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Die 80er. Figurative Malerei in der BRD - Städel Museum Frankfurt am Main

Waren die 1980er Jahre tatsächlich das oberflächlichste Jahrzehnt seit der neuen Zeitrechnung (Ende des Zweiten Weltkrieges)? Nach den hoch politisierten 70er Jahren sehnten sich die Menschen offensichtlich nach einem Zusammenleben, dass den Einzelnen und weniger das Kollektiv zum Zentrum der Gesellschaft machte. Wilde Auswüchse waren nicht zu verhindern, wie ein Blick in die Moderne und in die Mode seinerzeit beweist: Schulterpolster, wattierte und weit flatternde Jacken aus Ballonseide, "Miami Vice"-Anzüge und "Modern Talking"-Frisuren reizen heute noch dazu, sich fremd zu schämen.

Links: Salomé (*1954), Blutsturz, 1979, Acryl auf Leinwand, 260 x 210 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Mitte: Martin Kippenberger (1953-1997), Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken, 1984, Öl und Silikon auf Leinwand, 160 x 133 cm,

Foto: © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Cologne

Rechts: Peter Bömmels (*1951), Das Kölnspiel, 1984, Dispersion und Haare auf Nessel, 220 x 200 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2015

Und die bildende Kunst? Auch sie suchte neue Wege, heraus aus dem Einerlei und fand ihre Bestimmung darin, besonders in der Malerei das Figurative wieder zu entdecken. Bunt und schrill wie der Rest der Gesellschaft mischte sich auch die bildende Kunst mit eigener Profession in die grenzenlose Offenbarung des neu definierten Zeitgeistes ein. In Berlin, Hamburg und dem Rheinland machte sich ein ästhetisches Phänomen breit, das sich historischer Stile bediente und auch nicht davor zurückschreckte, seine Meisterschaft im Dilettantismus zu suchen. Basierend auf dem aktuellen Zeitgeschehen und dem Alltag, suchten Künstlerinnen und Künstler einen individuellen Kontext zur eigenen Wirklichkeit und zur Tradition der Malerei, ausgehend von den Avantgarden der Nachkriegszeit und der unmittelbaren Gegenwart. Dabei spielten Gesellschaft und Musik eine wesentliche Rolle (siehe auch Westzeit 08/2015). Im Zentrum der damaligen Kunstszene Westdeutschlands standen der Moritzplatz in Berlin und die Mülheimer Freiheit in Köln, die vor keinem Komplex der Wirklichkeit Abstand hielt. Es gab keine klar abgegrenzten Zuständigkeiten, Maler waren auch Musiker, Musiker auch Maler.

Porträts, Doppel und Selbstporträts bilden den Auftakt der Ausstellung im Städel Museum. Albert Oehlen und Walter Dahn und andere wählten dabei nicht nur den streng-klassischen Stil sondern forschten in kritischer Haltung in der Tradition nach Parallelen und Widersprüchen für die Gegenwart. Im Mai 1977 eröffnete in Berlin die von Künstlern getragene „Galerie am Moritzplatz“ mit einer Einzelausstellung Salomés. Hier fanden auch Disziplinen wie Skulptur, Film, Fotografie und Performance Platz, die aus der Berliner Sub- und Jugendkultur verschiedene traditionelle Medien wie das Tafelbild in die Mitte der Gesellschaft holten. Doch mit der Ausstellung „Heftige Malerei“ von 1980 mit Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Salomé und Bernd Zimmer im Haus am Waldsee spaltete sich die Szene in Maler und Nichtmaler. Körperbilder, politische Collagen: es existierte keine Sperrfläche für tabuisierte Inhalte.

In Hamburg wurde Martin Kippenberger, seit 1972 Student der Hamburger Kunsthochschule, besonders vom künstlerischen Umfeld als von der akademischen Ausbildung beeinflusst. 1977 traf er in der Elbmetropole auf Werner Büttner und Albert Oehlen und orientierte sich gleichzeitig nach Berlin. „Zwischen Bad Painting und Pathos entstand eine radikale, schamlose Malerei,“ heißt es auf einem Wandtext, an der sich auch der aus München stammende Georg Herold beteiligte. Schließlich fasste die Figurative Malerei auch im Rheinland Fuß, Köln und Düsseldorf mit Hans Peter Adamski, Peter Bömmels, Walter Dahn und Jiri Georg Dokoupil arbeiteten in einem gemeinsamen Atelier in der Mülheimer Freiheit 110 in Köln-Deutz. Parodie des Kunstbetriebes und direkte, spontane Malerei gepaart mit einem guten Schuss Dilettantismus kennzeichnen die oft banalen und klischeehaft bis kitschig geprägten Arbeiten.

Die relativ kurze Lebensdauer der Bewegung pflanzte mit beharrlicher Würde und stringenter Dekadenz eine faszinierende Vielfältigkeit in die Gesellschaft. Es gelang den Künstlerinnen und Künstlern (u.a. Elvira Bach, Luciano Castelli, Jan Knap, Milan Kunc, Bettina Semmer, Christa Näher) neben der mit beachtlicher Energie ausgestatteten „Schlechten Malerei“ auch poetische Bild-Metaphern dauerhaft in die figurative Malerei der Bundesrepublik der 1980er Jahre zu integrieren.
Die 80er. Figurative Malerei in der BRD (- 18.10.2015)
Städel Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main
Tel.: 069 – 6050980, info@staedelmuseum.de
Di, Mi, Sa, So + Feiertage 10-18 Uhr, Do + Fr 10-21 Uhr
Eintritt: 14/12 Euro, Katalog bei Verlag Hatje und Cantz
Weitere Infos: www.staedelmuseum.de
Weitere Infos: www.staedelmuseum.de
© 01. September 2015  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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