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Leben mit Pop. Eine Reproduktion des Kapitalistischen Realismus - Kunsthalle Düsseldorf

Sie währte nur kurz, die Periode des Kapitalistischen Realismus, die der westdeutschen Kunstszene zwischen 1963 und 1966 einen Aufwind bescherte, der seine Pracht und Herrlichkeit auf die Fluxusbewegung im Rheinland gründete und in dem sich Manfred Kuttner, Konrad Lueg, Sigmar Polke und Gerhart Richter kreativ treiben ließen. Als Gegenpart zum ostdeutsch-sowjetischen Kunstkampfbegriff „Sozialistischer Realismus“ mit seinen Arbeiter- und Bauerngemälden rückten Kuttner, Lueg, Polke und Richter aus dem Fluxus entliehene, in prokapitalistische Szenarien eingebundene Ikonographien in das Zentrum ihrer Kunst.

links: Sigmar Polke, Socken, 1963, © The Estate of Sigmar Polke, Cologne/VG Bild-Kunst, Bonn 2013

rechts: Konrad Lueg, BRD Triptychon, 1963, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013

In der Düsseldorfer Kaiserstraße 31a organisierten 1963 die vier Künstler in einem leerstehenden Ladenlokal einer Metzgerei die Marke „Kapitalistischer Realismus“, die als Bildquelle Reproduktionen von Objekten und Sujets aus Zeitungen und Magazinen nutzte. Ebenfalls 1963 fand im Möbelhaus Berges in der Flingerstraße 11 die legendäre Aktion „Leben mit Pop – Eine Demonstration für den Kapitalistischen Realismus“ statt. In einer umfassenden Retrospektive zeigt die Kunsthalle Düsseldorf in einer Auswahl von mehr als fünfzig Werken in der Gestalt fotografischer Reproduktionen die Gemälde von Lueg, Polke, Richter und Kuttner, der jedoch bald eigene künstlerische Wege betrat.



Der „Kapitalistische Realismus“ diente der ironischen Entlarvung westdeutscher Konsum- und Freizeitwirklichkeit. Alltagsgegenstände, Werbemotive, Frauenbilder, Exotik, Sport und Wettkampf sowie die Benennung bürgerlicher Sehnsuchtsorte versetzte das Künstlerquartett in ein gnadenlos offenes Realismuskonzept. Obwohl die Pop Art klar und deutlich ihre Finger in die Wunde Oberflächlichkeit legte, fand das „Leben mit Pop“ in tagtäglichen Wirklichkeit statt, die Sigmar Polke beispielsweise durch einen grinsenden Bäcker, dessen Vorlage er in der Fachzeitschrift „Bäckerblume“ entdeckte hatte, fast karikaturhaft darstellte. Typische Merkmale für die individuelle künstlerische Technik finden sich in den Rasterungen bei Sigmar Polke, der charakteristisch benutzten Unschärfe bei Gerhard Richter und die Vertreibung des Individuums durch reine Dekoration bei Konrad Lueg.



Doch es ging nicht nur um ein Spiel mit Begriffen oder die Darstellung bundesrepublikanischer Kapitalismusströmungen und -entwicklungen. Die Haltung der Künstler zum Kapitalismus war zwiespältig: sie erkannten sein emanzipatorischen Möglichkeiten und nutzten die im Kapitalismus steckenden Werbestrategien zur Inszenierung und Verbreitung ihrer Kunst. Im Gegensatz dazu verschlossen sie nicht die Augen vor dem vulgären Habitus es Kapitalismus, was nicht zuletzt der Grund dafür war, auf Originale zu verzichten.



Nach der progressiven Inszenierung des Kapitalistischen Realismus im Rheinland nannte der junge Galerist René Block seine erste programmatische Ausstellung 1964 in der Frobenstraße „Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus“, während Gerhard Richter seine erste Einzelausstellung in der Galerie Block ab November 1964 „Bilder des Kapitalistischen Realismus“ nannte. In der Edition René Block erschienen 1971 und 1976 die zwei umfangreiche Werkverzeichnisse „Grafik des Kapitalistischen Realismus“.



Einen besonderen Beitrag zur Ausstellung liefert der amerikanische Konzeptkünstler Christopher Williams, seit 2008 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. In aufwendigen Verfahren fotografiert er die Oberflächen des Alltäglichen und fragt, was den Kapitalistischen Realismus heute ausmacht. Williams hat das Außenbanner entworfen und in ein Filmprogramm aus Künstlerfilmen, Werbeclips und Hollywoodproduktionen zusammengestellt. Sie erscheinen kommentarhaft auf Monitoren an verschiedenen Stellen der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur entwarfen die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi unter Verwendung vergrößerter Fotografien von Kuttner, Rudolf Jährling und Reiner Ruthenbeck, die durch ihren historischen Aspekt die damalige Zeitatmosphäre wiedergeben.
Bis 29.09.2013
Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf
Tel.: 0211-8996243
E-Mail: mail@kunsthalle-duesseldorf.de
Geöffnet: di – so 11 – 18 Uhr
Eintritt: 5,50/3,50 Euro
Weitere Infos: www.kunsthalle-duesseldorf.de
© 01. September 2013  WESTZEIT ||| Text: Klaus Hübner
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