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Liu Xiaodong "Langsame Heimkehr" - Kunsthalle Düsseldorf

In Asien ist der chinesische Maler Liu Xiaodong längst ein Superstar der Kunstszene. Er gehört zu einer Künstlergeneration, die unter dem Einfluss der Avantgardegruppen der sogenannten Neuen Welle ’85 den Aufbruch in eine neue Zeit vorantreiben wollte und friedlich auf dem Platz des Himmlischen Friedens demonstrierte. Seine neorealistischen Gemälde sind Momentaufnahmen gesellschaftlicher Vielfalt und der Bedingungen des Menschseins in der Gegenwart. In der weltweit ersten umfassenden Retrospektive zeigt die Kunsthalle Düsseldorf gemeinsam mit dem NRW-Forum Düsseldorf Arbeiten aus den Jahren 1983 bis 2018. Unter dem Titel ´Langsame Heimkehr´ sind rund 60 Gemälde, Bildskizzen, Fotografien, übermalte Fotografien, eine digitale Malmaschine, Tagebuchnotizen sowie der Avantgardefilm ´The Days´ zu sehen.

Liu Xiaodong

Out Of Beichuan, 2010, Öl/Leinwand, 300 x 400 cm, © Liu Xiaodong



Liu Xiaodongs Bilder sind mit breitem, kräftigem Strich gemalt, die Farbe pastos aufgetragen. Der dynamisch-selbstbewusste Schwung seiner neorealistischen Malerei entspringt aus dem Moment der Unmittelbarkeit. Das Außergewöhnliche an der künstlerischen Praxis von Liu ist nämlich, dass er in der Regel nicht nach Fotos oder aus der Erinnerung malt, sondern wie Cézanne vor dem Motiv. Er ist ein skeptischer Beobachter, der nur dem vertraut, was er selbst sieht. Zugleich begegnet er der Fremde und dem Fremden mit größtmöglicher Offenheit. Ihm geht es um physische wie psychische Konfrontation mit der Welt um ihn herum und Übersetzung des Erlebten in eine parallele Bilderwelt, die von tiefer Empathie und Sensibilität zeugt.

Man könnte Lius Bilderwelt als Historienmalerei beschreiben, die ohne Pathos und Propaganda auskommt. Ihre Sujets sind emblematische Momentaufnahmen der Lebenswelt der Menschen, die er unterwegs trifft. Wie etwa in den Gemälden, in denen er zwischen 2003 und 2005 den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms am Yangtze dokumentierte und einige der 1,3 Millionen Umgesiedelten sowie eine Gruppe von Arbeitern porträtierte. In diesen Gemälden steckt nichts Anklagendes, sondern sie halten den historischen Moment einer unwiderruflichen Veränderung im Leben der Menschen fest. Allein in dieser feinsinnigen, aber distanzierten Beobachtung und ihrer Übersetzung in ein Gemälde steckt das wahre Potenzial für Provokation und Reibung.

Als Maler engagiert sich Liu für die Vielfalt der Kulturen und die Diversität der Subjektivität – in Abgrenzung zum Absolutismus des kollektiven Denkens. Liu, der in einem System aufgewachsen ist, das ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit verlangt, thematisiert einfühlsam das Leben von Minderheiten und die Bedingungen des Menschseins unter dem Druck von Bevölkerungsverlagerung, Umweltkrisen und wirtschaftlichen Umwälzungen, sowohl in als auch außerhalb Chinas. So suchte Liu die unmittelbare Nähe zur uigurischen Minderheit in Hotan ebenso wie zu Transgendern in Singapur oder reiste 2009 in die Provinz Gansu, um am Beispiel zweier Familien das selbstverständliche Miteinander von Christen und Muslimen zu dokumentieren.

Liu führt über seine Projekte in aller Welt nicht nur Tagebuch, sondern lässt sich auch von einem Filmteam begleiten und nutzt darüber hinaus eine Kamera als Gedächtnisstütze für seine dokumentarische Arbeit. Dieser außerordentlichen Komplexität Lius Schaffens nähert sich die Doppelausstellung „Langsame Heimkehr“ nicht nur durch die mediale Aufteilung an den beiden Düsseldorfer Ausstellungsorten, sondern auch durch eine thematische Aufteilung in vier Kapitel: Den Ausgangspunkt bildet dabei der Ort Jincheng (Liaoing-Provinz), in dem Liu 1963 geboren wurde und aufwuchs. Das zweite Kapitel behandelt seine Reisen innerhalb Chinas, das dritte das Unterwegssein außerhalb der Heimat und das letzte Kapitel die Heimkehr nach Peking.

Die Kunsthalle Düsseldorf gibt einen Überblick über Lius Malerei, ergänzt durch den Film ´The Days´ des Regisseurs Wang Xiaoshuai aus dem Jahr 1993. Das NRW-Forum legt den Fokus auf die fotografischen Werke sowie Liu Xiaodongs digitale Auseinandersetzung mit der Malerei und präsentiert auch die zusammen mit Wissenschaftlern entwickelte digitale Malmaschine: Im Ausstellungsraum werden von der Malmaschine Bilder, die mit einer auf dem Dach des NRW-Forum installierten Webcam eingefangen werden, in Realzeit auf Leinwand übertragen. Die Langsamkeit, mit der das digitale Bild sich in ein analoges verwandelt, lässt den irritierenden Eindruck entstehen, der Maler würde den Pinsel per Fernsteuerung über die Leinwand führen.

Die Ausstellung ist eine Kooperation von Kunsthalle Düsseldorf und NRW-Forum Düsseldorf. Sie wird kuratiert von Heinz-Norbert Jocks in Zusammenarbeit mit Gregor Jansen und Alain Bieber. Das Ausstellungsdesign stammt von Francesca Fornasari. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der ein Gespräch mit Liu Xiaodong und Texte von Gregor Jansen, Heinz-Norbert Jocks und Pi Li enthält.
Liu Xiaodong - ´Langsame Heimkehr´
(-19.08.2018)
Kunsthalle Düsseldorf
Grabbeplatz 4, 40217 Düsseldorf
Di-So, Feiertage 11-18h
www.kunsthalle-duesseldorf.de
Tel.: +49 (0)211 89 962 40

NRW-Forum Düsseldorf
Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
Di-Do 11-18h, Fr 11-21h, Sa 10-21h
So 10-18h
www.nrw-forum.de
© 01. Juli 2018  WESTZEIT ||| Text: Till Barz ||| Datenschutz
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