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GENIALE DILLETANTEN - Haus der Kunst München

Der „Ratinger Hof“ in Düsseldorf war eine Gastwirtschaft, deren Namen auf ein gesittetes Publikum und ein spießbürgerliches Ambiente hindeutete. In Wirklichkeit aber blühte ein paar Jahre lang der „Ratinger Hof“ als Sammelbecken für die Punks und Outlaws der Landeshauptstadt, als deren musikalischer Tempel, in dem neue Formen der Kultur und Kunst und Performance ausprobiert wurden.

Penny Lane’s Friseursalon (Doppelbelichtung, Ausstellung von Anno Dittmer „Penny Lane is in my brain“, Berlin, 1983, Foto: Anno Dittmer



Als Pendant zum „Ratinger Hof“ zeigte das „SO36“ in (West)Berlin sein Banner, wo Bands wie Einstürzende Neubauten und Die Tödliche Doris das Prozedere und die Grundhaltung dafür lieferten, was eine zutiefst zukurzgekommene Generation zur Lebensbewältigung brauchte. Das Nichtkönnen, die bewusst gelebte Amateurisierung, das Selbstgemachte wurden zum Markenzeichen einer künstlerischen Bewegung, die in knapp vier Jahren zwischen 1978 und 1982 eine kurze Epoche der Anarchie und des Aufbruchs aus einer starren gesellschaftlichen Ordnung begründete. Das weltweit agierende Goethe-Institut präsentiert in der Tourneeausstellung „Geniale Dilletanten“, die im Haus der Kultur in München startet, eine umfangreiche Schau deutscher Subkultur der 1980er Jahre. Im Zentrum stehen sieben prägende Musikbands – Einstürzende Neubauten, Die Tödliche Doris, D.A.F. - Deutsch Amerikanische Freundschaft, Der Plan, Palais Schaumburg, F.S.K. - Freiwillige Selbstkontrolle, Ornament und Verbrechen – sowie Künstler, Filmemacher und Designern aus den Städten und Regionen in West- und Ost, die impulsgebenden und stilprägend am Image der „No Future“-Bewegung polierten und formten. Hörbeispiele, Videomaterial, Magazine, Plakate, Flyer und ein eigens produzierter Interviewfilm runden das Bild ab, das Kuratorin Mathilde Weh im Haus der Kunst nach der Konzeption des Goethe-Instituts maßgeblich erweiterte.



Als Geburtsstunde der deutschen Subkultur der achtziger Jahre steht das Datum 4. September 1981 in den Geschichtsbüchern. An diesem Tag fand im Berliner Tempodrom ein Konzert unter dem Namen „Die Große Untergangsshow - Geniale Dilletanten“ statt. Die bewusste Falschschreibung des Wortes Dilletanten bezeichnete grundlegend die Ausrichtung des damaligen Zeitgeistes: Ablehnung technischer Perfektion und individuellen Könnens, stattdessen künstlerische Wucht und Ausdruck. Totale Opposition stand auf dem Banner der Provokateure, die sich auch gegen die Erblasser der 68er Generation richteten. Wer „richtig“ Gitarren spielen konnte, war eigentlich fehl am Platze, bildende Künstler wie Markus Oehlen, Rainer Fetting, Walter Dahn oder Elvira Bach fanden Anerkennung wegen ihrer provozierend dilettantischen Malerei. Musikalisch bauten die Bands eine Brandmauer gegen Kommerzialisierung und Meisterschaft auf, sie wollten keine richtigen Rockmusiker mehr sein sondern die „Geräusche der Achtziger“ gegen herkömmliche Bands abgrenzen, in dem sie bewusst auf virtuoses Können verzichteten. Filme von Yana Yo, Reinhard Bock, Norbert Meissner oder Ramona Welsh geben Einblicke in die damalige Szene, die sich vom Mainstream absetzte und auf eine künstlerische Alternativszene baute.



Plattenlabels, Magazine, Galerien und Clubs – wie der Plattenladen „Rip Off“ in Hamburg oder dem „Kumpelnest“ in Berlin – gingen neue, andere Wege. Verstärkt achteten die Künstler auf Selbstorganisation und den Do-It-Yourself-Gedanken, der sich besonders im Umfeld der Kunsthochschulen entwickelte. Der radikale Bruch mit dem Mainstream äußerte sich auch in der konsequenten Nutzung der deutschen Sprache in den Songtexten und Bandnamen. Lautstark und gezielt provozierten die Musiker das unterhaltende Establishment und fanden mit dieser Haltung auch international zunehmende Anerkennung. Diese Subkultur fand zurück zu dadaistischen Inhalten der Kunst und der Musik, in dem etwa die Gruppe „Palais Schaumburg“ durch die Kombination von Synthesizern und Samplegeräten mit Trompete und atonalem, skurrilem Gesang einen individuellen Charakter entwickelte. In Ost-Berlin engagierte sich „Ornament und Verbrechen“ unter schwierigen Bedingungen und unter dem Einfluss von Jazz, Industrial Music und elektronischem Klangmaterial, während „Der Plan“ surreale Kostüme und ironisch-sarkastische Texte zur Umsetzung ihrer künstlerischen Ansichten nutzte.



Die kurze Lebensdauer dieser Subkultur hängt zweifellos auch damit zusammen, dass das Establishment insbesondere im Bereich der Mode die Insignien der Alternativszene übernahm und daraus ein profitables Geschäft machte. Tätowierungen wurden chic, Rasierklingen als Schmuck wurden chic, zerrissene Kleidung wurde chic. Am Chic erstickte die Konzeption einer kulturellen Bewegung, die eine ganzheitliche Präsenz aus Musik, Text, Objekt und Installation anstrebte. „Die sogenannten 80er-Jahre, die gemeinhin und plausibel als ein Jahrzehnt des Umbruchs aufgefasst wurden, waren gekennzeichnet durch Aus- und Umbrüche, die tiefgreifende und nachhaltige Veränderungen der geopolitischen Lage und soziokulturellen Weltsichten zeitigten,“ schreibt Ulrich Wilms im Katalogbuch. Rest dieser Stimmung sind noch vorhanden, auch wenn sie im allgemeinen Kulturkontext integriert wurden und längst zur Hochkultur gezählt werden.



2016 ist die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen (22.01. - 01.05.).
bis 11.10.2015
Haus der Kunst, Prinzregentenstraße 1, 80538 München
Tel.: 089 – 21127113
E-Mail: mail@hausderkunst.de
Geöffnet: mo – so 10 – 20 Uhr, do 10 – 22 Uhr
Eintritt: 12/10 Euro
Katalog: 24 Euro (Hatje Cantz Verlag)
Weitere Infos: www.hausderkunst.de
© 01. August 2015  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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