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Die Erfindung der Neuen Wilden - Malerei und Subkultur um 1980 - Ludwig Forum Aachen

Anfang der 1980er Jahre schlossen sich junge Künstler in Berlin, Hamburg und dem Rheinland in lockeren Gruppen zusammen. Sie experimentierten mit kühnen Texten, Fotografie, Mode, Performance, Film, Musik und riesigen Leinwänden. Es war ein Aufbruch in eine neue, heftige Subjektivität, die man später mit dem Etikett „Neue Wilde“ versehen hat. Die Themen und Motive waren eng mit den Subkulturen der Großstädte verknüpft und kreisten um existenzielle Empfindungen wie Angst und Sexualität. Das Aachener Ludwig Forum zeigt in seiner aktuellen Ausstellung großformatige Leinwandarbeiten aus dieser Zeit, darunter eine spektakuläre Gemeinschaftsarbeit von Salomé und Luciano Castelli, denen zahlreiche Werke und Dokumente gegenübergestellt werden, die vor Augen führen, wie divers die Quellen waren, aus denen die Kunst der sogenannten Neuen Wilden ihren Witz und überbordende Energie gesogen hat.

Werner Büttner, Spuren des Picknicks der KPD/ML-Ortsgruppe Krefeld, 1981

Öl auf Leinwand, 1 Bild 80 x 100 cm, 2 Bilder je 80 x 90 cm

Leihgabe der Peter und Irene Ludwig Stiftung © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Foto: Carl Brunn



Heute gelten die Neuen Wilden als eine der letzten großen künstlerischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, die international vor allem als eine Renaissance der figurativen Malerei wahrgenommen wurde. Dabei wird oft übersehen, dass hinter den Neuen Wilden keine kohärente Malereibewegung stand. Der Begriff „Neue Wilde“ war ursprünglich eine Wortschöpfung des Kunsthistorikers Wolfgang Becker, der damit Ähnlichkeiten zwischen dem französischen Fauvismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der neoexpressiven zeitgenössischen Malerei aufzeigen wollte. Diese begriffliche Etikettierung wurde insbesondere bei den Künstlern kritisch aufgenommen. Sie verwiesen auf ihre gänzlich subjektive Bildsprache und das fehlende übergeordnete Programm. Doch aller Skepsis zum Trotz, verfing der griffige Terminus und die Neuen Wilden waren erfunden.

Was später zum Mythos stilisiert wurde, begann als loser Zusammenschluss von Künstlern in verschiedenen Zentren. Getragen von der Do-It-Yourself-Mentalität der Zeit, gründeten in Berlin die Künstler Salomé, Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Bernd Zimmer 1977 die „Selbsthilfegalerie“ am Moritzplatz. Schnell etablierte sich die Galerie als Experimentierfeld junger Künstler. Dort entstanden neben den metergroßen Leinwänden in expressiven Farben auch Super-8-Filme, Performances und Fotoserien, teilweise eng verknüpft mit der Queer- und Homosexuellen-Szene Berlins. Gleichzeitig standen die Aktivitäten der Moritzplatz-Künstler in gewisser Konkurrenz zu Martin Kippenberger, der in Berlin den Underground-Club SO36 betrieb und sich gleichzeitig in sämtlichen künstlerischen Medien versuchte.

Zur selben Zeit betrieb die Künstlerin Hilka Nordhausen im Hamburger Karolinenviertel die „Buch Handlung Welt“. Sie wollte mit ihrem Projekt „Action in den Kunstmief bringen, die Macht der Galerien brechen." Hier fanden nicht nur Lesungen und Diskussionen statt, sondern auch Film- und Diashows – und einmal im Monat wurde eine der Stirnwände bearbeitet: Werner Büttner, Albert Oehlen, Martin Kippenberger und Markus Oehlen realisierten hier erste, frühe Wandarbeiten. Später brachte ihre Zusammenarbeit mit der Galerie Max Hetzler diesen Vieren den Spitznamen „Hetzler-Boys“ ein. In unterschiedlichen Formationen waren sie Teil diverser Bands, produzierten Künstlerbücher oder schrieben Texte, die zum Beispiel in den Musikzeitschriften Sounds und Spex erschienen.

Spex wurde 1980 in Köln unter anderem von Peter Bömmels gegründet, der sich im gleichen Jahr mit Künstlern wie Hans-Peter Adamski, Walter Dahn und Georg Jifií Dokoupil zu der Kölner Ateliergemeinschaft Mülheimer Freiheit zusammenschloss. Im Vergleich zu den Berliner Wilden zeigten sie wenige stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen. Was sie miteinander verband, war ein ausgeprägter Individualstil, in dem sich das radikale Erleben der eigenen Wirklichkeit ausdrückte. Obwohl sie alle auch malten, hing in ihren ersten Gemeinschaftsausstellungen keine einzige Leinwand. Stattdessen zogen sich Pinselstriche über Wände, Böden und Decken, und es waren Collagen, Papierrisse und Objekte zu sehen. Diese ortsspezifische Herangehensweise sollte das Charakteristikum der folgenden Gruppenausstellungen werden.

Während die Fachpresse noch darüber stritt, wie die ungestüme junge Kunst zu bewerten sei, hatten die Medien längst erkannt, wie gut sich die skandalträchtigen Künstler als Gruppe inszenieren ließen. Die Neuen Wilden erlangten binnen weniger Monate Kultstatus. Kunsthändler kauften ihre Ateliers leer, die Werke fanden Eingang in namhafte Sammlungen. Vor allem riss man sich um die Malerei der Neuen Wilden. So wurden Werner Büttner, Walter Dahn, Rainer Fetting oder Andreas Schulze zu Maler-Stars der 1980er Jahre, die ebenso schnell wieder aus dem Kurzzeitgedächtnis des Kunstbetriebs verschwanden. Zu groß war letztendlich der Argwohn und Vorbehalt der Fachwelt gegenüber einer zeitgeistigen Bewegung, die mit ihrer rotzig-frechen Art die Kunstwelt polarisierte und verunsicherte.

„Die Erfindung der Neuen Wilden. Malerei und Subkultur um 1980“ reflektiert in der Wiederbegegnung mit der Kunst der Neuen Wilden insgesamt ihre äußerst diverse und heterogene Ideen- und Wirkungsgeschichte. Es werden die großformatigen Leinwandarbeiten aus der Sammlung Ludwig gezeigt, von denen einige lange Zeit nicht öffentlich zu sehen waren. Zugleich ist es eine Art Rückkehr der Neuen Wilden an den Ort ihrer Erfindung. Die von Benjamin Dodenhoff und Ramona Heinlein kuratierte Ausstellung lenkt dabei den Blick auf den umfassenden Kontext einer Bewegung, in der Musik, Subkultur und Malerei als pares inter pares zusammenfanden.



Die Erfindung der Neuen Wilden. Malerei und Subkultur um 1980 (– 10.03.2019)

Ludwig Forum für Internationale Kunst

Jülicher Str. 97-109, 52070 Aachen

www.ludwigforum.de
© 01. November 2018  WESTZEIT ||| Text: Till Barz ||| Datenschutz
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