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NATHALIE DJURBERG & HANS BERG

Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

Mit Objekten, Musik und Animationen schaffen Nathalie Djurberg und Hans Berg suggestive Traumwelten, in denen man sich verlieren kann. Ihre Installationen und Stop-Motion-Filme verführen mit der Kraft des Unterbewusstseins und sinnlicher Körperlichkeit. Internationale Bekanntheit erlangte das schwedische Künstlerpaar 2009, als ihre große Rauminstallation „The Experiment“ auf der Venedig Biennale zu sehen war und mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet wurde. Erstmals in Deutschland zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt einen umfangreichen Überblick aus knapp zwei Dekaden ihres multimedialen künstlerischen Schaffens.

Florentin, 2004, Stop motion animation, video, music, 3:36 min., © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Unten: Open Window, 2011, Stop motion animation, video, music, 5:54 min., © Nathalie Djurberg & Hans Berg / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

„A Journey through Mud and Confusion with Small Glimpses of Air“ verspricht die Ausstellung des schwedischen Künstlerduos Nathalie Djurberg (*1978) und Hans Berg (*1978), die nach Stationen in Schweden und Italien ab dem 28. Februar 2019 in der Frankfurter Schirn zu sehen ist. Anhand von Multimedia-Installationen, zahlreichen Videos und Skulpturen wird hier ein außergewöhnliches Œuvre vorgestellt, dessen Sogwirkung man sich kaum entziehen kann. In farbenprächtigen Inszenierungen, die von elektronischen Sounds begleitet werden, führen ihre Werke durch groteske Geschichten, die der irrealen Logik von Träumen oder Märchen entspringen – spielerisch humorvoll, konfus wie Psycho-Trip und assoziativ aufgeladen.

Djurberg schafft in minutiöser Feinarbeit Stop-Motion-Filme und Knetfiguren, die die Gesetzen der Schwerkraft genauso wie Konventionen und feste Identitäten außer Gefecht setzen. Formal lassen die lebhaften Figuren aus Plastilin, Ton, Textil und Kunsthaar die Welt von Kinderfilmen nachklingen. Die Akteure sind aber alles andere als unschuldige Spielpuppen. Sie zeichnen sich als stereotypische Darstellungen von bisweilen vulgärer Derbheit aus oder sind irritierende Mischwesen, die zwischen Mensch und Tier oszillieren. Figuren wie der Wolf, der immer wieder in den Filmen auftaucht, verweisen auf die Märchen der Gebrüder Grimm. Doch es geht hier nicht um eine Neudeutung altbekannter Allegorien. Assoziationen und Erwartungen werden durch die filmische Handlung und den kongenial begleitenden Soundtrack von Hans Berg subversiv durchkreuzt.

Ein Hybrid aus Mensch und Schwein, Männer in liturgischen Gewändern, die versuchen eine junge nackte Frau in ihre Umhänge zu locken, ein kiffender Wolf oder eine weibliche Person in einer Höhle, einsam wie in einer Gefängniszelle, sind typische Protagonisten der Filme von Djurberg und Berg. Sie lassen sie an abgegrenzten Orten, im Wald, einer Kammer oder auf einer Bühne in Aktion treten, wo sie getrieben von ihren Ängsten und Sehnsüchten, auf der Suche nach Befriedigung, grausame, lustvolle, mitunter auch komische Situationen erleben. Die Kompositionen aus Sound, Licht und Farbe, in denen sich diese Wesen bewegen, fordern zur unmittelbaren Stellungnahme heraus: Ist alles nur ein absurder Traum oder ein Blick in die realen Abgründe des Unterbewusstseins?

Die fantastischen Kammerspiele von Djurberg und Berg wirken zeitlos, weil sie niederschwellig die großen Fragen der menschlichen Existenz verhandeln. Es geht um Liebe, Macht, Tod, Erotik und jegliche Formen zwischenmenschlicher Beziehungen. Mit ihren eindringlichen Bildern und der hypnotischen Musik, die sich im gemeinsamen Schaffensprozess des Künstlerduos gegenseitig beeinflussen, wird die Schaulust des Betrachters angefacht und gleichzeitig das psychologische Abwehrsystem moralischer Abscheu und gesellschaftlicher Tabus deaktiviert. So unmittelbar wird sein Nervenkostüm angegriffen, dass sich der Betrachter willig auf eine Reise zu verdrängten, teilweise animalischen Erinnerungsfrag- menten einlässt, die die Grenzen von Schuld und Scham überschreitet. Wie Kuratorin Katharina Dohm schreibt: „Wegschauen ist keine Option“.

In „Tiger Licking Girl’s Butt“ (2004) leckt ein Tiger einer nackten Frau immer wieder über den Po. Sie wundert sich: „Why do I have this urge to do these things over and over again?” Es ist eine satirisch zugespitzte Fabel von Begierde und Abscheu, die als beispielhaft für die Zerrissenheit des Menschen gesehen werden kann. Immer wieder thematisieren die Filme von Nathalie Djurberg und Hans Berg komplementäre Begriffspaare wie Macht und Ohnmacht, Fürsorge und Missbrauch, Gewalt und Liebe, Masochismus und Sadismus, Monstrosität und Verletzlichkeit. Sie zeigen darin die Schönheit des Lebens in dunklen Fantasien, provokanten Darstellungen und überzogenen Klischeebildern, im bewussten Bruch mit gesellschaftlichen Tabus.

Die Künstler nehmen die Besucher der Ausstellung mit auf eine Reise ins Innere des Menschen. Lena Essling, Kuratorin der Ausstellung am Moderna Museet in Stockholm, beschreibt die Ausstellung in diesem Sinne als „eine Reise ins ureigene Unterholz, das tief vergraben, unberührt, geschützt durch Gestrüpp und Dornen in uns liegt. Sie schicken uns auf eine Reise durch viel Dunkel und Schatten, durch Unheimliches und Unbekanntes, zurück zu unseren Ängsten und Trieben und schließlich hin zu mehr Klarheit.“
Zur Ausstellung ist ein begleitender Katalog beim Verlag Hatje Cantz erschienen, herausgegeben von Lena Essling, mit englischen Texten von Lena Essling, Massimiliano Gioni, Patricia MacCormack und David Toop. Broschur, 280 Seiten, mit 600 Abbildungen. Till Barz

Nathalie Djurberg & Hans Berg. A Journey
Through Mud and Confusion with Small
Glimpses of Air (28.02. – 26.05.2019)
Schirn Kunsthalle
Römerberg, 60311 Frankfurt
www.schirn.de

© 01. Februar 2019  WESTZEIT ||| Autor: Till Barz