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BASQUIAT "BOOM FOR REAL" - Schirn Kunsthalle Frankfurt/Main

Er war der jüngste Künstler, der jemals an einer Documenta teilgenommen hat. Er war der erste afroamerikanische Künstler, der in der hauptsächlich weißen Kunstwelt der USA den Durchbruch schaffte. Jean-Michel Basquiat (1960–1988), der wissensdurstige Autodidakt, der Ruhelose, getrieben von einem hypomanischen Schaffensdrang, hat sich mit großen Lettern in die Geschichte der Kunst des 20. Jahrhunderts eingeschrieben. Mehr als 30 Jahre nach Basquiats letzter Präsentation in einer öffentlichen Sammlung in Deutschland widmet die Schirn dem Werk des Ausnahmekünstlers eine große Einzelausstellung und zeigt eine Auswahl von über 100 Werken.

Glenn, 1984, Acrylic, oil stick and photocopy, collage on canvas, Private collection, ©VG Bild-Kunst Bonn, 2018 & The Estate of Jean-Michel Basquiat, Licensed by Artestar, New York

Basquiat ist knapp 17 Jahre alt, als er das zweite Mal und endgültig von zuhause wegläuft. Er will nicht zurück zum strengen Vater, nicht zurück nach Brooklyn, wo er 1960 geboren wurde. Die Eltern, die aus Puerto Rico stammende Mutter und sein Haitianischer Vater, gehören zur aufstrebenden Mittelschicht. Sie konnten es sich leisten, den Sohn auf eine Privatschule zu schicken und ermöglichten ihm früh den Zugang zu Kunst und Kultur. Er malt und zeichnet viel und gern. Aber der junge Basquiat ist auch eine rebellische Natur. Er fordert die Autoritäten an den Schulen genauso heraus wie den Vater, um schließlich den endgültigen Schritt in die Unabhängigkeit zu unternehmen und alleine nach Manhattan zu ziehen.

Was Basquiat in seine frühe Selbstständigkeit mitnimmt, ist das alles durchdringende Interesse an der Kunst, die Idee der Kunstszene als Kollaborationsplattform sowie eine unersättliche enzyklopädische Neugierde und Faszination für die Assoziationskraft der Worte. Seine künstlerischen Ambitionen sind in der ersten Zeit noch weitgehend unfokussiert. So verkauft er in Greenwich Village bemalte T-Shirts und Postkarten an Touristen, beweist aber gleichzeitig ein taktisches Gespür für die Trends und frische Impulse um ihn herum: Graffiti ist Ende 1970er das neue Ding, von dem man spricht, aber niemand hat es bisher mit der Kunstszene in Verbindung gebracht.

Gemeinsam mit dem Schulfreund und Graffiti-Writer Al Diaz begründet Basquiat eine eigene konzeptuelle Form der Graffitikunst. Unter dem Pseudonym SAMO© (Abkürzung für „same old … shit“) ziehen die beiden Freunde durch Manhattan und schreiben in einem rauen, ungehobelten Duktus kryptische Parolen auf die Häuserwände. Gespickt mit Anspielungen auf die Vermischung von Kunst, Kommerz und Medien, zielen die ironischen Slogans auf die Kunstszene und verfehlen nicht ihre provokante Wirkung. Die mit dem SAMO©-Tag signierten Botschaften bewegen die New Yorker. Man rätselt fieberhaft über deren Urheberschaft.
SAMO© ist gleichsam die erste Brennstufe für den späteren steilen Aufstieg
Links: Untitled, 1980, Enamel, spray paint and oil stick on enamelled metal, ©VG Bild-Kunst Bonn, 2018
Basquiats. Die frechen Graffitis im Galerienviertel sichern ihm die Aufmerksamkeit in der New Yorker Kunstszene des Post-Punk und New Wave. Auch in den Medien wird er zum Thema. So lüftet das Stadtmagazin Village Voice im Dezember 1978 das Geheimnis um SAMO©. Basquiat selbst tritt damals als regelmäßiger Gast in der öffentlichen Underground TV-Sendung „TV Party“ von Glenn O'Brien auf. Er findet Anschluss an die New Yorker Szene und weiß die Menschen mit manipulativem Charme und viel Talent für sich einzunehmen.
Als er Ende 1979 die Zusammenarbeit mit Al Diaz beendet, liest man „SAMO© IS DEAD" in den Straßen von Lower Manhattan. Für Basquiat bedeutet dieses Ende den künstlerischen Start unter eigenem Namen. Er will weg von der Street Art, hin zur großen Leinwand. Auf den Weg dorthin diktiert aber zunächst materielle Knappheit das Trägermedium: er malt auf Türen und Fensterrahmen, nutzt jede verfügbare Fläche; mit schier unerschöpflichem Drang und starkem Strich bricht es aus ihm heraus. Er setzt spielerisch Symbole, Formen, Gestalten und Ausdrücke zu expressiven Werken aneinander, die gleichzeitig hintersinnig referenzieren und in ihrer Schroffheit auf direkte Weise ansprechen.
Dann geht es ganz schnell: Basquiat bewegt sich in den richtigen Kreisen, lernt wichtige Leute kennen, darunter Warhol, mit dem ihm, bis zu dessen Tod, eine kurze aber enge Freundschaft und Kollaboration verbinden sollte. Von seinem Freund und Förderer Diego Cortez wird Basquiat zur Gruppenaustellung „The Times Square Show“ eingeladen, im Februar 1981 zur legendären „New York/New Wave“ im PS1, gemeinsam mit Andy Warhol, Nan Goldin, Robert Mapplethorpe, David Byrne und William Burroughs. Der Aufstieg des Jean-Michel Basquiat zum Shooting-Star der New Yorker Kunstszene ist nun unaufhaltsam.
Für die Ausstellung in der der SCHIRN wurden einige von Basquiats frühesten ausgestellten Arbeiten rekonstruiert. Anhand dieser Ausstellungsstücke wird gut nachvollziehbar, wie er so ungemein schnell die Bewunderung der Kunstwelt und Kritiker gewinnen konnte. Die Ausstellung verortet Basquiat zudem multimedial: mit Musik, Text, Film und Fernsehen aus der Zeit des Künstlers. Die Geschichte eines kurzen aber intensiven Künstlerlebens, das mit dem tragischen Heroin-Tod von Jean-Michel Basquiat am 12. August 1988 endet. Till Barz

Basquiat - Boom for Real (16.02.-27.05.2018)
Schirn Kunsthalle
Römerberg 6, Frankfurt/Main
Di, Fr-So 10-19 Uhr, Mi+Do 10-22 Uhr
Tel. +49 69 299882-112
Info: www.schirn.de
© 01. Februar 2018  WESTZEIT ||| Text: Till Barz ||| Datenschutz
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