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Samson Young - Kunsthalle Düsseldorf

Auf drei Etagen präsentiert die Düsseldorfer Kunsthalle die erste institutionelle Ausstellung des Hongkonger Soundkünstlers und Komponisten Samson Young in Deutschland und Europa überhaupt. Der 1979 geborene Young, der seine Heimatstadt auf der diesjährigen Biennale in Venedig vertreten wird, verbindet in seinem Œuvre die ästhetischen Dimensionen von Musik, Soundart und bildender Kunst zu Raum- und Zeit-greifenden multimedialen Formaten mit gesellschaftspolitischem Impetus.

Abb. rechts: For Whom the Bell Tolls: A Journey Into the Sonic History of Conflicts (2015 - ), Dokumentationsaufnahme, Research-in-progress

Abb. links: Stanley, 2014 (Detail), Neon, Sand, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Foto: Katja Illner



Klänge und Geräusche sind für synästhetisch begabte Menschen, zu denen auch Samson Young gehört, auf natürliche Weise mit anderen Sinnesmodalitäten gekoppelt. Den Glockenschlag des Kölner Doms empfindet Samson Young so etwa als  grün-blau, während er den Glockenschlag der Peter-und-Paul-Kathedrale in St. Petersburg dagegen als pink-beige hört. Ein privilegierter Sinnes-Zugang zu einer Welt, in der Farben und Töne untrennbar miteinander verbunden sind. Ganz praktisch macht sich Young  diese Begabung in seiner akustischen Kartographie zu Nutze: In den sogenannten „Sound Drawings“ überträgt der Künstler die Geräusche seiner Umgebung in eine Notation und Farben, die widergeben, was er hört. Hörbilder im wahrsten Sinne.

Es geht Young aber um viel mehr, als um die Rekonstruktion und Darstellung der subjektiven Formen von Wahrnehmung in Raum und Zeit. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine methodische Präzision und konzeptuelle Stringenz aus, die konkrete historisch-gesellschaftliche Bezüge innerhalb der Dimension des ästhetisch Erfahrbaren entdecken lassen wollen. Beispielhaft für diesen Ansatz lässt sich sein Projekt „For Whom the Bell Tolls: A Journey Into the Sonic History of Conflicts” anführen: Eine Forschungsreise auf fünf Kontinenten zu historisch bedeutenden Glocken, deren individuellen Sound und Umgebung er mit der systematischen Akribie eines Wissenschaftlers aufzeichnete.

Auf der Reise sind sowohl die erwähnten „Sound Drawings“ entstanden als auch ein Archiv von Glockensounds, aus denen Young eine neues Stück komponieren wird. Während die Bilder den räumlich-situativen akustischen Kontext visualisieren, bieten ihm die archivierten Aufnahmen eine Basis für weitergehende Klanganalysen, in denen er ihr Spektrum und ihre Charakteristik untersucht. Die dabei zutage tretenden Parallelen, wie die zwischen dem Glockenklang und dem Geräusch einer explodierenden Bombe, führen dann hermeneutisch zurück auf die soziale Bedeutungsebene der Klangphänomene. Die Glocke wird damit in ihrem historischen Kontext als Signalinstrument für gesellschaftlich-herrschaftliche Prozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Konflikten und Kriegen aufgezeigt und gedeutet.
Der Zusammenhang zwischen Konflikten und Klang sowie dessen Aufdeckung zieht sich als roter Faden thematisch durch die Arbeiten von Young. Gezielt versucht der Soundkünstler, Hören und Hörgewohnheiten aufzubrechen, um Situationen neu zu hören bzw. den Sound an sich und seine machtpolitischen Qualitäten wahrzunehmen. In der Live-Performance „Nocturne“  reproduziert er mithilfe von Haushaltsgegenständen und den Mitteln eines „Echtzeit-Geräusche-Machers“  so genau wie möglich die Geräusche zu den Videoaufnahmen von Nachtbombardements, überwiegend US-Angriffe im Mittleren Osten, vom Golfkrieg bis zur sogenannten ISIS. Die von ihm produzierten Soundeffekte für Explosionen, Feuerwaffen und herabstürzende Trümmerteile werden dabei vor Ort mittels Piratenradiofrequenzen übertragen.
Ähnlich subversiv angelegt ist die Werkreihe „Muted Situation“, in denen die vordergründigen Klänge zugunsten der normalerweise gar nicht oder nur als störend wahrgenommenen Sound-Layer ausgeblendet werden. Der Besucher erhält ausdrückliche Anweisungen, in der vermeintlichen verbleibenden Stille auf die Nebengeräusche zu fokussieren. Das Ziel besteht darin,  die dominierenden Stimmen auszublenden, um dem sonst Marginalisierten und Ungehörten ein Ohr zu verschaffen. Diese durchaus als politisch zu verstehende Intention setzt sich konsequent fort in den beiden Performance-Installation „Stanley“ und „Canon“. Samson möchte uns auf die Unter- und Zwischentöne in unserem Alltag aufmerksam machen und gleichzeitig vor der Instrumentalisierung von Klang als akustischer Waffe und Machtinstrument warnen.
Samson Young “A dark theme keeps me here,
I’ll make a broken music” (-05.03.2017)
Kunsthalle Düsseldorf
Grabbeplatz 4, 40213 Düsseldorf
Di - So, Feiertage: 11 - 18 Uhr
www.kunsthalle-duesseldorf.de
© 01. Februar 2017  WESTZEIT ||| Text: Till Barz
Kunst

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