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THOMAS RUFF. LICHTEN - Kunsthalle Düsseldorf

Ein grüne Pflanze in einem Blumentopf, der auf einer Spüle steht, die vor blau-rosa-gelb gekachelten Küchenwand steht. „Interior 1D“ nennt Thomas Ruff diese Fotoarbeit von 1982 aus der Serie „Interiors“. Das Foto ist banal, der Bildausschnitt ein Zufallsprodukt, das Interieur eine gutbürgerliche Bescheidenheit. Was hat es also in einem Museum zu suchen? Es belegt, wie weit sich bereits die Fotografie aus dem Fenster gelehnt hat, um im Kunstbetrieb neben der Malerei und der Bildhauerei eine zeitgemäße, wichtige, vor allem beobachtende und reflektierende Rolle zu spielen. Das Foto als Spiegelbild einer Wirklichkeit, die fotografisch festgehalten keine mehr ist sondern sich zum selbständigen Sujet innerhalb der Kunst verändert hat.

oben: Nacht 5 III, 1992, From the series: Nights, C-print © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

unten: Interieur 1D, 1982, From the series: Interiors, C-print © VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Thomas Ruff, dessen statisch inszenierte Menschenporträts der Realität noch stärker den Spiegel vorhalten, zählt zur Düsseldorfer Fotoschule, die durch Bernd und Hilla Becher entscheidend geprägt wurde. Die Kunsthalle in der Landeshauptstadt zeigt in einer großen Ausstellung, welchen Beitrag der 1958 in Zell am Harmersbach geborene Künstler zum Verschwinden des Lichts beim Übergang von der analogen zur digitalen Fotografie geleistet hat. Mehrere Serien wie „Sterne“ (1989-1992) oder „Photogramme“ (2012 bis heute) unterstreichen Ruffs Bedeutung für die Entwicklung einer Technik, die sich von ihren Anfängen vor mehr als einhundert Jahren gleich mehrfach verändert hat. Waren es in den fotografischen Kinderschuhzeiten die Glasplatten, die als Speichermedium für fotografische Aufnahmen dienten, so wurden diese durch Zelluloidstreifen abgelöst. Aktuell dient der Speicherchip als Basis der digitalen Fotografie.



Thomas Ruff hat den nächtlichen Sternenhimmel fotografiert, Infrarot-Bilder von Vorstädten gemacht und heimische Stilleben festgehalten. In diesen Aufnahmen dokumentieren sich seine technischen Überlegungen, die den Stellenwert von Bildern öffnen, in dem sie politische und soziale Sichtweisen offen legen. „Interiors“ benutzt vorsätzlich eine simple Darstellung simpler Einrichtungsgegenstände – die Inszenierung banaler Wohnlandschaften findet in sich selbst statt. Auf einen Text des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq beruhen die pornografischen, elektronisch verfremdeten Fotoaufnahmen, die Thomas Ruff aus dem Internet rekrutierte und aus denen er den Fotoband „Nudes“ formte. Das Projekt „Photogramme“, bei dem Ruff mit dem 3D-Experten Wenzel S. Springer zusammen arbeitete, basiert auf historischen Fotogrammen (ohne Kamera belichtetes lichtempfindliches Material). Sie entstanden komplett digital in einer virtuell simulierten Dunkelkammer.
In der Serie „Nächte“ (1992-1996) fotografierte Thomas Ruff zweiundsechzig Mal eine nächtliche, menschenleere Umgebung: Motive wie verlassene Gebäude, Hinterhöfe, Kreuzungen, Plätze Wald- und Wiesenanhöhen, die Ruff zunächst in seiner unmittelbaren Nachbarschaft in Düsseldorf und Peripherie, später europaweit, findet. Als gedankliche Basis diente dem Fotografien die Nachtsichtaufnahmen aus dem Zweiten Golfkrieg (1991). Damals erlaubte es diese Technik, im heimischen Wohnzimmer den Krieg im Irak in Echtzeit mitzuerleben: Bomben- und Granateinschläge in Bagdad im grünlichen Licht des „Starlight System“. Bei Ruff werden aus harmlosen Gebäudeaufnahmen mögliche nächtliche Angriffsziele feindlich gesinnter Nationen. Ihm gelang eine Ästhetik des Subversiven in kriegsberuhigtem Gelände und beeinflusste dadurch die subjektive Wahrnehmung weit entfernter Kampfgebiete in Nachrichtensendungen und TV-Dokumentationen.

20.09.2014 bis 11.01.2015
Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf
Tel.: 0211—8996243
E-Mail: mail@kunsthalle-duesseldorf.de
Geöffnet: di – so 11 – 18 Uhr
Eintritt: 6/3 Euro
Weitere Infos: www.kunsthalle-duesseldorf.de
© 01. September 2014  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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