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Beuys Brock Vostell - ZKM | Museum für Neue Kunst Karlsruhe

Auf einmal war in Museen, Galerien und Ateliers vieles anders. Wer sich am Anblick Kopf stehender, aus der Nase blutender oder unter der Decke schwebender Kampfflugzeuge gewöhnen konnte, dem entgingen die radikalen Schritte einiger – auch deutscher – Künstler nicht. Was zunächst als reines Spektakel der Öffentlichkeit geboten wurde, entwickelte sich zu einem der interessantesten Kunstbeiträge des zwanzigsten Jahrhunderts. Happening, Performance oder Skulptur im weitesten Sinne traten in den Vordergrund, die ehrwürdige, auf Leinwand und Papier gespeicherten künstlerischen Ideen und Werke waren nur noch Relikte einer überholten Vergangenheit.

Oben: Joseph Beuys, Honigpumpe am Arbeitsplatz auf der documenta 6 im Museum Fridericianum 1977, Farbfotografie, Foto: Georg Freitag, © documenta Archiv © Estate of Joseph Beuys / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Unten: Joseph Beuys, „Kukei, Akopee - Nein!, Braunkreuz – Fettecken – Modellfettecken“ während des Festival der Neuen Kunst 20. Juli 1964, Fotografie, s/w, Foto: Peter Thomann

Die Grenze zur Kunst auflösen, das Leben in die Kunst integrieren. Wolf Vostell (1932-1998) radikalisierte das spontane Tun des Künstlers Er sah ihn (sich selbst) nicht mehr vor der Staffelei sah sondern inmitten des Publikums, das selbst zu einem Bestandteil der Kunst wurde, im öffentlichen Raum, in der Intimität der Galerien und Museen. Auch Joseph Beuys (1921-1986) und Bazon Brock (*1936) richteten ihre Aktivitäten auf die Darstellung von Kunst, womit in erster Linie sie selbst als Gegenstand und als Vehikel gemeint waren. Beuys, Brock und Vostell waren befreundet und traten in den 1960er Jahren bei wichtigen Aktionen und Ausstellungen gemeinsam auf. Sie „bildeten aus der Erfahrung des Krieges ihre eigenen stilbildenden Positionen und verfolgten dabei die radikale Emanzipation des Individuums und die Reform bzw. Revolution des Lebens. Durch die gemeinsame Präsentation der drei verschiedenen Positionen der Performativität wird eine neue Perspektive auf die heute in allen Museen der Welt hofierten performativen Künste erarbeitet.“ (ZKM Karlsruhe)

Zur performativen Vermittlung ihrer Kunst kam ein weiterer Aspekt hinzu – nämlich eine neue Definition des Begriffs der Lehre, die alle drei in eine Aufführungskunst umwandelten. Sie stellten das Vermitteln und Aufklären, das Agieren und Agitieren sowie die Diskussion und die Demonstration in den Mittelpunkt der Kunstlehre. Ziel war es beim Betrachter eine Bewusstseinsveränderung anzustoßen, die als Endpunkt in eine radikale Emanzipation des Individuums führen sollte. Joseph Beuys hat mit seiner Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ diesen Anspruch als kunstrevolutionäre These propagiert und damit auch eine individualisierte Position des Zuschauers und Betrachters als Teil der Kunst errichtet.

Was eignete sich für die Erweiterung des Kunstbegriffs von Leinwandvirtuosen zu darstellenden Künstlern besser als Fluxus, Happening, Performance? Die Virtuosität des Fließenden, der Momentaufnahmen und Spontanaktionen bildete den Rahmen für Ereignisse, die von den drei Künstlern gemeinsam und mit weiteren Protagonisten als befreiende Rituale und Aktionen durchgeführt wurden. Bazon Brock begann eine Aktion mit einem Kopfstand, Joseph Beuys hockt immer noch auf einer Kiste – morgens um fünf Uhr. Er betreibt künstlerisches Yoga, zwischen einem Fuß- und Kopfkissen aus Margarine. Bazon Brock verbreitete dazu diese Botschaft: „Begreifen heißt seine Abhängigkeit aufzeigen.“ Es war ein Tipp für alle Ratlosen, die mit der Performance nichts anfangen konnten. Wolf Vostell definierte die Kunst als Raum, den Raum als Umgebung und die Umgebung als Ereignis, Ereignis als Bild und Bild als Leben, Leben als Kunst. Der Kreis schließt sich, denn: „Kunst=Leben“. Die gemeinsame Aktion hieß „24 Stunden des Notstands“.
„Fluxus Demonstrationen“ - „Agit Pop“ - „Dé-Coll/Age Happening“. Diese Stichworte beschreiben die Kunst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als erstmals Medien (Film- und Tondokumente, Skizzen, Partituren und Künstlerbücher) auf den Plan traten und Leinwand und Zeichenblock in den Hintergrund drängten. Dem Publikum wurden konkrete Aufgaben gestellt, die bis dahin im hohen Kunstbetrieb undenkbar waren: Zucker verstreuen oder Fernseher ablecken, wie Wolf Vostell in einem seiner Happenings forderte. Joseph Beuys entwickelte – eher Dozent als Künstler – vor Publikum sein erkenntnistheoretisches Modell der „Plastischen Theorie“. Praxis schlägt Theorie – ein Umstand, der die drei Künstler immer wieder beschäftigte. In Zeichnungen, Filmen, Collagen und mit großformatigen Exponaten findet der Besucher einen unmittelbaren Zugang zum Werk von Beuys, Brock und Vostell. Kleine Objekte in Vitrinen erfordern vom Publikum ein großzügiges Zeitmanagement und Konzentration: Briefe, Kataloge in kleinen Auflagen, Fotoraritäten, Pamphlete und in fahlem Gelb traurig glänzende Plakate, alles in Vitrinen angerichtet.

Bis 09.11.2014
ZKM | Museum für Neue Kunst, -10, Lorenzstraße 19, 76135 Karlsruhe
Tel.: 0721 – 8100-0
E-Mail: info@zkm.de
Geöffnet: di – so 11 – 18 Uhr 1. Mittwoch/Monat 11 – 21 Uhr
Eintritt: 6/4 Euro
Katalog: 49,80 Euro (Verlag hatje cantz)
Weitere Infos: www.zkm.de
© 01. August 2014  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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