlich Witzen über den Temperaturzustand in dem heringsartig gepackten Club. Bei der anschließenden Show von Wave Kid im noch sehr viel kleineren Karatekeller des Molotow war dann endgültig kein Durchkommen mehr.
Am 25.09. Tag hatte die Schweizer Delegation in den Sommersalon geladen. Dort spielte der gutgelaunte Züricher Liedermacher Faber auf, der sein bemerkenswert rustikal inszeniertes Songwriter-Material auf Hochdeutsch vortrug und mit launigen, unterhaltsamen Ansagen garnierte. Der leicht polternde Zirkus-Touch seiner Musik verlieh der Sache ein erdiges, aber auch beschwingtes Element. Auch das Hamburger Imperial-Theater dient während des Reeperbahn-Festivals als Spielstätte. Das hat dann den Charme, dass die Kulissen des (Krimi)-Theaters als Backdrop für die auftretenden Acts erhalten bleibt. Leider hat man hier dann aber auch die Theater-Beleuchtung beibehalten – was für düstere Mord- und Totschlaggeschichten ja noch Sinn machen mag, aber für die Musiker bedeutete, dass diese großteils im Halbdunkel munkeln müssen. Mister & Mississippi aus Holland haben sich nun endgültig von der zunächst eingeschlagenen Americana-Richtung gelöst und überzeugen heutzutage eher mit atmosphärischen Rocksongs mit einer gewissen skandinavischen Note, was die mit Effekten versehene, psychedelische Gitarrenarbeit betrifft. „Rock“ steht hier auch nicht für Lautstärke, sondern nur für die Strukturierung des Materials. Im Imperial-Theater erweckte die Truppe zudem den Eindruck, dass sie sich in dieser musikalischen Haut durchaus wohl fühlten, was sich stimmungsmäßig im Vergleich zu den zuweilen distanziert wirkenden Auftritten der Combo angenehm abhob. Mister & Mississippi öffneten sich hier jedenfalls dem Publikum.

Am 26.09, dem letzten Tag des Festivals spielten einige Acts bei entspannter Barbecue-Atmosphäre im Garten des Molotow-Clubs. Oscar ist dabei ein lustiger Songwriter mit einer erstaunlich gutturalen Stimme, der zusammen mit seinem deutschen Gitarristen auf fast flachsige Art seine sorgsam konstruierten Brit-Pop-Beat-Songs zum Besten gab. Gerne auch mit Pfeifen. Eher für die versammelte Journaille gab es im Arcotel am Spielbudenplatz dann noch ein Mal ein „Best Of“ des Showcase-Programmes des Festivals zu bestaunen. Hier spielten dann Acts, die zuvor bereits in den Clubs im Showcase-Programm aufgetreten waren kurze Sets von 3-4 Songs. Beispielweise die Berliner Classic-Rock-Coverband Travelin Jack, die hier etwa David Bowie oder Screaming Jay Hawkins im Glamrock-Setting (und vor allen Dingen Glam-Rock-Look) aufleben ließ. Der Bassist sah z.B. aus wie eine Reinkarnation von Roy Wood. Auch der junge Kanadier Danny Olliver durfte noch ein mal zeigen, was er zu bieten hatte – übrigens mit anderen Songs als bei seinem Showcase im Canada-House, jedoch auf die gleiche souverän sympathische Art. Der junge Mann aus Regina in der Provinz Sasketchewan darf aufgrund seines brillanten Songmaterial und der handwerklich exzellenten Umsetzung zweifelsohne als die Entdeckung unter den Songwritern gewertet werden. Eine Art rockigen Abschluss des Festivals bildete dann der Abend im Knust. Bereits im letzten Jahr hatte der Australier Kim Churchill dort mit seinem Blues-Rock das Festival bespielt – dieses Mal war er aber nicht alleine, sondern mit Band angereist. Musikalisch änderte sich dadurch aber eher weniger. Entweder man steht auf so etwas – oder aber man lässt es eben, denn schönzuhören gibt es bei so geradlinig dargebotener Mucke nix.

Schlecht besuchte Gigs wird man auf dem Reeperbahn-Festival sowieso schlicht nicht finden – egal zu welcher Zeit. Dabei wurden alle Unwägbarkeiten – etwa der Brand der Spielbudenbühne, deren Trümmer noch während des Festivals weggeräumt werden mussten oder die Bauarbeiten am Klubhaus mit seinen vier neuen Musik-Clubs, an dem noch bis Minuten vor der Eröffnungsveranstaltung herumgeschraubt wurde – nonchalant umschifft, sodass es – bis auf wenige Einlass-Stops bei überfüllten Veranstaltungen - am Ende zu keinerlei Engpässen kam. Die räumliche Nähe der Spielstätten machte sich dabei ein ums andere Mal positiv bemerkbar.
Fazit: Das Reeperbahn-Festival ist zur Zeit schlicht das beste und effektivste Stadtfestival seiner Art.
© 01. November 2015  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer
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