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Afro-Tech and the Future of Re-Invention

HMKV Hardware MedienKunstVerein Dortmund

Das Zusammendenken von Afrika und Technologie scheint aus westlicher Sicht nicht sehr naheliegend, ganz zu schweigen von dem Gedanken, dass so etwas wie eine genuin afrikanische technokulturelle Ästhetik existiert. Zu sehr ist der Blick auf den afrikanischen Kontinent und seine 55 Länder von Klischees, Vorbehalten, negativen Prognosen und Ahnungslosigkeit geprägt. Mit der Ausstellung „Afro-Tech and the Future of Re-Invention“ des HMKV (Hartware MedienKunstVerein) wird dieser einseitige Blick offensiv gekontert: Gezeigt werden 20 internationale künstlerische Positionen sowie 12 Tech-Projekte aus den Maker-Szenen verschiedener Länder Afrikas und der afrikanischen Diaspora.

Links: Cristina De Middel, „Iko Iko“ aus „The Afronauts“, 2012, © Cristina De Middel

Rechts: Fabrice Monteiro „Ogun“ aus der Serie „The Prophecy“, 2016, Courtesy of the artist © ADAGP

Bereits Mitte der 1950er formierte sich der Afrofuturismus als alternative kulturelle Ästhetik innerhalb der afroamerikanischen Community in den USA. Der Afrofuturismus verband Elemente der Science-Fiction, Afrozentrizität und nicht-westlicher Mythologie. Vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung von Rassismus und Diskriminierung thematisierte der Afrofuturismus eine spekulative Zukunft, die einen Raum für die eigene Geschichte eröffnet, für Emanzipation, Selbstermächtigung und individuelle Freiheit. Zu seinen bedeutendsten und bekanntesten Repräsentanten gehört der avantgardistische Jazzmusiker Herman Blount, der sich als Kunstfigur Sun Ra vom Planeten Saturn neu erfand. Als Sun Ra stilisierte er den Weltraum zum Sehnsuchtsort, an dem alle Menschen einen Raum für ihre eigene Erzählung finden und frei sein können. Sun Ras Ideen und performative Praxis sollte in der Folge eine Vielzahl anderer Künstler beeinflussen, insbesondere im Techno (z.B. Drexciya) und in der aktuellen elektronischen Clubmusik sowie dem Hip-Hop.

Sun Ra und die Bildwelt des Afrofuturismus werden in der Dortmunder Ausstellung auf verschiedenen Gestaltungsebenen aufgenommen, so etwa im Artwork, das den ägyptisierenden Kopfschmuck Sun Ras zitiert oder in der Szenografie der Architektin Ruth M. Lorenz, die das Dortmunder U als Raumschiff im Sinne der mythischen „Mothership Connection“ imaginiert und den Ausstellungsraum des HMKV als dessen unheimlich-technoiden, zugleich faszinierenden Unterbau. Raumfahrt und Weltraum werden in den ausgestellten Arbeiten und Videoinstallationen immer wieder thematisiert, so etwa in dem Kurzfilm „Afronauts“ der ghanaischen Regisseurin Frances Bodomo, der die reale Geschichte eines geplanten Weltraumprogramms im Sambia der 1960er Jahre erzählt – in einer Zeit, in der politische Utopien auf technologischen Fortschritt treffen.

Die von Inke Arns und Fabian Saavedra-Lara kuratierte Ausstellung stellt eine Verbindung zwischen Afrofuturismus und den alternativen technologischen Energien und Imaginationen her, die sich in den afrikanischen Ländern äußerst dynamisch entwickeln. Ausgangspunkt war eine Recherchereise, deren Interesse der Maker-Szene und den neuen technischen Geräten, Apps, Softwarelösungen und digitalen Produkten galt, die seit einigen Jahren vor dem Hintergrund der zunehmenden Digitalisierung und Vernetzung auf dem afrikanischen Kontinent entstehen. Viele dieser Erfindungen haben zum Ziel, der Gemeinschaft ihrer Nutzer im Alltag zu helfen und infrastrukturelle Probleme auszugleichen. Sie funktionieren oftmals nach Prinzipien von allgemeiner Zugänglichkeit und Open Source. Sie stellen in ihrer Zugänglichkeit und Offenheit einen Gegenentwurf zu den technologischen Monokulturen des "globalen Nordens" dar.

Die technischen Exponate begleiten die dezidiert afrikanischen und diasporischen Science-Fiction-Narrative gleichsam als reale Zeugen einer tatsächlich begonnenen technologischen Realisierung der Zukunftsentwürfe. Dadurch erhalten die spekulativen Zukunftsvorstellungen der ausgestellten künstlerischen Arbeiten einen zwingenden, überzeugend visionären Charakter. Zu solchen Visionen gehören allerdings auch apokalyptische Bilder, wie die des Fotografen Fabrice Monteiro. In seiner Fotoarbeit „The Prophecy“ weist er auf Umweltzerstörung und die Folgen scheinbar grenzenlosen Wachstums hin. In den höchst kunstvollen Inszenierungen von fantastisch anmutenden Mischwesen wird zugleich die Tradition animistischer Vorstellungen der Beseelung aller Dinge als mahnender Mythos für unsere Zukunft aufgegriffen.

Afro-Tech and the Future of Re-Invention (– 22.04.2018)

HMKV im Dortmunder U, Ebene 3, HMKV (Hartware MedienKunstVerein)im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund

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© 01. November 2017  WESTZEIT ||| Autor: Till Barz