www.westzeit.de

Singular / Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena

Kunsthalle Düsseldorf

Auf „Wirtschaftswerte / Museumswerte“ folgt die zweite Ausstellung im Jubiläumsjahr der Düsseldorfer Kunsthalle. Auch dieses Mal richtet sich der Blick retrospektivisch auf die Bedingungen der Möglichkeit zeitgenössischer Kunst im Kontext gesellschaftlicher Umwerfungen und Umwertungen. „Singular / Plural“ stellt die Kunstszene Düsseldorfs im Zeitraum von 1970 bis 1980 in den Mittelpunkt – genauer: unter dem Aspekt des kollaborativen Arbeitens und der vornehmlich antiinstitutionellen Haltungen der Künstlerinnen und Künstler Michael Deistler, Bruno Demattio, Achim Duchow, Astrid Heibach, Candida Höfer, Christof Kohlhöfer, Ingrid Kohlhöfer, Lutz Mommartz, Tony Morgan, Angelika Oehms, Sigmar Polke, Ulrike Rosenbach, Stefan Runge, Conrad Schnitzler, Emil Schult, Memphis Schulze, Katharina Sieverding, Klaus vom Bruch, Ilona & Wolfgang Weber in der Post-Pop-Polit-Arena.

Links: Sigmar Polke Ohne Titel (Gitarre, Schallplatte, Tänzer), 1973, Gouache auf Papier 100 x 70 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Rechts: Memphis Schulze u. a. Hochzeitsbild, 1977, Kaseinfarbe, Sprühlack auf Papier auf Leinwand kaschiert, 230 x 280 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

In den 1970er Jahren setzte in Deutschland ein fundamentaler ökonomischer, sozialer und kultureller Strukturwandel ein, dessen Folgen bis heute spürbar bleiben. Die Kunst der Nachkriegszeit wurde durch diesen gesamtgesellschaftlichen Prozess entscheidend geprägt und in ihrer experimentellen Vielfalt ausdifferenziert. Die Liberalisierung der Lebensstile, neue soziale Bewegungen und die Verbreitung der Popkulturen brachen mit den überkommenden bürgerlichen Ordnungs- und Wertvorstellungen. Zugleich verbreitete sich eine gewisse politische Ernüchterung angesichts der enttäuschten revolutionären Hoffnungen der 68er. Dazu kamen die Angst des Kalten Krieges sowie die Herausforderungen des postindustriellen Zeitalters. Entwicklungen, denen man auf ästhetischer Ebene mit verstärkter Selbstironie und subversiven Aktionen begegnete. Insgesamt pendelte die Befindlichkeit dieses Jahrzehnts zwischen Krisengefühl und Aufbruchsstimmung.



Die Künstlerinnen und Künstler der damaligen Düsseldorfer Szene, von denen viele später auch international bekannt werden sollten, waren eine lose, kosmopolitisch orientierte Gruppe. Sie erprobten alternative Lebensmodelle und Strategien in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung vom Mainstream und dem Nachleben des deutschen Faschismus, Kolonialgeschichte und aufkommender Genderfragen. Comics, Popkultur, Rockabilly, Hippie- und Rockertum, später Punk und New Wave, interessierte sie genauso wie Malerei nach der Malerei, Musik, Fotografie, Diaprojektionen, Film und Intermedia, Performances, Alltag oder die Riten des Rheinlandes. Die subkulturellen Impulse und das Experimentieren mit Medien und Formaten verbanden sich mit einer politischen Haltung zu einer zeitgeschichtlichen Konstellation, die von den Kuratoren der Ausstellung als „Post-Pop-Polit-Arena“ bezeichnet wird.



Die Post-Pop-Polit-Arena definiert Raum und Klima, in dem sich die künstlerischen Persönlichkeiten der Düsseldorfer Gruppe oftmals ganz bewusst in Auseinandersetzung mit dem Kollektiv ausbildeten. Im Kollektiv wurden untereinander Materialien getauscht oder gemeinschaftliche Werke erstellt, wie etwa das "Hochzeitsbild" (1977), an dem Memphis Schulze, Sigmar Polke und andere mitmalten. Die dokumentarisch zusammengetragene „Wonderwall“ vermittelt einen Eindruck von der Vielfalt der Materialien, die zirkulierten: vom Undergroundcomic über die Produktionen der italienischen Trash-Kultur, Schallplattencover, Masken und Witzblättern bis hin zu anarchistischen Satiremagazinen oder politischen Publikationen, wurden viel Populäres und historische Zeitdokumente miteinander geteilt.



Thematisch ging es der Gruppe um die Neuanordnung der Mythen des Populären, um das Aneignen, Wiederholen, Sampeln, Umdeuten, Kopieren und Fälschen von visuellem Material mit Blick auf die implizite politische und gesellschaftliche Botschaft von Bildern. Die machtpolitische Funktion von Bildlichkeit wurde durch den subversiven Remix radikal hinterfragt. Gleichzeitig stellte sich im Kollektiv die Frage, wie das einzelne künstlerische Individuum in der Pluralität funktioniert, ohne sich in der Totalität aufzulösen.



Innerhalb der Düsseldorfer Szene wurden die Prozesse des Austausches, Wandels und der Diskussion innerhalb von öffentlichen Foren aufrechterhalten; dabei fungierte die Kunsthalle als zentrale Bühne für ihre Aktivitäten. Die labyrinthische Anlage der aktuellen Ausstellung mit ihren 160 Gemälden, Fotografien, Diaprojektionen und Performancedokumentationen vermittelt einen guten Eindruck von der bunt-wuselnden, bisweilen chaotischen Konstellation dieser Gründerzeit und ihren Akteuren, unter denen große Namen wie Sigmar Polke und Katharina Sieverding, aber auch echte Neuentdeckungen zu entdecken sind.



Singular / Plural - Kollaborationen in der

Post-Pop-Polit-Arena

Kunsthalle Düsseldorf (-01.10.2017)

Grabbeplatz 4

Di-So, Feiertage: 11-18 Uhr

Jeden 2. Sonntag im Monat: Familientag bei freiem Eintritt.

+49 (0)211 - 89 962 40

Info: kunsthalle-duesseldorf.de

© 01. August 2017  WESTZEIT ||| Autor: Till Barz