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ERWIN WURM - ONE MINUTE SCULPTURES - Städel Museum Frankfurt

Da ist der Wurm drin. Den Kopf voraus, steckt der österreichische Künstler Erwin Wurm in einem Abfalleimer, der Oberkörper ist fast komplett darin verborgen, Beine und Füße ragen heraus – ein auf den Kopf gestellter Hans-guck-in-die-Luft. „Throw Yourself Away (Quartet For Antwerp)" heißt die Ein-Minuten-Skulptur, die ein Performer an einer Straßenkreuzung in Antwerpen 2004 ausführte. Im Garten des Städel, im Metzler-Saal, in der Sammlung der Alten Meister und der Kunst der Moderne stellt Erwin Wurm (*1954) ältere sowie gezielt für die Städel Sammlung entwickelte Werke aus seiner Serie der „One Minute Sculptures“ aus.

Alle Abbildungen: One Minute Sculptures, 1997, c-print, 45 x 30 cm, © Studio Wurm / VG Bild-Kunst, Bonn 2014

Schon 1980 stellten sich die amerikanischen Avantgarde-Elektriker The Residents auf musikalischer Ebene der Aufgabe, innerhalb einer Minute dem Klang eine Richtung, einen unverkennbaren Ausdruck zu geben. Das „Commercial Album“ reduzierte im Allgemeinen den Popsong auf eine Minute und machte ihn zum Jingle: „Cut out the fat and a pop song is only one minute long“ lautete ein Credo zu dieser Produktion. Auf die Kunst von Erwin übertragen bedeutet das nichts anderes als die Skulptur auf der Zeitschiene so zu verdichten, dass von ihr nichts anderes übrig bleibt als die Erinnerung. Denn was innerhalb einer Minute nicht erkannt und nicht wahrgenommen wurde, existiert(e) nicht. Da nützen auch Fotografien und Zeichnungen der Aktion nicht viel, sie sind lediglich ein untaugliches Hilfsmittel, ein flüchtiges Ereignis lebendig zu halten.
In den Räumen des Städel Museum und in der Außenanlage konfrontieren „One Minute Sculptures“ den Besucher mit Erwin Wurms verwegen wirkende Merkwürdigkeiten. Ein Podest am Haupteingang animiert das Publikum, auf allen Vieren darauf zu knien und die Position eines Hundes einzunehmen. Weitere, zufällig aufgestellte Sockel, Podeste und Stühle integrierte der Künstler in die Sammlung des mit Werken aus siebenhundert Jahren Kunstgeschichte bestückte Museum; sie stehen in der Altmeistersammlung vor niederländischen Gemälden und italienischer Kunst des späten Mittelalters, garnieren impressionistische Werke der Moderne und tauchen neben expressionistischen Skulpturen auf. Auch die zeitgenössische Kunst verschonte Erwin Wurm nicht mit seinen „One Minute Sculptures“: die Rauminstallation „Saal“ von Thomas Demand im Metzler-Saal sieht sich ebenfalls von einem sechzig Sekunden dauernden Ausschnitt der Lebenszeit umzingelt.
In dem der Besucher sich auf die Kunst des Erwin Wurm einlässt – körperlich wie intellektuell – wird er zum temporären Bestandteil der Ausstellung. Ob er hockend, hüpfend oder, mit dem Finger
in der Nase, auf einem Bein stehend als notwendige Ergänzung den Ideenpark Erwin Wurms vervollständigt – er wird sich seines eigenen Körpers bewusst, lernt, die Grenzen zu akzeptieren und zeigt – vielleicht nicht immer ganz freiwillig – die Beherrschung während der Aktion. Erwin Wurm startete die Werkreihe 1997, in Fotografien und Filmen dokumentierte er Kurzzeitkunstwerke und zeigt im Metzler-Foyer davon etwa zwanzig ausgewählte Beispiele.

Grotesk bis absurd, jedoch immer mit dominierenden Fingerzeigen lenkt Erwin Wurm den Besucher durch die Surrealität des Alltags und findet dabei immer wieder neue Wege, die auch den humoristischen Teil der Aktionen unterstreichen. Ein Campingbett wird zum Gesichtsschutz, in Nase, Augen, Ohren und Mund gesteckte Büroutensilien machen aus dem Kopf einen mobilen Schreibtischarbeitsplatz. Die Mitmachstationen fordern Engagement bis zur mentalen Selbstentblößung, sind aber niemals voyeuristisch oder führen gar die Besucher vor. Auch die auf dem Rücken liegende, die Beine gerade nach oben streckende Frau, die auf den Fußsohlen Kaffeetassen balanciert, gibt sich nicht der Lächerlichkeit preis sondern definiert eine etwas anders als gewöhnlich Haltung der Gastfreundschaft.
„Die vielschichtigen Arbeiten von Erwin Wurm sind ein fortwährender Quell der
Inspiration und der Verschiebung von Perspektiven“, sagt Max Hollein, Direktor des Städel. „Wurms 'One Minute Sculptures' einigt immer ein spielerisch-humorvolles Element, sie entstehen aber beileibe nicht nur um ihres Witzes willen. Im Gegenteil, vielmehr sind die grotesken Handlungsanweisungen häufig Kommentare auf traumatische, beängstigende Alltagserfahrungen.“

Erwin Wurm - One Minute Scuptures (07.05.-13.07.)
Städel Museum, Schaumainkai 63, Frankfurt am Main
Tel.: 069 – 605098-0
info@staedelmuseum.de
Di, Mi, Sa, So 10-18 Uhr, Do Fr 10-21 Uhr
Eintritt: Di-Fr 12/10 Euro, So, Feiertage 14/12 Euro
Weitere Infos: www.staedelmuseum.de
Weitere Infos: www.staedelmuseum.de
© 01. Mai 2014  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
Kunst

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