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Ai Weiwei

Kunstsammlung NRW K20 / K21 Düsseldorf

Weltweit wird er als Künstler, Architekt, Kurator, Filmregisseur und Fotograf gefeiert. Gleichzeitig ist seine Kunst immanent politisch: Ai Weiwei, der Dissident und Kunst-Aktivist, provoziert mit spektakulären Projekten und legt den Finger in die Wunde gesellschaftlicher Missstände. Unter dem Leitmotiv „Alles ist Kunst, alles ist Politik“ zeigt die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen die bislang größte Schau seiner Arbeiten in Europa. Die Ausstellung mit raumfüllenden Installationen und Werken ist in den beiden Häusern der Kunstsammlung zu sehen, darunter die Schlüsselwerke Straight und Sunflower Seeds, die in ihrer vollständigen Form erstmals gemeinsam gezeigt werden.

Abb. oben: Installationsansicht, Foto: Achim Kukulies

Abb. unten: Zodiac (Dog), 2018, 12 Bilder (12 images), Legosteine (Legos), 230 x 230 cm

„Wo ist die Revolution?“, fragt der Text unter dem fotografischen Selbstportrait in Schwarzweiß, auf dem uns Ai Weiwei entschlossen entgegen schreitet. Das Plakat zur Ausstellung lässt unmissverständlich den Künstler als Akteur in den Vordergrund treten, der den Unterschied macht. Es ist darüber hinaus eine Hommage an Joseph Beuys, der sich im Oktober 1971 vor dem Eingang der Villa Orlandi auf Anacapri in der gleichen voranmarschierenden Pose ablichten ließ. Auch Beuys zitierte in seiner Fotografie ein Vorbild, nämlich das berühmte Gemälde Der Vierte Stand von Giuseppe Pellizza da Volpedo. Sein Reenactment ergänzte Beuys mit dem handschriftlichen Titel „La rivoluzione siamo Noi“ – „Die Revolution sind wir“. Die Doppelung des visuellen Zitates ist hintersinnig, vielleicht auch ironisch mythologisierend zu verstehen, aber ganz klar stellt sich Ai Weiwei in die Tradition von Beuys.

Für seine mutige Kritik an staatlicher Gewalt, Zensur und skandalösen gesellschaftlichen Zuständen wurde Ai Weiwei in seiner chinesischen Heimat verfolgt, krankenhausreif geschlagen und für 81 Tage inhaftiert. Eine Erfahrung, die er in den sechs naturalistischen Dioramen S.A.C.R.E.D. verarbeitet hat, die auch in der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen sind. Wie in einer Peepshow, schaut man durch Öffnungen in gewaltige Eisenkästen, in deren Inneren mit halblebensgroßen Puppen beklemmende Szenen aus seiner Haftzeit nachgestellt sind, die er selbst als „psychologische Kriegsführung“ gegen sich empfunden hat.

Jenes Kunstwerk, für das Ai Weiwei 2011 inhaftiert wurde, ist ebenfalls in der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen. Die noch nie zuvor in Europa komplett gezeigte Installation Straight besteht aus 164 Tonnen Armierungseisen, die Ai Weiwei nach dem verheerenden Erdbeben von Sichuan 2008 aus eingestürzten Schulgebäuden bergen ließ. Damals verloren Tausende Schulkinder ihr Leben – wegen Korruption und Pfusch am Bau, wie die Recherchen des Künstlers ergaben. In einem zeitaufwendigen Prozess wurden die verbogenen Stahlstäbe wieder geradegebogen, in Transportkisten eingesargt und zu einer Landschaft modelliert. Hier beeindruckt nicht allein die gewaltige Masse an Material, sondern auch die schier endlose Registratur der Namen der getöteten Kinder entlang der Wand der Ausstellungshalle.

Ai Weiweis Werke entstehen in Besinnung auf die Grundwerte der Humanität, sei es beim Erdbeben von Sichuan oder mit Blick auf die globale Flüchtlingskrise. Im K21 ist seine monumentale Arbeit Life Cycle (2018) zu sehen. Über 17 Meter misst die fragile Skulptur aus Bambus und Sisalgarn. Sie stellt Personen in einem Schlauchboot dar, wie es häufig bei der lebensgefährlichen Passage über das Mittelmeer benutzt wird. Einige Köpfe haben sich in Figuren der chinesischen Tierkreiszeichen verwandelt und verweisen in metaphorischer Weise auf den schicksalhaften Lauf des Lebens. Laundromat (2016) entstand vor dem Hintergrund der dramatischen Geschehnisse im griechischen Flüchtlingslager Idomeni, deren Zeuge Ai Weiwei war, als er seinen abendfüllenden Dokumentarfilm Human Flow (2017) drehte. Die Installation besteht aus 40 rollbaren Kleiderständern mit 2.000 Kleidungsstücken, die die Bewohner*innen dort zurückließen, als sie 2016 durch die Schließung des Lagers erneut vertrieben wurden.

Auf 650 Quadratmetern breitet sich die spektakuläre Installation Sunflower Seeds (2010) aus, die zum ersten Mal wieder vollständig aufgebaut ist: 100 Tonnen handgefertigte und individuell bemalte Sonnenblumenkerne aus Porzellan, hergestellt in der traditionsreichen chinesischen Porzellanmetropole Jingdezhen. Ai Weiwei thematisiert hier die Rolle des traditionellen Handwerks im Zeitalter von Massenproduktion und Globalisierung. Zugleich reflektiert Sunflower Seeds auf symbolischer Ebene das Spannungsfeld von Individualität und Staat: Mao Zedong ließ sich einst als Sonne darstellen, und die chinesische Bevölkerung sollte sich wie die Sonnenblumen nach ihm ausrichten. Heute ist China das Niedriglohnland für international gefragte Konsumgüter. Die staatlich verordnete Revolution hat seine Ziele im Sinne des globalisierten Kapitalismus angepasst. Zurück bleibt ein Individuum, das sich diesen Zielen unterzuordnen hat.

Ai Weiwei (–01.09.2019)
Kunstsammlung NRW, Düsseldorf
Grabbeplatz 5 (K20)
Ständehausstraße 1 (K21)
Di-Fr: 10-18 Uhr, Sa, So, feiertags: 10-18 Uhr
Kunstsammlung.de

© 01. Juli 2019  WESTZEIT ||| Autor: Till Barz