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Harald Szeemann - Museum der Obsessionen / Großvater: Ein Pionier wie wir

Erstmalig präsentiert die Kunsthalle Düsseldorf mit einer Doppelausstellung einen umfassenden Einblick in das Universum des legendären Schweizer Ausstellungsmachers Harald Szeemann. Szeemann ist eine Schlüsselfigur der Kunstszene des 20. Jahrhunderts. Er hat Konventionen gesprengt und mit seinen revolutionären Konzepten das Verständnis der kuratorischen Tätigkeit nachhaltig verändert. In Düsseldorf ist jetzt ein Reenactment seiner Ausstellung „Großvater: Ein Pionier wie wir“ von 1974 zu sehen. Parallel nähert sich „Museum der Obsessionen“ dem Schaffen des Kurators anhand der für ihn zentralen Themenfelder, wobei auf seinen umfangreichen persönlichen Nachlass voller Dokumente, Geistesblitze und nichtrealisierter Ideen zurückgegriffen wird.

Kämme und Accessoires von Étienne Szeemann, Installationsansicht Grossvater: Ein Pionier wie wir, Galerie Toni Gerber, Bern, 16. Februar – 20. April 1974.



Als blutjunger Direktor der Kunsthalle Bern lenkte Harald Szeemann das Ausstellungsmachen in völlig neue Bahnen und erfand an diesem Ort wegweisende Modelle des Kuratorischen. Zwischen 1961 und 1969 katapultierte er die Kunsthalle Bern mit revolutionären Projekten in den Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit. Gesellschaftlich war es eine Zeit der Aufstände und Umbrüche, in dessen Fahrtwind neue Modelle entstehen konnten. Ausstellungen wie „Science Fiction“ (1968), Christos und Jean Claudes Projekt „Wrapped Kunsthalle Bern“ (1967-68) oder der Skandal um die Ausstellung „Live in Your Head: When Attitudes Become Form“ (1969) veränderten nachhaltig das Verständnis und Art und Weise, mit Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten, aber auch das Verständnis von Kunst insgesamt.

Welche Provokation die Ausstellung in der Kunsthalle Bern von 1969 bedeutete, lässt sich heute kaum nachvollziehen, weil ihre Wirkungsgeschichte in der Selbstverständlichkeit neuer, erweiterter Ausstellungsformate sowie der veränderten Herangehensweisen an Kunst überhaupt aufgegangen ist. „Live in Your Head: When Attitudes Become Form“ war gleichsam die Geburtsstunde der modernen Kuratorenausstellung, samt schwerer Wehen. Ein Misthaufen vor der Kunsthalle manifestierte damals die Wut der aufgebrachten Bürger, die von dem neuen Ausstellungstyp überfordert waren. Die Besucher wurden mit zeitgenössischen Arbeiten konfrontiert, die man heute der Conceptual Art, der Arte Povera oder Land Art zuordnen würde, also mit wesentlich prozesshaften Arbeiten, die sich erst durch den aktiven raum-zeitlichen Beitrag des Betrachters erschließen und darin Bestand haben.

Der Skandal machte Harald Szeemann auf einen Schlag berühmt. Er schmiss seinen Direktorenposten nach Ausstellungsende, gründete die „Agentur für geistige Gastarbeit“ und erlebte drei Jahre später als Leiter der „documenta 5“ in Kassel den Aufstieg zum Weltstar der Kuratoren. Zu den Ausstellungen, die Szeemanns Ruf als wegweisender Kurator in den folgenden Jahren festigten, zählten u.a. „Junggesellenmaschinen“ (1975), „Monte Verità – Berg der Wahrheit“ (1978) oder „Hang zum Gesamtkunstwerk“ (1983). Fern aller institutionellen Zwänge kuratierte er bis zu seinem Tod im Jahre 2005 rund 200 Ausstellungen. Die Materialien für seine Projekte und Ideen archivierte er mit anderen Objekten seiner Leidenschaft für das Sammeln und Dokumentieren auf 2.700 Quadratmetern in seinem Büro in der Fabbrica Rosa in Maggia. Dieses Archiv bildet auch die heterogene stoffliche Grundlage für die in der Kunsthalle Düsseldorf präsentierte Ausstellung „Museum der Obsessionen“. Der Titel lässt sich als Referenz auf seine Vision eines „Museums der Obsessionen“ lesen, das nur Gegenstände mit obsessiver Ausstrahlung versammelt, aber auch im Hinblick auf seine obsessive Sammellust.

Postcards from Harald Szeemann’s collection of ’pataphysics material. The Getty Research Institute, 2011.M.30

2011 erwarb das Getty Research Institute (GRI) in Los Angeles den immensen Nachlass des Ausstellungsmachers und Sammlers. Das fünf Jahrzehnte umspannende Konvolut von Korrespondenz, Objekten und Publikationen wurde von einem mehrköpfigen Team über sieben Jahre lang systematisch aufgearbeitet, um Harald Szeemanns intellektuellen Kosmos, seine Recherchen, Pläne und Projekte sowie seine weltweiten Netzwerke zu dokumentieren. Die Ausstellung „Museum der Obsessionen“ versammelt ausgewählte Materialen aus dem persönlichen Archiv, um Leben, Denken und Wirken dieser zentralen Figur der Kunstszene nachzuzeichnen. Gleichzeitig bringt sie neue Fragen zur Geschichte des Kuratierens und zur Rolle des Kurators auf den Plan.
„Museum der Obsessionen“ wird von der parallelen Re-Inszenierung der Wohnungsausstellung „Großvater: Ein Pionier wie wir“ (1974) begleitet. Nach der „documenta 5“ widmete sich Szeemann seinem Großvater Etienne Szeemann (1873-1971), einem berühmten Coiffeur, der an Königshäuser bestellt wurde und einen Dauerwellenautomaten erfand. Minutiös inszenierte er über 1.200 Gegenstände aus dem Nachlass des ungarischen Migranten in seiner Berner Wohnung. In das faszinierende Arrangement webte Szeemann die Erzählung einer Lebensgeschichte ein und erfand auf verschiedenen Ebenen Möglichkeiten, wie durch Dinge im Raum eine Geschichte vermittelt werden kann. Im Zusammenspiel mit "Museum der Obsessionen" offenbart sich in der Düsseldorfer Doppelausstellung die Komplexität der Themen, Interessen und Entwicklungen von Harald Szeemann.

Harald Szeemann. Museum der Obsessionen / Großvater: Ein Pionier
wie wir (13.10.2018 - 20.01.2019)
Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz 4
Di - So / Feiertage 10-18h
www.kunsthalle-duesseldorf.de

© 01. Oktober 2018  WESTZEIT ||| Autor: Till Barz