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JAZZJANZKURZ - V.A.

Manchmal frage ich mich, ob es die heutigen Reisekostenbudgets von Handelvertretern noch zulassen, abends in schummerigen Hotelbars zu versacken, im Dämmerlicht frisch geschiedenen Hausfrauen im Ausschnitt herumzufummeln und dabei der schnurrenden Sängerin der Hauskapelle zuzuzwinkern (noch ein Klischee unbedient?). STACEY KENT wäre dafür eine gute Kandidatin, wobei sie die französisch-brasilianischen Evergreens auf "I Know I Dream"(Okeh) nicht in der Bar, sondern mit ganz großen Orchester einspielte. Engtanzmusik für den o.g. Vertreter. 3
Der Bochumer Sänger/Trompeter JEFF CASCARO ist auf "Love & Blues In The City"(Herzog) auf ähnlichen, allerdings etwas schmutzigeren Pfaden unterwegs. Hohe Stimme, cooler Gesang zu groovendem JazzBlues. In dieser Stadt sollte unser Vertreter erstmal checken, ob die Frau auf seinem Schoß wirklich eine ist. 3
Die Holländerin SIETSKE singt auf "Leaving Traces"(Berthold) mit prägnanter, auf Dauer aber auch etwas anstrengender und zuweilen gar "kieksiger" Stimme. Dafür sticht der Gitarrist aus der p-b-dr-Begleitung deutlich heraus. Sensibel und zupackend, wo ein Gitarrist zupackend sein muss. Den Israeli Eran Har Even merken wir uns mal! 4
Unseren Vertreter schicken wir an dieser Stelle ins Bett, denn das "Europa"(Resonando) eröffnende Kuh-Gemuh würde ihn zu sehr irritieren. SHREEFPUNK PLUS BIGBAND nennt MATTHIAS SCHRIEFL (tp, flh, tb) sein Projekt dieses Mal und in dieser großen Besetzung spielt er alles zwischen fröhlich-anarchischer BayernBlasMusi (die sich in einen Swing auflöst), Südsee-Gitarrenriffs und einem (nicht nur) Grönemeyer persiflierenden Off-Beat-Landler. Ein wunderbuntes Gemisch, auch für TheorieFans. 4
Jene haben vielleicht an "Satori"(Whirlwind) von der britischen Saxophonistin JOSEPHINE DAVIES Freude. Mir ist das im Grunde sehr traditionelle Dudeln des ts/ss-dr-b-Trios auf Dauer etwas zu eindimensional. 2
Da lieber so schön sperrige Klänge wie die von GUNDA GOTTSCHALK und DUSICA CAJLAN-WISSEL. "Sonata-Erronea"(Acheulian Handaxe) enthält 10 kammermusik-artige, improvisierte Stücke, in denen sich Geige und präpariertes Piano leichtfüssig Bälle zuspielen, sie frei jonglieren und dann überraschend zurückwerfen. An dieser CD hat man lange HörSpaß. 4
Um 4 neue Folgen erweitert Jazzline in Kooperation mit dem NDR seine "At Onkel Pö's Carnegie Hall"-Reihe. Wirklich prima der hier dokumentierte Auftritt des FREDDIE HUBBARD QUINTETs von 1979, bei dem der Trompeter (der von Coltrane/Coleman über Sonny Rollins und Art Blakey bis Quincy Jones schon mit allen gespielt hatte) einen wirklich guten Abend erwischt hatte. Das booklet lobt zurecht den damals erst 22 Jahre jungen Pianisten Billy Childs. 4
Einen beinahe noch flotteren Hardbop spielte 1982 das WOODY SHAW QUINTET. Die Konserve enthält 5 Eigenkompositionen des rasend schnellen Trompeters, inkl. herrlich exzessiven drumsoli von Tony Reedus. 4
Das 1975er Set vom JOHNNY GRIFFIN-EDDIE "LOCKJAW" DAVIS QUINTET ist aus heutiger Sicht betrachtet weniger epochal, aber immer noch solider, swingorientierter Jazz mit einer schönen "Sophisticated Lady". 3
Die SoulBlues-Queen ESTHER PHILLIPS war 1978 im Onkel Pö zu Gast und sang natürlich auch ihre discotaugliche Fassung von "What A Difference A Day Make". Vielleicht ein bisschen zu cheesy. 3
Dennoch darf der NDR gern weiter in seinen Archiven wühlen!

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© 01. November 2017  WESTZEIT ||| Text: Karsten Zimalla
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